Debatte in Deutschland, nachdem CDU-Fraktionschef Spahn und sein Ehemann ein Kind per Leihmutterschaft bekommen haben
Bonn, 16.07.2026 (KAP/KNA) Die Nutzung einer Leihmutter aus den USA durch den Vorsitzenden der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Jens Spahn und dessen Ehemann bewegt viele Menschen in Deutschland. Der Freiburger Medizinethiker Giovanni Maio sieht die Praxis der Leihmutterschaft generell kritisch. Sie berge die Tendenz, die Mutter "auf ihre austragende Funktion zu reduzieren, sie selbst zu einem Objekt zu machen", sagte Maio am Donnerstag der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). In einer Leihmutterschaft sei die Gefahr der Instrumentalisierung oder gar Ausbeutung der Leihmutter virulent, betonte der Lehrstuhlinhaber für Medizinethik an der Universität Freiburg.
Zugleich sei das Kindeswohl berührt. "Kann es im Interesse des Kindes sein, unter solchen Bedingungen zu entstehen und heranzuwachsen?", fragte der Freiburger Professor, der Mitglied im Ausschuss für ethische und juristische Grundsatzfragen der deutschen Bundesärztekammer ist.
Denn bei der Leihmutterschaft werde von vornherein ein Abbruch der in der Schwangerschaft entstandenen Verbindung zwischen Leihmutter und Kind programmiert, sagte Maio. "Das heißt, dass dem Kind ein Beziehungsbruch zugemutet wird." Ein solcher Abbruch der Beziehung und abrupter Beziehungswechsel erscheine als etwas Traumatisierendes.
Als Leihmütter werden Frauen bezeichnet, die für die Dauer einer Schwangerschaft ihre Gebärmutter sozusagen "verleihen", um für eine andere Person ein Kind zu gebären. Leihmutterschaft ist in Österreich wie auch in vielen anderen Ländern verboten oder stark eingeschränkt. In Deutschland verbietet das Embryonenschutzgesetz jede ärztliche Leistung, die eine Leihmutterschaft ermöglichen würde, und stellt diese unter Strafe. Ebenfalls ist die Vermittlung von Leihmüttern hierzulande laut Adoptionsvermittlungsgesetz verboten; anders als in mehreren US-Bundesstaaten, wo das Verfahren unter bestimmten Bedingungen zulässig ist.
"Kind wird auf Ware reduziert"
Weiter sagte der Medizinethiker: Leihmütter seien in dem Bewusstsein, das Kind wieder abgeben zu müssen, zumeist darauf bedacht, sich emotional von dem Kind in ihrem Leib "abzuspalten". Viele Studien belegten diese Distanzierung von Leihmüttern von den Kindern in ihrem Körper. "Es gibt sogar Agenturen, die die Leihmütter zu einer solchen emotionalen Distanznahme geradezu anleiten", so Maio.
Der Ethiker widersprach der These, dass der Abbruch der Beziehung direkt nach der Geburt bedeutungslos für das Kind bleibe. Dagegen sprächen empirische Befunde, die belegten, "dass sich das Kind vorgeburtlich an die Stimme und Sprache der Mutter gewöhnt und diese nach der Geburt wiedererkennen kann".
Und noch etwas sei zu bedenken: Werde das Kind zum Gegenstand einer kommerzialisierten Vereinbarung, werde es "implizit auf eine Ware reduziert". Was es also in Deutschland zu vermeiden gelte, sei die Zulassung einer Praxis, "die in die Nähe von Kinderhandel rückt und in der es zu einer Degradierung des Kindes zum Objekt kommt". Die Grenze des Vertragsrechts verlaufe dort, "wo das Kind zu einer Erwerbsquelle herabgewürdigt wird".
Der Wunsch nach einem eigenen Kind sei zutiefst menschlich und verdiene Respekt sowie gesellschaftliche Unterstützung, sagte der Chef des deutschen katholischen Osteuropahilfswerks Renovabis, Thomas Schwartz, der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). "Dennoch endet das Recht auf Selbstverwirklichung dort, wo andere Menschen - Frauen oder Kinder - zum Mittel für die Erfüllung dieses Wunsches werden", betonte der Priester. Aus christlicher Sicht dürften weder das Kind noch der Körper der Frau Gegenstand eines Vertrags oder einer wirtschaftlichen Transaktion werden.
Mit Blick auf Osteuropa fügte der Renovabis-Chef hinzu, insbesondere in der Ukraine habe sich Leihmutterschaft zu einem bedeutenden Geschäftsfeld entwickelt. Dieses beruhe häufig auf erheblichen sozialen und wirtschaftlichen Ungleichgewichten zwischen den Wunscheltern und den Frauen, die ein Kind austragen.
Verein fordert Rücktritt von Spahn
Auch die Aktion "Lebensrecht für Alle" (ALfA) kritisierte Leihmutterschaft als "menschenrechtswidrige Praxis" und forderte Spahn auf, von seinen politischen Ämtern zurückzutreten. "Dieser Schritt beschädigt die Glaubwürdigkeit der Union, die diese Praxis seit Jahren als 'ethisch nicht legitimierbar' bezeichnet, weil sie Frauenkörper instrumentalisiert und Kinder zur Ware macht und daher erst Anfang des Jahres auf ihrem Parteitag die Leihmutterschaft erneut abgelehnt hat", erklärte ALfA-Bundesvorsitzende Cornelia Kaminski. ALfA ist nach eigener Darstellung ein von politischer und religiöser Anschauung unabhängiger Verein mit rund 11.000 Mitgliedern, der für das uneingeschränkte Lebensrecht jedes Menschen eintritt.
Spahn selbst habe als Bundesgesundheitsminister Leihmutterschaft abgelehnt. "Dass derselbe Politiker nun genau jene Praxis im Ausland nutzt, die in Deutschland aus guten Gründen verboten ist, steht in offenem Widerspruch zu seinen bisherigen Positionen und zu den programmatischen Aussagen seiner Partei", monierte Kaminski.
"Wird ein Kind über Agenturen bestellt, vertraglich organisiert und anschließend über Ländergrenzen hinweg übergeben, wird es faktisch wie ein Produkt behandelt - unabhängig davon, wie sehr es später subjektiv geliebt wird", so Kaminski weiter. Für ein solches Kind würden Frauen als "Eizelllieferantinnen und Vermieterinnen ihrer Gebärmutter" eingesetzt. Ihr Körper werde über Monate kontrolliert, ihre Lebensweise vertraglich festgelegt, ihre Beziehung zum Kind von vornherein ausgeschlossen. "Dieses Abhängigkeitsverhältnis steht der Sklaverei näher als einer freien Entscheidung."
Nicht umsonst habe die EU die Ausbeutung durch Leihmutterschaft als Straftat im Zusammenhang mit Menschenhandel und damit als schweres Vergehen im Umfeld organisierter Kriminalität eingestuft, so Kaminski. Auch UN-Gremien hätten die Praxis verurteilt.