Sr. Schlackl: Argument "die wollen das eh" greift zu kurz - "Es geht um Menschen, nicht um Ware, die man konsumieren kann" - Tag gegen Menschenhandel am 30. Juli
Linz, 30.07.2026 (KAP) Die Linzer Ordensfrau und Menschenhandels-Expertin Sr. Maria Schlackl sieht Österreich mit einem wachsenden Problem sexueller Ausbeutung konfrontiert und fordert ein Umdenken in Politik und Gesellschaft. Vielen Menschen sei "kaum bewusst, wie stark Österreich von Menschenhandel betroffen ist", so die Initiatorin der Initiative "Aktiv gegen Menschenhandel - aktiv für Menschenwürde" im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Kathpress anlässlich des Welttags gegen Menschenhandel am Donnerstag. Die aktuelle Gesetzeslage erleichtere Ausbeutung und müsse reformiert werden, so die Salvatorianerin. Auch das häufig vorgebrachte Argument, Frauen würden sich freiwillig für die Prostitution entscheiden oder "die wollen das eh", greife zu kurz.
Mehr als 90 Prozent aller Frauen und Mädchen, die in Österreich als "Sexdienstleisterinnen" ausgebeutet würden, kämen aus dem Ausland, informierte Schlackl. Die Ordensfrau sieht darin einen engen Zusammenhang zwischen Migration sowie Arbeits- und sexueller Ausbeutung. Zuletzt seien insbesondere Frauen aus China verstärkt von Menschenhandel betroffen, so Schlackl mit Verweis auf aktuelle Polizeiberichte.
Bei sexueller Ausbeutung bestimme die Nachfrage das "Angebot" bzw. den Missbrauch, so die Salvatorianerin. Wer sexuelle Dienstleistungen nachfrage, trage daher dazu bei, den Markt für Menschenhandel aufrechtzuerhalten. Täter wie Profiteure müssten zur Verantwortung gezogen werden, forderte Schlackl: "Es geht um Menschen, nicht um Ware, die man konsumieren kann."
"Ware Frau"
Kritik übte Schlackl auch an der politischen Debatte. Die Politik positioniere sich zwar regelmäßig gegen Menschenhandel, blende aber die Rolle der Prostitutionsgesetzgebung weitgehend aus. Das Geschäft mit der "Ware Frau" funktioniere in Österreich nur aufgrund der liberalen Prostitutionsgesetzgebung, betonte Schlackl: "Die Frauen werden damit der Ausbeutung freigegeben." Auch der Begriff "Sexarbeit" verschleiere ihrer Ansicht nach die Realität jener Frauen und Mädchen, die Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution seien. "Sexarbeit ist keine Arbeit wie jede andere", so die Menschenhandels-Expertin. Besonders besorgniserregend sei, dass die Zahl der unter 14-Jährigen, die von Menschenhandel und sexueller Ausbeutung betroffen seien, steige.
Jüngste Fälle in Österreich und Schweiz
Neben gesetzlichen Änderungen brauche es auch eine gesellschaftliche Sensibilisierung, so die Ordensfrau. Sexistische Sprache, frauenverachtende Witze und digitale Formen sexualisierter Gewalt dürften nicht verharmlost werden. Auch vor neueren Formen der sexuellen Ausbeutung - etwa digitale Formen sexualisierter Gewalt - dürfe man nicht wegschauen, forderte Schlackl mit Verweis auf die internationale Ermittlungsaktion "Operation Medusa" gegen ein Missbrauchsnetzwerk in mehreren europäischen Staaten; auch ein Fall aus Niederösterreich sowie einer aus Tirol wurden unabhängig von der Europol-Operation im Juli bekannt, weiters soll ein Schweizer Ex-Politiker jahrelang seine Lebensgefährtin und ihre minderjährige Tochter betäubt, missbraucht und gefilmt haben.
Hilfe zu Autonomie und Selbsthilfe
Ihre vom Verein "Solwodi" (Solidarity with Women in Distress) getragene Initiative macht immer wieder durch Vorträge, Diskussionsrunden und persönliche Gespräche den Zusammenhang von Sexkauf und Menschenhandel deutlich. Die Initiative "Aktiv gegen Menschenhandel - aktiv für Menschenwürde" lädt am 18. Oktober zu einer Fachtagung im ORF-Landesstudio Oberösterreich, bei der Expertinnen und Experten über Ursachen und Folgen sexueller Ausbeutung sowie mögliche gesetzliche Konsequenzen diskutieren.
"Solwodi" wurde 1985 von Sr. Lea Ackermann in Kenia gegründet und setzt sich mittlerweile auch in Deutschland und Rumänien für eine Verbesserung der Stellung von Frauen ein, die in ihren Heimatländern oder in Europa in eine große Notlage bis in die Prostitution geraten sind. Der österreichische Verein wurde von sechs Ordensgemeinschaften, darunter die Salvatorianerinnen und die Caritas Socialis Schwesterngemeinschaft, gegründet. Heute ist der Verein in mehreren europäischen Ländern aktiv und setzt sich für die Verbesserung der Stellung von Frauen ein.