Wien: 80 Jahre Wiedereröffnung St. Marxer Friedhof
25.07.202611:53
Österreich/Geschichte/Tod/Tourismus und Freizeit/Friedhof
Historischer Parkfriedhof erinnert an Mozart und Bestattungskultur des alten Wien - St. Marxer Friedhof am 3. August 1946 nach Zweiten Weltkrieg wieder als öffentliche Parkanlage eröffnet - Von Alexander Brüggemann
Wien, 25.07.2026 (KAP) Der Wiener pflegt einen innigen wie eigentümlichen Umgang mit dem Tod. Wo sonst gibt es eine so liebevolle Bezeichnung für das Ableben, als wenn's einen "in den Hoezpitschama" (Holzpyjama) haut? Wer sonst hat einen so morbiden Ort wie die Kapuzinergruft, knochige Begräbnisstätte der Habsburger?
Die herausragende unter den Wiener Totenstätten ist der Zentralfriedhof. Der Chef der Friedhofsverwaltung hat nicht weniger als drei Millionen Leute unter sich. Es braucht sogar eine eigene Buslinie, die quer über das 2,5-Quadratkilometer-Gelände von Europas zweitgrößtem Gottesacker führt. Beethoven, Brahms, Falco oder Curd Jürgens - scheinbar unendlich viele Promis sind hier beigesetzt. Ein "Aphrodisiakum für Nekrophile" nennt ihn André Heller, selbst gebürtiger Wiener.
Geheimtipp und Juwel der Wiener Friedhöfe aber ist der "Sankt Marxer", der einzig erhaltene von einst fünf Biedermeierfriedhöfen der K.u.K.-Hauptstadt. Botaniker empfehlen einen Besuch für April und Mai - befindet sich doch hier die größte Ansammlung von Fliederbüschen in ganz Wien. Der am 3. August vor 80 Jahren nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs wieder als öffentliche Parkanlage eröffnet wurde, gilt heute als einer der bedeutendsten historischen Friedhöfe Österreichs.
Wenn der weiße Flieder wieder blüht
Für Romantiker aber ist der Besuch ganzjährig ein Erlebnis: wenn der weiße Flieder wieder blüht ebenso wie als schattiges Plätzchen in der städtischen Sommerglut, zur goldenen Herbsteszeit wie im nebligen Totenmonat November. Am 3. August 1946, vor 80 Jahren, wurde der "Sankt Marxer" als Parkanlage wieder für die Öffentlichkeit zugänglich.
Den "Biedermeierfriedhof" zeichnet sicher nicht der tosende Verkehr einer der meistbefahrenen Straßen Österreichs aus. Die "Südtangente" genannte Stadtautobahn A23 wird (leider) hier vorbeigeführt. Nein, es sind die historischen Grabmäler, von deren einst rund 8.000 heute noch 5.600 erhalten sind. Sie verweisen in herzerwärmend-anrührender Weise auf die Verstorbenen und ihren bürgerlichen oder noch gehobeneren Sitz im Leben.
Eine "Gastgebers-Gattin in der Leopoldstadt" ist hier verewigt, ein "bürgerlicher Kanalräumer", eine "k. k. Hof Mundwäscherin" oder ein "bürgerlicher Lust- und Ziergärtners-Sohn"; aber auch ein "wirklich geheimer Rath", der derart viele K.u.K.-Titel auf sich vereinte, dass der Steinmetz am Ende der Tafel auf ein lakonisches "etc. etc. etc." verfiel. Je verfallener Grabstein und Inschrift, desto eindringlicher ist das Memento mori, das im stolzen Verweis auf den einstigen Besitz und Status steckt. Man kann nichts mitnehmen in die andere Welt.
Grab für eine "k. k. Hof Mundwäscherin"
Seine Existenz verdankt der Friedhof dem aufgeklärten Kaiser Joseph II. (1765-1790). Er verbot aus hygienischen Gründen Beisetzungen innerhalb des Linienwalls, des heutigen "Gürtels", und ordnete die Neuanlage von fünf "communalen" Begräbnisstätten an, damals noch weit außerhalb der Stadt gelegen. Der "Sankt Marxer" ist nach dem Markus-Hospital benannt, das seit dem Mittelalter Kranke pflegte. In 90 Jahren wurden hier ab 1784 rund 15.000 Menschen bestattet - bis der Zentralfriedhof 1874 die Abgelebten der werdenden Millionenstadt aufnahm.
Der Sankt Marxer wurde bald sich selbst überlassen; das Gelände verwilderte. Allerdings setzte sich der Heimatforscher Hans Pemmer (1886-1972) leidenschaftlich für den Erhalt des Friedhofs ein, sodass dieser unter Denkmalschutz gestellt wurde. 1937 konnte er der Wiener Bevölkerung als öffentliche Parkanlage übergeben werden.
Bald jedoch hielt der Krieg Einzug. 1945 kämpften auf dem "Sankt Marxer" die Rote Armee und einer SS-Einheit; und schon in den Monaten davor hatte es einige schwere Schäden durch Bombentreffer gegeben. Erst nach Kriegsende konnte man wieder mit der Instandsetzung beginnen - und am 3. August 1946 wurde der Parkfriedhof wieder geöffnet.
Nur der Totengräber weiß, was geschah
Vor allem eine ganz bestimmte Beisetzung auf dem Sankt Marxer interessiert Wissenschaftler und Fans bis heute. Schmucklos und kärglich, ohne jeden Pomp war sie: ein erbärmlicher Leichenzug am 6. Dezember 1791, nachdem Wolfgang Amadeus Mozart gestorben war. Das Genie hatte weit über seine Verhältnisse gelebt, ging fast mittellos, mit nur 35 Jahren. Nur wenige Begleiter brachten ihn bei Regen und Schnee bis zum Stubentor am Stadtrand; unter ihnen sollen sein letzter Schüler Franz Xaver Süßmayr und sein ewiger Rivale Antonio Salieri gewesen sein. Von da an weiß nur noch der Totengräber, was geschah.
Mozart landete in einem der Armengräber, die in platzsparenden Schächten mit je vier Leichen nebeneinander belegt wurden. Der Klappsarg wurde entleert und wiederverwandt. Nach zehn Jahren folgte dann ein neuer "Belag". 1801 war also die erste Chance, die Gebeine des nun bereits verehrten Komponisten aus dem Knochen-Allerlei zu bergen. So kam ein Mozart-Schädel auf Umwegen nach Salzburg; seine Echtheit ist bis heute unbestätigt.
An der ungefähren, stets umstrittenen Stelle wurde ein Scheingrab mit einem Mozart-Denkmal errichtet - das freilich zu dessen 100. Todestag 1891 auf den Zentralfriedhof gebracht wurde. Ein findiger Wärter schmückte die verödete Fläche schließlich mit Teilen anderer Grabmäler aus. An dem Säulenstumpf legen Besucher bis heute Blumen und Fanpost ab und entzünden Kerzen. Zu seinem Geburts- und Todestag reisen offizielle Delegationen zum Kranzabwurf an. (Link: https://www.wien.gv.at/freizeit/friedhof-st-marx-park)