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Psychiater Haller: "Narzissmus heute gesellschaftliches Ideal"

17.07.2026 15:39
Österreich/Schule/Kind/Jugendliche/Psychologie/Wissenschaft/Soziales/Bildung/Weiterbildung
Abschluss der Pädagogischen Werktagung Salzburg: Psychiater bezeichnet Wertschätzung als "emotionale Muttermilch" - 75. Ausgabe der Werktagung widmet sich nächstes Jahr dem Thema Verantwortung
Salzburg, 17.07.2026 (KAP) Als "psychisch-emotionale Muttermilch" hat der Psychiater und Psychotherapeut Reinhard Haller die Wertschätzung bezeichnet und gefordert: "Weniger werten, mehr wertschätzen." Zum Abschluss der 74. Internationalen Pädagogischen Werktagung in Salzburg plädierte Haller am Freitag für einen wertschätzenderen Umgang miteinander und warnte vor einer Gesellschaft, in der Narzissmus zunehmend zum Ideal werde. Wertschätzung sei unverzichtbar und als eine "verdünnte Liebe", für das gesellschaftliche Zusammenleben sei, so Haller. Die dreitägige Tagung stand unter dem Motto "Wert.schätzen"; die Fachvorträge diskutierten aus philosophischer, theologischer, pädagogischer und psychologischer Perspektive, wie Wertebildung bei Kindern und Jugendlichen gelingen kann.

Narzissmus sei zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch als Krankheit verstanden worden, heute gelte er vielfach als gesellschaftliches Ideal. "Narzissmus ist heute gesellschaftliches Ideal", so Hallers Analyse.

Die Gründe für die "Krise der Wertschätzung" liegen laut Haller etwa in der Digitalisierung von Emotionalität und der fehlenden Beziehung zwischen den Generationen. Als wesentliche Voraussetzung für Wertschätzung sieht Haller in der Fähigkeit, andere Werthaltungen auszuhalten.

Wertschätzung in der Pädagogik

Die Bedeutung von Wertschätzung betonte auch Sven Steffes-Holländer, Facharzt für Psychosomatische Medizin, in seinem Vortrag. Dabei fokussierte er den Leistungs- und Erwartungsdruck in der pädagogischen Arbeit.

Dass Wertschätzung in der Teamkultur relevant wird, beobachtete auch Simone Breit, Hochschulprofessorin für Elementarpädagogik. Laut Breit entstehen Werte nicht durch Belehrung, sondern in Beziehungen und Erfahrung. Kinder lernen im Alltag den Umgang mit Verantwortung, Respekt und Mitbestimmung kennen.

Der Professor für Erziehungswissenschaft und Sozialpädagogik Klaus Wolf ergänzte mit seinem Vortrag, dass junge Menschen Beziehungen Erwachsener wahrnehmen und davon lernen. Deshalb sollten Erwachsene sich ihrer Vorbildrolle bewusst sein und Machtverhältnisse in ihren Beziehungen reflektieren.

Werte als Orientierung und Ideologie

Die Theologin Regina Polak zeigte Chancen und Risiken von Werten in einer säkularen Gesellschaft auf. Sie betonte, dass Werte stets interessensgeleitet sowie politisch und ökonomisch geprägt sind. Am Beispiel des Nationalsozialismus verdeutlichte sie, dass ein Wert wie die Pflicht zu blindem Gehorsam werden kann und somit Ideologien stützt. Gerade in Zeiten der Wertepluralität seien junge Menschen anfällig für fundamentalistische und identitäre Ideologien.

Die Bildungssoziologin Gudrun Quenzel zeigte anhand der Shell-Jugendstudie 2024, dass junge Menschen aufgrund technologischer Umbrüche und gesellschaftlichen Trends wie der Individualisierung und Selbstoptimierung heute verstärkt Sicherheit, Stabilität und materiellen Wohlstand suchen, während idealistische Werte an Bedeutung verlieren.

Werktagung findet 2027 zum 75. Mal statt

Den Eröffnungsvortrag zur Werktagung hatte der deutsche Soziologe und Philosoph Hans Joas gehalten. Der Ernst-Troeltsch-Honorarprofessor für Religionssoziologie an der Berliner Humboldt-Universität referierte dabei am Mittwoch über die zentrale Bedeutung der universalen Menschenwürde.

"Wertschätzung führt in die Verantwortung", sagt Andreas Paschon, Präsident der Internationalen Pädagogischen Werktagung. Deshalb lautet der thematische Schwerpunkt für die 75. Internationale Pädagogische Werktagung Salzburg "Verantwortung". Stattfinden wird die Tagung von 14. bis 16. Juli 2027 in Salzburg.

Die Internationale Pädagogische Werktagung gilt mit jährlich etwa 400 bis 500 Teilnehmenden als eine der wichtigsten pädagogischen Fachtagungen im deutschsprachigen Raum. Sie richtet sich an Personen, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten. Veranstaltet wird die jährliche Tagung vom Katholischen Bildungswerk Salzburg (KBW) in Kooperation mit der Caritas Österreich, der Paris Lodron Universität Salzburg und der Pädagogischen Hochschule Salzburg Stefan Zweig. Unterstützt wird die Tagung vom Land und der Stadt Salzburg.

(Link: www.bildungskirche.at/werktagung)
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