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Katastrophenhelfer: Lage nach Erdbeben in Venezuela dramatisch

18.07.2026 07:00
Österreich/Venezuela/Erdbeben/Katastrophe/Naturkatastrophe/Kirche/Hilfsorganisation/Entwicklungshilfe/Orden
Jugend-Eine-Welt-Nothilfe-Koordinator Wedan berichtet im Kathpress-Interview von obdachlosen Familien, wachsender Krankheitsgefahr und schleppendem Wiederaufbau - "Viele Menschen hatten schon vorher kaum etwas, jetzt haben sie gar nichts mehr"
Wien/Caracas, 18.07.2026 (KAP) Obdachlose Familien in provisorischen Zeltlagern, verunreinigtes Trinkwasser, Krankheiten und eine tief traumatisierte Bevölkerung: Drei Wochen nach den schweren Erdbeben in Venezuela bleibt die humanitäre Lage in den besonders betroffenen Regionen La Guaira und Caracas dramatisch. Darauf hat der Nothilfe-Koordinator der österreichischen Entwicklungsorganisation Jugend Eine Welt, Wolfgang Wedan, im Gespräch mit Kathpress hingewiesen. "Ich arbeite seit 25 Jahren in der Katastrophenhilfe, aber diese Katastrophe gehört zu den größten humanitären Notlagen, die ich bisher erlebt habe", so Wedan, der seit 2021 in Venezuela tätig ist. Mit den Salesianern Don Bosco und Partnerorganisationen organisiert er vor Ort die Versorgung der Betroffenen mit Lebensmitteln, Trinkwasser und Hygieneartikeln.

Besonders schwer wiege, dass die Bevölkerung bereits vor dem Erdbeben in existenzieller Not gelebt habe. "Es gibt praktisch keine Mittelschicht mehr. Viele Menschen hatten schon vorher kaum etwas und jetzt haben auch jene, die noch teilen konnten, selbst nichts mehr."

Mit Blick auf die kommenden Monate forderte Wedan, Nothilfe und Wiederaufbau eng miteinander zu verzahnen. Die Trümmerbeseitigung werde voraussichtlich noch Monate dauern. "Viele obdachlose Menschen werden in dieser Zeit weiterhin in Camps und Zelten leben müssen. Schneller würde es mit mehr internationaler Unterstützung gehen. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass die Hilfe nachlässt, sobald die Katastrophe aus den Medien verschwindet", so Wedan.

Schon vor dem Erdbeben ist die politische wie wirtschaftliche Lage in Venezuela schwierig gewesen; Ex-Machthaber Nicolas Maduro und seine Frau Cilia Flores waren Anfang Jänner in einer aufsehenerregenden Operation des US-Militärs in Caracas verhaftet und außer Landes gebracht worden. "Aber das Erdbeben hat eine neue Dimension geschaffen. Die Regierung will helfen, kann es aber aufgrund fehlender Mittel und fehlender Erfahrung nur begrenzt", sagte der Katastrophenhelfer.

Obdachlosigkeit und verunreinigtes Wasser

Während in der Hauptstadt Caracas die Trümmer weitgehend beseitigt worden seien und vielerorts wieder der Eindruck von "business as usual" entstehe, lebten zahlreiche Familien weiterhin obdachlos am Straßenrand. "Teilweise mit ihren Kindern in kleinen Zelten. Sie werden nur notdürftig vom Staat versorgt und können gerade so überleben, berichtete der erfahrene Katastrophenhelfer.

Dramatischer stellt sich die Situation laut Wedan in La Guaira dar. Zwar werde die Trümmerbeseitigung vorangetrieben, gleichzeitig suchten viele Menschen noch mit bloßen Händen nach Angehörigen oder Habseligkeiten, so Wedan. "Die offizielle Zahl der Toten liegt derzeit bei rund 4.700, gleichzeitig werden noch etwa 25.000 Menschen unter den Trümmern vermutet." Auch Verwesungsgeruch sei teils bereits deutlich wahrnehmbar.

Zu den größten Herausforderungen zählt nach seinen Worten inzwischen die Versorgung mit sauberem Trinkwasser. Mittlerweile führe verunreinigtes Wasser zunehmend zu Magen-Darm-Erkrankungen, zugleich steige durch die anhaltenden Regenfälle das Risiko von Krankheiten wie Malaria, Dengue oder Hepatitis, warnte der Katastrophenhelfer. Besonders betroffen seien Kinder. "Milchpulver allein reicht nicht aus. Denn womit sollen Kinder es trinken, wenn das Wasser verunreinigt ist?", gab Wedan zu bedenken. Besonders Kinder benötigten neben Grundnahrungsmitteln auch zusätzliche Nährstoffe und Vitamine. Ebenso fehle es vielerorts an Hygieneartikeln für Frauen und Mädchen. "Diese Bedürfnisse werden in Katastrophensituationen oft vergessen, obwohl Hygiene gerade dann entscheidend ist."

Neben der materiellen Hilfe brauche es auch psychosoziale Unterstützung. "Wir versuchen, den Menschen zuzuhören", sagte Wedan. Viele fänden zudem Halt im Glauben. Feldmessen sowie Gespräche mit Priestern und Seelsorgern würden stark nachgefragt.

Die Kirche ist gemeinsam mit verschiedenen Partnern stark engagiert: Neben Jugend Eine Welt und den Salesianern helfen etwa Caritas Venezuela, Jesuiten, "Kirche in Not", Dominikaner und Don-Bosco-Schwestern. "Spenden sind angesichts der vielen Krisen weltweit begrenzt. Umso wichtiger ist es, dass sie gezielt und effizient eingesetzt werden. Jeder Beitrag hilft, Familien mit dem Notwendigsten zu versorgen und ihnen wieder eine Perspektive zu geben", betonte Wedan.

(Weitere Infos: www.jugendeinewelt.at)
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