Französischer Lebensschutz-Bischof Rouge auf "communio.de" zur Legalisierung der Sterbehilfe in Frankreich: "Was auf dem Spiel steht, ist unser Verhältnis zum Leben"
Freiburg/Wien, 29.07.2026 (KAP) Als einen Angriff auf die gesamte Gesellschaft hat der französische Bischof Matthieu Rougé die Entscheidung der französischen Nationalversammlung für die Freigabe aktiver Sterbehilfe und des begleiteten Suizids bezeichnet. "Was auf dem Spiel steht, ist unser Verhältnis zum Leben", sagte der in der französischen Bischofskonferenz für Fragen der Bioethik, des Lebensschutzes und des Lebensendes zuständige Bischof im Interview auf "communio.de" (Mittwoch): "Die Legalisierung der Sterbehilfe, die die grundlegende Achtung vor dem Leben des Anderen untergräbt, verletzt die ganze soziale Ordnung und stellt - selbst wenn wir uns dessen nicht bewusst sind - unsere gemeinsame Fähigkeit in Frage, eine Gesellschaft zu bilden."
Die Debatte über das Thema habe Frankreich schon über 20 Jahre lang bewegt - nun jedoch sei die Stimmung gekippt - mit schwerwiegenden Folgen, so der Bischof: "Falls das verabschiedete Gesetz durch den Verfassungsrat und die europäische Rechtsprechung bestätigt wird, wird es aber genau dieses Staatsmodell unserer Republik schwächen, das auf Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit in ihrer unverzichtbaren Wechselbeziehung gegründet ist." Man befürchte etwa einen Rückzug des Staates aus dem zentralen Bereich der Palliativmedizin und einen steigenden Druck auf Kranke wie alte Menschen, Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen.
Leben insgesamt erfährt eine Entwertung
Die Entwicklung sei insgesamt besorgniserregend und in einem größeren Kontext zu sehen, wies Rougé hin: Beispiele aus anderen Ländern würden zeigen, dass der assistierte Suizid nur der erste Schritt für dann folgende weitere Liberalisierungen sei. Und infolgedessen komme es zu einer schrittweisen Entwertung des Lebens an sich: "Für viele unsere Zeitgenossen - sie scheuen sich nicht, es zu sagen - ist es weder heilig noch wirklich wünschenswert. Man sollte sich deshalb nicht darüber wundern, dass es zu sinnlosen Morden durch Jugendliche kommt: Wenn das Leben keinen Wert hat, weshalb sollte man es dann achten? Man kann auf die Geburtenkrise nicht nur mit sozialen oder steuerlichen Maßnahmen antworten, denn es handelt sich um eine Krise der Gründe zu leben und das Leben weiterzugeben."
Enttäuschung äußerte der Bischof auch im Blick auf den Gesetzgebungsprozess: Für katholische Gesundheitseinrichtungen wurde seitens der Regierung ein sogenannter "Einrichtungsvorbehalt" im Gesetzestext zugesagt. Dieser sollte es etwa katholischen Spitälern oder Pflegeheimen ermöglichen, Sterbehilfe in ihren Häusern abzulehnen bzw. Gewissensvorbehalte von Ärzten und Pflegekräften in den Einrichtungen geltend zu machen. Die aktuelle Rechtslage sehe nun vor, dass auch kirchlich getragene Einrichtungen verpflichtet wären, Sterbehilfe in ihren Häusern zuzulassen. "Die Regierung hat uns diesbezüglich Zusicherungen gemacht, die leider nicht eingehalten wurden". Daher habe man gegen das Gesetz nun auch Beschwerde eingelegt, so Rougé.
In Frankreichs Parlament steht die dritte Lesung des Gesetzentwurfs zum Lebensende an. Der Senat hatte Kompromissformeln zum Thema Sterbehilfe abgelehnt. Die Bischöfe mobilisieren ein letztes Mal - zum Gebet. Von Alexander Brüggemann (KNA)