Gänswein wird 70: Kirchenkarriere wohl noch nicht am Ende
20.07.202613:10
Vatikan/Diplomatie/Leute/Kirche/Papst
Wer zum Papst wollte, kam kaum an seinem Privatsekretär vorbei: Georg Gänswein war Präfekt des Päpstlichen Hauses. Später überwarf er sich mit Franziskus. Jetzt wird er 70 und ist Nuntius in einer heiklen Region - Porträt von Kathpress-Korrespondent Ludwig Ring-Eifel
Vatikanstadt, 20.07.2026 (KAP) Es hat lange gedauert, bis im Vatikan die Stelle neu besetzt wurde, die der deutsche Erzbischof Georg Gänswein viele Jahre innehatte. Erst am 30. März 2026 ernannte Papst Leo XIV. den kanadischen Erzbischof und Vatikan-Diplomaten Petar Rajic zum neuen Präfekten des Päpstlichen Hauses. Zuvor war die Stelle dessen, der unter anderem höchstrangige Staatsgäste zum Papst geleitet, jahrelang offiziell vakant.
Erzbischof Gänswein, der dieses Amt zwischen 2012 und 2020 stilprägend mit Charme und Weltgewandtheit ausfüllte, ist inzwischen seinerseits Vatikan-Diplomat. Seit zwei Jahren vertritt er den Heiligen Stuhl in einem der außenpolitisch heikelsten Gebiete Europas, in den drei baltischen Republiken Litauen, Lettland und Estland. In dieser Funktion begeht der gebürtige Schwarzwälder am 30. Juli seinen 70. Geburtstag.
"Eine bittere und schmerzhafte Erfahrung"
Seine heutige Aufgabe hat ihm noch Papst Franziskus zugewiesen - nachdem die beiden so unterschiedlichen Kirchenmänner einen über Jahre angestauten Konflikt überwunden hatten. Zuvor hatte Gänswein eine vom Papst auferlegte einjährige Auszeit in der badischen Heimat geduldig ertragen. "Für mich war das eine bittere und schmerzhafte Erfahrung", sagte Gänswein Anfang Juli in einem Interview mit Kathpress. "Es fühlte sich an, als würde man den Hund vom Hof jagen, ohne wirklich zu erfahren, warum."
Wie es zu den Spannungen zwischen Gänswein und Papst Franziskus kam, ist oft erzählt und beschrieben worden. Gleich zweimal ging es etwa um Buchveröffentlichungen, die der Argentinier missbilligte und in denen der Deutsche eine unglückliche Rolle spielte. Doch der eigentliche Grund für das Knirschen im Getriebe war wohl die Tatsache, dass der bei vielen Medienleuten beliebte deutsche Geistliche über Jahre hinweg ein Diener zweier Herren war. Und eine solche Konstellation wird schon in der Bibel als unmöglich beschrieben.
In der von Papst Benedikt XVI. durch seinen frühzeitigen Rücktritt begründeten "Ära zweier Päpste" war Gänsweins Rolle objektiv keine einfache. Und dann füllte der promovierte Kirchenrechtler diese Rolle mitunter so kraftvoll und kreativ aus, dass es dem Papst aus Argentinien gegen den Strich ging - und dieser sich veranlasst sah, dem Deutschen die Tugend der Bescheidenheit näherzubringen.
Gänswein-Verhältnis zu Leo XIV. unbekannt
Ein Produkt jener spannungsreichen Zeit ist Gänsweins Bestseller "Nichts als die Wahrheit", in dem er das Nebeneinander von amtierendem und emeritiertem Papst anschaulich schildert. Für die spätere Kirchengeschichte hat es den großen Wert, dass jeder Papst, der künftig mit einem Rücktritt liebäugelt, darin nachlesen kann, welche möglichen Auswirkungen ein solcher Schritt nach sich zieht.
Inzwischen haben beide Päpste, unter denen Gänswein gleichzeitig diente, das Zeitliche gesegnet. Wenn der Vatikandiplomat nun in Interviews davon spricht, dass unter Papst Leo XIV. wieder "Normalität" in den Vatikan eingekehrt sei, meint er damit in erster Linie den eher papstgemäßen Regierungs- und Kommunikationsstil des Kirchenoberhaupts. Indirekt ruft er aber auch noch einmal in Erinnerung, wie schwierig das Nebeneinander von Benedikt und Franziskus als Konstruktion war.
Über das Verhältnis zwischen Gänswein und dem gleichaltrigen Papst aus Chicago ist bislang wenig bekannt. "Als das Konklave begann, hatte ich ihn überhaupt nicht auf meinem Zettel", gestand Gänswein. Die beiden sprachen im Dezember 2025 im Vatikan länger miteinander, danach war Gänswein voll des Lobes für seinen neuen Chef.
Zukunft bleibt ungewiss
Seither gab es vereinzelte Spekulationen, der einstige Papstsekretär könnte im amerikanischen Pontifikat noch ein letztes Mal nach Höherem streben. Er würde dann vielleicht bei den auf etlichen Leitungsstellen im Vatikan anstehenden Neubesetzungen eine herausragende Verwendung finden. Doch bislang fehlt für solche Gedankenspiele jegliche Bestätigung.
Andere Vatikanbeobachter mutmaßen, Gänswein könnte im kommenden Sommer nach drei Jahren Diplomatendienst im Baltikum zum Ende seiner Karriere in eine der "großen" und glanzvollen Apostolischen Nuntiaturen wechseln. Passend wäre etwa die in Paris. Dort erreicht der jetzige Stelleninhaber, Erzbischof Celestino Migliore, am 1. Juli 2027 die bischöfliche Altersgrenze von 75 Jahren. Und anders als Litauisch müsste der sprachbegabte Gänswein das Französische nicht erst erlernen. Es ist eine der vier Fremdsprachen, die er schon lange gut beherrscht.