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Bild Copyright: © Robert Mitscha-Eibl / Kathpress

Theologe: Mehrheit der Ungarn will echten politischen Neuanfang

17.07.2026 12:40
Ungarn/Politik/Gesellschaft/Theologie/Kirche
Theologe Görföl im Kathpress-Gespräch zur vom Parlament in Budapest beschlossenen Verfassungsnovelle - Religionswissenschaftler Máté-Tóth blickt mit "Mischung aus Hoffnung und Sorge" auf aktuelle politische Lage
Budapest, 17.07.2026 (KAP) Der Theologe Tibor Görföl hat im Interview mit der Nachrichtenagentur Kathpress (Freitag) zu der vom neuen Regierungschef Péter Magyar forcierten Verfassungsnovelle Stellung genommen, die das Parlament in Budapest in dieser Woche beschlossen hat. Eines der wichtigsten Ziele der Tisza-Partei sei es, der Institution des Verfassungsgerichts Autorität und seine Kontrollfunktion zurückzugeben, erläuterte Görföl. Dies und auch die beabsichtige Ablösung öffentlicher Amtsträger wie Staatspräsident Tamás Sulyok habe Magyar im vorangegangenen Wahlkampf auch öffentlich dargelegt.

Sulyok habe in seiner Amtszeit aus Sicht seiner Kritiker ab März 2024 "praktisch kein einziges Mal seine Stimme erhoben", obwohl es mehrfach zu besorgniserregenden Entwicklungen gekommen sei. Deshalb betrachteten ihn viele als Unterstützer beziehungsweise Erfüllungsgehilfen der abgewählten Regierung von Viktor Orbán, erläuterte Görföl. Nach seinen Worten erwarteten heute 80 Prozent der Bevölkerung von der neuen Regierung einen echten politischen Neuanfang. Vor diesem Hintergrund hätte Sulyok "einfach von seinem Amt zurücktreten müssen", um die Absicht eines "Neuanfangs auf einem weißen Blatt" zu unterstützen.

Die von der nunmehrigen Oppositionspartei Fidesz scharf kritisierte Verfassungsnovelle hatte das Parlament am Montag mit der von den Tisza-Abgeordneten gestellten notwendigen Zwei-Drittel-Mehrheit beschlossen. Die Fidesz-Fraktion blieb der Abstimmung fern. Unter anderem soll mit der Grundgesetzänderung Staatspräsident Sulyok abgelöst werden; auch sollen der umstrittene Präsident des Verfassungsgerichts, Peter Polt, sowie mehrere Verfassungsrichter durch die Einführung einer Altersgrenze von 70 Jahren ihr Amt verlieren.

Aus Sicht der katholischen Soziallehre seien in den vergangenen Jahren insbesondere bei der Achtung demokratischer Normen, der Gerechtigkeit, dem Schutz der Arbeitnehmer und der ausgewogenen Information der Öffentlichkeit erhebliche Defizite sichtbar geworden, sagte Görföl. In der Bevölkerung ist das Vertrauen in die öffentlichen Institutionen nach Görföls Einschätzung durch die Wahrnehmung von Verschwendung, Ungerechtigkeit, Begünstigung einzelner Interessengruppen sowie einseitiger öffentlicher Information stark geschwunden.

Für eine Wiederherstellung des Vertrauens reiche es jedoch nicht aus, diese Missstände zu beseitigen. Ebenso notwendig sei die Bereitschaft der Bürger, wieder gemeinsam Verantwortung zu übernehmen, gemeinsame Ziele zu formulieren und sich über ihre gesellschaftliche Identität zu verständigen, so Görföl. Die Kirche in Ungarn solle alles daran setzen, ihre Sozial- und Morallehre stärker einzubringen und damit "Gerechtigkeit, Gemeinsinn und echte Humanität" zu fördern, sagte der Chefredakteur der Zeitschrift "Vigilia".

"Mischung aus Hoffnung und Sorge"

Der Religionswissenschaftler Andras Máté-Tóth sagte zu Kathpress, er blicke als Christ, Theologe und Sozialwissenschaftler "mit einer Mischung aus Hoffnung und Sorge" auf die gegenwärtige Situation. Im Interview nahm er insbesondere erneut zum viel diskutierten Verhältnis von katholischer Kirche und Regierung bzw. Staat in Ungarn Stellung. Máté-Tóth hatte schon in der Vergangenheit eine zu enge Verflechtung moniert und auch das Verhalten kirchlicher Akteure während der Orban-Regierung kritisiert.

Es sei nicht Aufgabe der Kirche, zu entscheiden, wer regieren solle; sie müsse aber auf grundlegende ethische Prinzipien und Maßstäbe für politisches Handeln hinweisen, hielt der Theologe einmal mehr fest. Auch wenn die Kirche die Anwendung ihrer moralischen Maßstäbe gegenüber der vorherigen Regierung "versäumt" habe, müsse sie dies nach dem Machtwechsel jetzt dennoch auch gegenüber der neuen Regierung tun. Unabhängig von den jeweils Regierenden müsse etwa Subsidiarität als eines der zentralen Prinzipien der katholischen Soziallehre gelten. Auch die jüngsten Verfassungsänderungen mit weiteren Zentralisierungstendenzen sollten deshalb aus der Perspektive der Soziallehre beurteilt werden - unabhängig davon, welche politische Kraft sie beschlossen hat. Würde sich die Kirche lediglich an neue politische Mehrheiten anpassen, ändere sie "nur die Richtung ihrer Abhängigkeit, nicht aber deren Struktur", mahnte Máté-Tóth.

Die enge Verflechtung zwischen Kirche und Staat sei insbesondere durch die staatliche Finanzierung sowie die Übertragung öffentlicher Aufgaben an kirchliche Träger, etwa im Bildungsbereich, entstanden. Innerkirchliche Entwicklungen vollzögen sich in Ungarn häufig mit Verzögerung. Mit der Wahl von Bischof Janos Székely an die Spitze der Bischofskonferenz im Herbst 2025 habe sich zwar der Ton verändert, so Máté-Tóth. Die Bischöfe hätten ausdrücklich erklärt: "Wir sind keine politische Organisation und werden uns am Wahlkampf nicht beteiligen." Auch nach dem Regierungswechsel habe es eine symbolische Distanzierung gegeben. Eine institutionelle Selbstprüfung der Kirche zu ihrem Agieren in den Orbán-Jahren stehe jedoch weiterhin aus.

Mit Blick auf das Vertrauen der Menschen in die staatlichen Institutionen erklärte Máté-Toth, dieses folge in Ungarn weitgehend einer politischen "Lagerlogik". Sowohl das Vertrauen in die Regierung als auch jenes in die Europäische Union hänge stark von der jeweiligen politischen Zugehörigkeit ab und verdeutliche die tiefe Polarisierung der Gesellschaft.
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