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Polak: Religionen sollten Vorkämpfer für Demokratie sein

20.07.2026 16:18
Österreich/Kirche/Politik/Religion/Judentum/Islam/Tagung/Polak
Wiener Pastoraltheologin eröffnete mit Vortrag über demokratiepolitische Herausforderungen für Juden, Christen und Muslime in Österreich interreligiöse Tagung in Schloss Seggau
Graz, 20.07.2026 (KAP) Juden, Christen und Muslime könnten Unverzichtbares dazu beitragen, dass Österreich gemeinsam mit der EU "zur Sprecherin und Vorkämpferin für den demokratischen Teil der Welt wird." - Davon hat sich die Wiener Pastoraltheologin Prof. Regina Polak überzeugt gezeigt. Sie hielt am Montag den Eröffnungsvortrag bei der Interreligiösen Dialoginitiative "Religiöse Diskurse in westlichen Demokratien - Initiative christlich-jüdische Studienwoche im Gespräch mit dem Islam" in Schloss Seggau.

Polaks Vortrag stand unter dem Thema "Demokratiepolitische Herausforderungen für Juden, Christen und Muslime in Österreich". Diese dürften nicht der Versuchung erliegen, in die weit verbreitete Demokratieverdrossenheit einzustimmen, warnte Polak. Eine maßgebliche Ursache dieser Demokratieverdrossenheit sei der Mangel an Zukunftsperspektiven. Erst wenn Menschen wieder Zukunftsperspektiven und Hoffnung haben, würden deshalb auch Resignation und Angst verschwinden. Mit ihren Narrativen über Sinn und Zukunft der Geschichte verfügten Judentum, Christentum und Islam über zwar sehr unterschiedliche Vorstellungen, könnten aber eine Gesellschaft an ihren Hoffnungen teilhaben lassen. "Jüdische, christliche und muslimische Gemeinschaften können Orte der Hoffnung sein", so Polak wörtlich.

Geistige Quellen für langen Atem

Mit ihren religiösen und spirituellen Traditionen erinnerten Juden, Christen und Muslime zudem daran, "dass die Gestaltung der Demokratie auch der Pflege des menschlichen Geistes und der menschlichen Seele bedarf". Sie könnten geistige Quellen für jenen langen Atem bereitstellen, den man im Einsatz für die Demokratie brauche. Die Religionen verfügten über Vorstellungen sinnerfüllten Lebens, menschlichen Gedeihens, guter sozialer Beziehungen und einer gerechten sowie friedlichen Gesellschaft. Polak: "Sie wissen sich eingebettet in eine Geschichte, in der trotz aller Katastrophen das Leben einen Sinn haben kann, und verfügen über Weisheiten und Praktiken, mit Leid, Scheitern, Tod und dem Bösen umzugehen. So fördern sie Resilienz und Widerstandskraft, geben Kraft und Mut und motivieren zum gesellschaftlichen und politischen Einsatz".

Die drei Religionen verfügten weiters über ethische Traditionen, die sie in demokratische Diskurse einbringen können. Ebenso könnten und müssten sie sich als Gemeinschaften erweisen, in denen Demokratie erlernt und eingeübt werden kann.

Die österreichische Gesellschaft sei hochgradig individualisiert, so Polak, ein Drittel der Bevölkerung gehöre keiner Gemeinschaft an, die die Familie oder den Freundeskreis übersteigt; viele Menschen seien einsam. Auch diese Erosion intermediärer Gemeinschaftsformen sei eine wesentliche Ursache für die Krise der Demokratie, "weil zu vielen Menschen Orte fehlen, in denen sie Partizipation erfahren und jene Haltungen und Tugenden einüben, derer die Demokratie bedarf".

Jüdische, christliche und muslimische Gemeinschaften können Lern- und Übungsorte für Demokratie sein: "Gelernt und geübt werden Mitgestaltung, Anerkennung von Verschiedenheit, Einsatz für gemeinsame Ziele wie die Unterstützung benachteiligter Menschen oder Freiheit, Verantwortung, soziale Gerechtigkeit, Solidarität oder Toleranz."

Interreligiöse Zusammenarbeit für Glaubwürdigkeit entscheidend

In all den angeführten Betätigungsfeldern gelte es zudem für die Religionen, dies auch in interreligiöser Zusammenarbeit anzugehen, so Polak weiter: "Erst wenn Religionsgemeinschaften nicht nur als Akteure primär in eigener Sache wahrgenommen werden, sondern sich gemeinsam mit all ihren Unterschieden für gemeinsame gesellschaftliche Anliegen einsetzen, wird ihr Engagement für Demokratie glaubwürdig."

Die Theologin nahm in ihrem Vortrag aber auch die politisch Verantwortlichen in die Verantwortung. Diese seien angehalten, den Religionen im demokratischen Diskurs angemessenen Raum zu eröffnen. Freilich müssten sich religiöse Akteure dann auch in demokratischer Weise der Kritik stellen und ihre religiösen Überzeugungen für säkulare Sprache anschlussfähig übersetzen und begründen lernen "und bereit sein, sich zu verändern, wenn moderne wissenschaftliche Erkenntnisse die Inhumanität so mancher religiöser Normen aufdecken".

Insofern seien die Religionen auch in die Pflicht zu nehmen, sich selbstkritisch mit internen Überzeugungen, Einstellungen, Praktiken, Normen, Werten und Strukturen innerhalb des Glaubens und der Religionsgemeinschaften auseinanderzusetzen, "die antidemokratische Einstellungen und Praktiken - bewusst oder unbewusst - legitimieren oder fördern". Zu erforschen sei beispielsweise, welche theologischen Motive und religiöse Praktiken Autoritarismus, soziale Dominanzorientierung und Intoleranz gegenüber anderen fördern, so Polak: "Ich denke an fragwürdige Vorstellungen von Gott, exklusivistische Überlegenheitsgefühle, absolute Wahrheitsansprüche repressive ethische Normen oder autoritäre Führungs- und Organisationsstrukturen."

Interreligiöse Dialoginitiative

Die interreligiöse Dialoginitiative "Religiöse Diskurse in westlichen Demokratien - Initiative christlich-jüdische Studienwoche im Gespräch mit dem Islam" findet in zweijährigen Abständen im Schlosshotels Seggauberg statt und vernetzt internationale Expertinnen und Experten bzw. Theologinnen und Theologen aus Judentum, Islam und Christentum. Die heurige Tagung ist von Montag, 20. Juli, bis Donnerstag, 23. Juli, anberaumt.
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