Kritik des Präsidenten der Europäischen Rabbinerkonferenz, Goldschmidt: Staat soll Legitimität z.B. von Schächten oder Beschneidung männlicher Kinder nicht beurteilen
München, 05.07.2026 (KAP/KNA) Der Präsident der Europäischen Rabbinerkonferenz, Oberrabbiner Pinchas Goldschmidt, sieht religiöse Praktiken wie das Schächten oder die Beschneidung männlicher Kinder europaweit zunehmend unter Druck. Legitime Anliegen wie Tierschutz und Kindeswohl würden dabei gegen Religionsgemeinschaften ausgespielt, ohne dass diesen genügend Gehör gegeben werde, beklagte Goldschmidt am Sonntag in Amberg (Bayern). Betroffen seien nicht nur Juden, sondern auch Muslime, sagte er beim ersten "Amberger Symposium zur Freiheit der Religionsausübung".
Bei diesen Einschränkungen bis hin zu Verboten gehe es weniger um Religion als um Migrationspolitik, befand der Oberrabbiner. Ziel sei, als fremd wahrgenommenen religiösen Minderheiten ein Leben in Europa unmöglich zu machen. Toleranz gegenüber dem Fremden sei aber der Prüfstein, ob Religionsfreiheit wirklich noch gelte.
Goldschmidt sprach sich für staatliche Zurückhaltung bei der Beurteilung religiöser Praktiken aus. Gerichte sollten es bei Plausibilitätsprüfungen belassen, sich aber nicht zum Schiedsrichter darüber aufschwingen, wie wichtig eine bestimmte Praxis für eine Religion sei.
Europa habe sich in seiner Religionspolitik vom Modell einer "Assimilation durch Zwang" verabschiedet, erläuterte der Oberrabbiner. Diese Idee sei historisch gescheitert. An deren Stelle müsse ein neues "Modell wechselseitiger Verpflichtung" treten. Im Gegenzug für ihren staatlichen Schutz müssten sich Religionen uneingeschränkt zum staatlichen Gewaltmonopol oder der Gleichberechtigung von Mann und Frau bekennen. Und etwa auch bei Fragen des Tierschutzes für Transparenz sorgen.