Abt Baumberger und Bischof Glettler stellten neue Informationstafel zum "Anderl von Rinn" in der Kirche Mariä Heimsuchung in Judenstein vor
Innsbruck, 07.07.2026 (KAP) Der Innsbrucker Diözesanbischof Hermann Glettler und der Abt von Stift Wilten, Leopold Baumberger, haben gemeinsam ein Zeichen gegen Antisemitismus gesetzt. Sie stellten in der Kirche Mariä Heimsuchung in Judenstein eine neue Informationstafel zum "Anderl von Rinn" vor. Die Tafel im Eingangsbereich der Kirche vermittelt die historischen Hintergründe der Entstehung der Ritualmordlegende um das "Anderl von Rinn", beschreibt die historischen Folgen seit dem 17. Jahrhundert und dokumentiert zugleich den jahrzehntelangen Prozess der kirchlichen Aufarbeitung, wie das Stift Wilten in einer Aussendung mitteilte.
Die Tafel mache deutlich, dass die Erzählung von der angeblichen rituellen Ermordung eines Kindes durch jüdische Kaufleute jeder historischen Grundlage entbehrt und Teil jener antisemitischen Vorurteile sei, die über Jahrhunderte hinweg das Verhältnis zwischen Christen und Juden belastet haben.
Gleichzeitig zeichne die Informationstafel den Weg der kirchlichen Aufarbeitung nach - von den ersten kritischen Stimmen zu Beginn des 20. Jahrhunderts über die Entscheidungen von Bischof Paulus Rusch, Papst Johannes XXIII. und Bischof Reinhold Stecher bis zur endgültigen Beendigung des Kultes im Jahr 1994.
Auf der Tafel werde auch festgehalten, "dass die Kirche heute Ritualmordlegenden unmissverständlich zurückweist und sie als Ausdruck eines tief verwurzelten antisemitischen Erbes anerkennt", wie es in der Aussendung heißt.
Kein Schlussstrich
Die neue Informationstafel verstehe sich nicht als Schlussstrich, sondern als Beitrag zu einer verantwortungsvollen Erinnerungskultur. Ziel sei es, Besucherinnen und Besuchern eine sachliche historische Einordnung zu ermöglichen und zugleich den bewussten Umgang mit einem schwierigen Kapitel der Orts- und Kirchengeschichte zu fördern.
Mit der Informationstafel würden das Stift Wilten und die Diözese Innsbruck einen weiteren Schritt auf dem Weg einer offenen Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte setzen. Die Kirche Mariä Heimsuchung in Judenstein solle ein "Ort der Wahrhaftigkeit, der Erinnerung und der Versöhnung sein - getragen von Respekt, Verantwortung und Menschlichkeit".
Aus der Vergangenheit lernen
Abt Baumberger hielt in der Aussendung fest: "In einer Zeit, in der Antisemitismus erneut an Aktualität gewinnt, ist es wichtig, die Vergangenheit kritisch in den Blick zu nehmen und daraus zu lernen." Sein Dank gelte allen, die dazu beigetragen hätten, dieses komplexe Kapitel unserer Geschichte sorgfältig aufzubereiten.
Auch Bischof Hermann Glettler schlug in die gleiche Kerbe: Die Wahrnehmung einer langen Schuldgeschichte und deren Aufarbeitung sei ein langer Prozess. Mit der neuen Schautafel in der Kirche sei ein weiterer, wichtiger Schritt der Aufklärung gelungen, so der Bischof. Vom historisch belasteten Ort könne damit in Zukunft ein Impuls für mehr Toleranz und Menschlichkeit ausgehen.
Anderl-Kult seit 1994 "verboten"
Der dreijährige Anderl Oxner wurde laut einer Ritualmordlegende des 17. Jahrhunderts am 12. Juli 1462 im Nordtiroler Dorf Rinn Opfer von ortsfremden Juden. Die Kirche Mariä Heimsuchung wurde wegen der Aufbahrung der angeblichen Gebeine des ermordeten Buben über Jahrhunderte Ziel einer Wallfahrt, die erst Bischof Reinhold Stecher 1985 für kirchlich unzulässig erklärte. Die Gebeine wurden aus dem Altar entfernt und in der Seitenmauer der Kirche beigesetzt, das antisemitische Deckenfresko wurde übermalt. Nach vielen Diskussionen und Veranstaltungen rund um den Anderl-Kult erklärte Bischof Stecher diesen 1994 endgültig für "verboten".