Grazer Religionswissenschaftler Winter im Anschluss an Tagung zu religiösen Diskursen in westlichen Demokratien in Seggau: Theologie sollte Spaltungstendenzen "ein Gegenprogramm der Förderung von Zusammenhalt und Dialog" entgegenhalten
Graz, 27.07.2026 (KAP) So erfreulich es einerseits ist, dass Religion "offenbar wieder ein Thema der Politik" ist, so besorgniserregend ist andererseits, dass Religion im politischen Kontext überwiegend im Rahmen von "Problematisierungsdiskursen" und als "Negativressource" thematisiert wird. Das hat der Grazer Religionswissenschaftler, Prof. Franz Winter, im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Kathpress betont. Auch wenn in Österreich noch keine politischen Instrumentalisierungen der Religion in der Vehemenz wie etwa in den USA vorlägen, so sei es doch geboten, dass speziell die akademische Theologie das aktuelle Zeitfenster verstärkt nutzt, um der Instrumentalisierung und Spaltungstendenzen "ein Gegenprogramm der Förderung von Zusammenhalt und Dialog" entgegenzuhalten.
Eben dies sei auch das Ziel der jüngsten, von Winter mitorganisierten Dialogtagung "Religiöse Diskurse in westlichen Demokratien: Religion und Politik" gewesen, die vom 20. bis 23. Juli in Seggau/Steiermark stattfand. Die Tagungsreihe, die aus den früheren christlich-jüdischen Bibelwochen hervorgegangen ist, führt alle zwei Jahre Referentinnen und Referenten aller drei großen monotheistischen Religionen zusammen, um aktuelle religiöse Diskurse in Gesellschaft, Politik und Kultur auszuloten.
Diskursverschiebungen und Randthema Integralismus
Beim heurigen Thema "Religion und Politik" könne man in den vergangenen Jahren eine Verschiebung feststellen, führte Winter aus: Wurde noch vor einigen Jahren Religion aus politischer Sicht in den Bereich des Privaten geschoben, so hätten die vermehrt rechtsnationalen und populistischen politischen Diskurse Religion als Thema wiederentdeckt. Dies gelte speziell für die christlich geprägten Gesellschaften - in islamisch geprägten Gesellschaften, aber auch in Israel seien ähnliche Formen der Instrumentalisierung schon seit vielen Jahren ein Thema.
Zugleich warnte Winter davor, die Bedeutung dieser Diskurse speziell in Mitteleuropa bzw. in Österreich zu überschätzen. Es gebe einzelne Personen, die etwa den christlichen Neo-Integralismus förderten und in den angelsächsischen Raum gut vernetzt seien. Dies sei aber "gewiss nicht der Mainstream im österreichischen Katholizismus" und eher ein Randthema, dem allerdings teilweise große mediale Aufmerksamkeit zukomme. Relevanter seien auch hierzulande "an konservativen Themen orientierte Vernetzungen", so Winter. Das sei etwa bei den Themen Abtreibung und Familienpolitik gut zu beobachten.
An der Tagung in Seggauberg nahmen rund 50 Personen u. a. aus Graz, Wien, Innsbruck, Münster und Ljubljana teil. Die Vorträge deckten dabei ein breites Spektrum an religionswissenschaftlichen, juristischen, judaistischen, theologischen, islam- und medienwissenschaftlichen sowie religionspädagogischen Zugängen zum Thema ab. Neben Winter zeichneten für die Dialogtagung die Grazer Alttestamentlerin Irmtraud Fischer, der Wiener Judaist Gerhard Langer, die Münsteraner Religionspädagogin Dina El Omari sowie die Grazer Religionspädagogin von der PPH Augustinum, Edith Petschnigg, verantwortlich.
Eröffnet wurde die Tagung mit einem Vortrag der Wiener Pastoraltheologin Prof. Regina Polak. Diese hatte in ihrem Vortrag unterstrichen, dass Juden, Christen und Muslime Unverzichtbares dazu beitragen könnten, dass Österreich gemeinsam mit der EU "zur Sprecherin und Vorkämpferin für den demokratischen Teil der Welt wird." Weitere Vorträge hielten u.a. der scheidende Wiener Oberrabbiner Jaron Engelmayer, der Judaist Gerhard Langer, der Wiener evangelische Religionspädagoge Alfred Garcia Sobreira-Majer, der Islamwissenschaftler Rüdiger Lohlker und die Wiener Religionswissenschaftlerin und Soziologin Katharina Limacher.
Wiener Pastoraltheologin eröffnete mit Vortrag über demokratiepolitische Herausforderungen für Juden, Christen und Muslime in Österreich interreligiöse Tagung in Schloss Seggau