Ende 2026 soll zum ersten Mal gewählt werden - Von Katrin Gänsler (KNA)
Bonn/Juba, 07.07.2026 (KAP/KNA) Geburtstag im Südsudan. Der jüngste Staat der Welt, der im Osten Afrikas liegt, wird am 9. Juli 15 Jahre alt. Die Katholische Nachrichten-Agentur (KNA) beantwortet Fragen, was die Unabhängigkeit der Bevölkerung gebracht hat und warum es wenig Grund zum Feiern gibt.
Warum kam es überhaupt zur Staatsneugründung?
Bis zur Teilung war der Sudan Afrikas größter Flächenstaat. Über Jahrzehnte erlebte dieser einen komplexen Nord-Süd-Konflikt. Im Norden ist die Bevölkerung überwiegend muslimisch-arabisch, im Süden christlich. Letztere fühlte sich stets diskriminiert und marginalisiert. Ab 1983 galt beispielsweise auch für Christen die islamische Gesetzgebung Scharia. Von 1955 bis 1972 sowie von 1983 bis 2005 gab es zudem zwei Bürgerkriege. Das Friedensabkommen von 2005 zwischen der Regierung und der Sudanesischen Befreiungsarmee (SPLA) ebnete schließlich den Weg zur Teilung.
Warum wurde überhaupt aus zwei so ungleichen Regionen ein Land?
Das ist ein Ergebnis der Kolonialpolitik. 1884/1885 wurde der afrikanische Kontinent während der Berliner Kongo-Konferenz aufgeteilt. Die willkürliche Grenzziehung durch Ethnien oder traditionell gewachsene Regionen hindurch wirkt bis heute nach. Von 1899 bis 1956 wurde der Sudan nach dem Abkommen zum anglo-ägyptischen Kondominium gemeinsam von Großbritannien und Ägypten verwaltet, war aber de facto britische Kolonie. Experten zufolge wurden in der Verwaltung Schlüsselpositionen mit Muslimen aus dem Norden besetzt. Schon früh entstand ein Ungleichgewicht.
Wie wurde der Süden christlich?
Im 19. und frühen 20. Jahrhundert kamen christliche Missionare in den heutigen Südsudan, bereits 1858 beispielsweise die Comboni-Missionare. Heute sind rund 60 Prozent der gut 12 Millionen Einwohner Christen. Papst Franziskus besuchte das Land 2023.
Welche Rolle haben Rohstoffe in den Konflikten gespielt?
Ende der 1970er Jahre wurde Erdöl im Süden entdeckt, der so wirtschaftlich bedeutsam für die Regierung in Khartum wurde. Wiederum sah sich der Süden benachteiligt, denn die Öleinnahmen kamen ihm nicht zugute. Das hat den Konflikt zusätzlich befeuert.
Wie hat am 9. Juli 2011 die Bevölkerung die Unabhängigkeit gefeiert?
Es gab überall Partys, Flaggen mit Streifen in den Farben Schwarz, Rot und Grün, einem kleinen, hellblauen Dreieck sowie einem gelben Stern, Begeisterung und Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Dass sich die Bevölkerung auf die Unabhängigkeit freut, hatte bereits im Jänner ein Referendum gezeigt. 99 Prozent - 3,8 Millionen Stimmberechtigte - befürworteten die Abspaltung vom Sudan.
Hat sich mit der Unabhängigkeit die Situation der Bevölkerung verbessert?
Den Daten zufolge nicht. Laut Europäischer Kommission benötigen 2026 10 Millionen Menschen humanitäre Hilfe. Die Lebenserwartung liegt nach Unicef-Angaben bei unter 58 Jahren - auch im afrikanischen Vergleich einer der niedrigsten Werte. 2022 hatte laut Weltbank-Angaben lediglich 8 Prozent der Bevölkerung Zugang zu Strom. Vier von fünf Menschen leben unterhalb der Armutsgrenze. In den Analysen zu 15 Jahren Unabhängigkeit werden meist zwei weitere Zahlen genannt: Demnach lag 2011 das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf bei rund 1.400 US-Dollar, 2026 laut Internationalem Währungsfonds aber nur noch bei 488 US-Dollar.
Was passiert mit den Einnahmen aus dem Öl?
Der Staatshaushalt wird mit bis zu 95 Prozent aus den Öleinnahmen bestritten. Doch seit jeher gibt es Verteilungskämpfe - an der Staatskasse vorbei. 2025 schrieb der UN-Sicherheitsrat: "Die politische Ökonomie des Südsudan ist um ein tief verwurzeltes Patronagenetzwerk herum aufgebaut, das auf Rentenökonomie basiert." Es gebe einen verheerenden, gewaltsamen Kampf um die Kontrolle über den nationalen Reichtum.
Wie wirkt sich das im Alltag aus?
Eins der Ergebnisse: Staatsdiener werden immer wieder über Monate nicht bezahlt. Um sich zu versorgen, entwickeln sich Parallelsysteme. Korruption und Misstrauen entstehen.
Hat die Unabhängigkeit den erhofften Frieden gebracht?
Im Gegenteil. Aus einem Machtkampf zwischen Präsident Salva Kiir Mayardit (74) und seinem früheren Vize Riek Machar (73) - einst kämpften beide für die Unabhängigkeit - entwickelte sich ab 2013 ein Bürgerkrieg. Beiden Konfliktparteien werden schwere Kriegsverbrechen vorgeworfen. Das im September 2018 unterzeichnete Friedensabkommen wurde bisher kaum umgesetzt. Unter anderem fanden seit der Unabhängigkeit keine Wahlen statt.
Werden Wahlen geplant?
Ja, und zwar für Ende des Jahres. Vieles sei aber noch unklar, sagt Ulrich Thum, der in der Hauptstadt Juba das Länderbüro der deutschen, SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung leitet; etwa die praktische Umsetzung und auf welchen Ebenen überhaupt gewählt wird. Auch brauche es in der Bevölkerung mehr Wissen und Bewusstsein.
Was bringen Wahlen?
Laut Thum einerseits eine gewisse Legitimierung, andererseits böten sie auch Konfliktpotenzial. So ist nicht klar, ob Machar überhaupt zugelassen wird. 2025 wurde der einstige Vize zunächst unter Hausarrest gestellt und später wegen Mordes, Hochverrats und Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt. Ihm und seiner Partei, der Sudanesischen Befreiungsbewegung in Opposition (SPLM-IO), werden Verbindungen zur Miliz "Weiße Armee" vorgeworfen. In der Vergangenheit gab es regelmäßig Zusammenstöße mit den Regierungstruppen. Machars Ethnie, er ist Nuer, dominiert die Miliz. Anhänger der SPLM-IO drohen wiederum, Wahlen zu sabotieren.
Wirkt sich der Krieg im Nachbarland Sudan auch aus?
Ja, der Südsudan hat beispielsweise mehr als 600.000 Flüchtlinge aufgenommen. Durch den Krieg wurde außerdem der Ölfluss in die Stadt Port Sudan monatelang unterbrochen. Mittlerweile fließt das Öl aber wieder.
Wie reagiert die internationale Gemeinschaft?
Zahlreiche Länder haben die Staatsgründung unterstützt. Heute sind viele enttäuscht. Ende 2025 veröffentlichten das Vereinigte Königreich, die USA und Norwegen eine Stellungnahme, in der es etwa zum Friedensabkommen von 2018 heißt: "Gemäß den Bestimmungen sollte Präsident Kiir eine Übergangsregierung der nationalen Einheit leiten. Die Grundsätze der Machtteilung werden verletzt, und es gibt keine nennenswerten Fortschritte bei der Umsetzung des Abkommens." Auch sei der Südsudan heute "das ärmste und korrupteste Land der Welt".
Hat sich dennoch etwas verbessert?
Es habe sich eine südsudanesische Identität entwickelt, sagt Thum. Bemerkenswert sei auch die Widerstandsfähigkeit der Menschen. Dass sich ihr Alltag in absehbarer Zeit aber verbessert, davon gehen Beobachter nicht aus.