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Susanne Kummer
Reproduktionsmedizin
Bild Copyright: © Johannes Rauscher

Leihmutterschaft: Ethikerin warnt vor Ausbeutung und Handel

22.07.2026 10:10
Österreich/Reproduktionsmedizin/Gesellschaft/Ethik/Sklaverei/Leihmutterschaft
IMABE-Direktorin Susanne Kummer in "Presse"-Gastbeitrag: "Frauen sind keine Gebärmaschinen, Kinder keine Handelsware"
Wien, 22.07.2026 (KAP) Vor einer ethischen Legitimierung der Leihmutterschaft durch hohe Vergütungen und rechtliche Verträge warnt die Direktorin des Wiener Instituts für Medizinische Anthropologie und Bioethik (IMABE), Susanne Kummer. In einem Gastbeitrag für die "Presse" (Mittwoch) argumentiert die Expertin, die internationale Leihmutterschaft entwickle sich zunehmend zu einem globalen Markt, bei dem Frauen wie auch Kinder Gefahr liefen, zu Handelsobjekten zu werden.

Anlass des Gastbeitrags ist die öffentliche Debatte um den früheren deutschen Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), der mit seinem Partner durch eine Leihmutter in den USA Vater geworden ist. Das Beispiel werfe die grundsätzliche gesellschaftliche Frage auf, ob ein Verfahren, das in manchen Ländern legal ist, dadurch automatisch ethisch vertretbar werde, erklärt Kummer, konkret: "Kann man den entwürdigenden Handel mit Frauen und Kindern ethisch sauber machen?"

Die Bioethikerin verweist auf internationale Entwicklungen in Ländern wie der Ukraine, Georgien oder Indien, wo Leihmutterschaft über Jahre zu einem bedeutenden Geschäftsfeld geworden sei. Dabei würden Frauen häufig aus wirtschaftlicher Not rekrutiert und finanziell abhängig gemacht. Die Debatte rund um das "globale Geschäft ohne Grenzen" konzentriere sich meist nur auf individuelle Wünsche und vertragliche Absicherungen, während strukturelle Abhängigkeiten der beteiligten Frauen und die Rechte der Kinder zu wenig berücksichtigt würden.

Ähnlich wie Sklaverei

Auch der Hinweis auf regulierte Modelle, etwa in den USA - Spahn zufolge sei sein Vertrag dort "fair und teuer" gewesen, kolportiert würden über 100.000 Dollar - überzeugt Kummer nicht. Die ethischen Probleme blieben bestehen, denn auch ein kontrollierter Markt könne strukturelle Abhängigkeiten zwischen Auftraggebern und austragenden Frauen nicht ausschließen. "Ein Vertrag macht aus Menschenhandel keine saubere Sache", schreibt die Expertin. Als Vergleich sieht sie das historische Argument, dass auch eine Rechnung einen Sklavenmarkt nicht legitimieren würde.

Denn auch Leihmutterschaftsverträge in den USA würden weitreichende Eingriffe in das Leben der austragenden Frauen mit sich bringen. Dazu zählten Vorgaben zu Ernährung, Aufenthaltsort oder medizinischer Behandlung, womit der Auftraggeber letztlich den Körper und Alltag der Leihmutter kontrolliere. Letztere erhielten zudem ihre Vergütung oft nur bei erfolgreicher Geburt eines gesunden Kindes, während es bei Schwangerschaftskomplikationen, Fehlgeburten oder psychische Belastungen wie Trennungsschmerz keine Abgeltung gebe. Auch ein Ausstieg sei nicht möglich, ohne dass die Leihmutter die Kosten selbst trage.

Per Vertrag könnten Bestelleltern weiters auch fordern, dass "überzählige" Kinder abgetrieben werden; in Kanada laufe laut Kummer derzeit eine Klage gegen eine Leihmutter, die sich dem verweigert hat.

Auslöschung, Ausbeutung und Kindeshandel

Besonders kritisch bewertet Kummer die Auswirkungen auf die Stellung der gebärenden Frau und die Identität des Kindes. "Die Mutter wird ausgelöscht", so die Bioethikerin. Durch anonyme Verträge, rechtliche Konstruktionen und in manchen US-Bundesstaaten Geburtsurkunden ohne Mutter, dafür zwei "Väter", werde die biologische und biografische Verbindung zwischen Mutter und Kind bewusst zurückgedrängt. Bevorzugt kämen zudem fremde Eizellen zum Einsatz sowie Frauen mit bereits eigenen Kindern; dadurch werde die biologische Verbindung zwischen austragender Frau und Kind zusätzlich zurückgedrängt, während jedoch die medizinischen Risiken für Mutter und Kind stiegen.

Kummer verweist zudem auf internationale Kritik an Leihmutterschaft. Die UN-Sonderberichterstatterin für Gewalt gegen Frauen, Reem Alsalem, habe die umstrittene Praxis als Ausbeutung von Frauen und als Kinderhandel bewertet und ein weltweites Verbot gefordert, unterstützt von 215 NGOs aus 40 Ländern. Auch die EU hat Leihmutterschaft bereits in ihre Richtlinie gegen Menschenhandel aufgenommen, neben Sklaverei und Zwangsheirat.

Auch die IMABE-Direktorin fordert die internationale Absicherung nationaler Verbote, sodass auch das Ausweichen auf Auslandsmärkte verhindert werde. Denn: "Ein hoher Preis und ein sorgfältiger Vertrag verwandeln kein strukturelles Unrecht in ein legitimes Geschäft. Wer 100.000 Dollar zahlt, kauft sich keine Ethik. Es gibt keine ethisch saubere Leihmutterschaft. Solange nationale Verbote nicht international abgesichert sind, bleibt sie ein Geschäftsmodell auf Kosten von Frauen und Kindern. Frauen sind keine Gebärmaschinen, Kinder keine Handelsware."

Verletzte Rechte

Massive Kritik an Spahn hatte es bereits zuvor schon in Deutschland gegeben. Ähnlich wie Kummer hatte auch der Freiburger Medizinethiker Giovanni Maio vor einer möglichen Instrumentalisierung von Frauen gewarnt. Leihmutterschaft berge die Gefahr, die Mutter "auf ihre austragende Funktion zu reduzieren" und sie dadurch selbst zum Objekt zu machen, sagte Maio der katholischen Nachrichtenagentur KNA. Auch das Kindeswohl müsse aus ethischer Sicht berücksichtigt werden, da die Praxis von vornherein einen Abbruch der während der Schwangerschaft entstehenden Beziehung zwischen Mutter und Kind vorsehe.

Auch aus Österreich kam Kritik. Die Generalsekretärin von Aktion Leben Österreich, Martina Kronthaler, erklärte, Leihmutterschaft bedeute grundsätzlich eine Verletzung der Rechte von Frauen und Kindern. "Wenn finanziell privilegierte Menschen ein Kind von einer Leihmutter austragen lassen, verstellt dies bei aller Freude über das Baby doch, was Leihmutterschaft grundsätzlich bedeutet", sagte sie. Die meisten Fälle seien mit Druck, Ausbeutung und Abhängigkeiten verbunden.
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