Ökumenisches Gedenken für Sinti, Roma und Jenische im Stephansdom
02.08.202611:29
(zuletzt bearbeitet am 02.08.2026 um 15:57 Uhr)
Österreich
Oberkirchenrätin Ingrid Bachler in Predigt am Holocaust-Gedenktag: Jesu Seligpreisungen gelten für Ausgegrenzte wie die von den Nazis ermordeten Minderheiten
Wien, 02.08.2026 (KAP) Jesus schaut in seinen Seligpreisungen auf "Menschen, die trauern, die ausgegrenzt werden, die nach Gerechtigkeit hungern". Deshalb passen diese in der Bergpredigt formulierten Zusprüche - so die evangelische Oberkirchenrätin Ingrid Bachler - in besonderer Weise zum Holocaust-Gedenktag für Sinti, Roma und Jenische, der am Sonntag Anlass für einen Ökumenischen Gedenkgottesdienst im Stephansdom war. Bachler erinnerte in ihrer Predigt an die Nacht vom 2. auf den 3. August 1944, als im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau Tausende Angehörige dieser Volksgruppen ermordet wurden.
Die Feier unter dem Motto "Erinnern, Würde bewahren, Gemeinsam Zukunft gestalten" wurde von der Oberkirchenrätin gemeinsam mit dem Wiener Weihbischof Franz Scharl, Pastor Karl Schmidt von der Freien Christen Gemeinde Jeschua sowie dem orthodoxen Erzpriester Slavisa Bozic gestaltet. Für die hochkarätige musikalische Gestaltung sorgten Tini Kainrath + Sinti-Band sowie Martin Horvarth & Leon-Berger-Band u.a. mit der Roma-Hymne "Gelem Gelem". Die Fürbitten wurden in Deutsch, Romanes, Sinti-Dikes und Jenisch gesprochen. Am Ende des Gottesdienstes mit Teilnehmenden aus Kirchen und Politik verlas Meinhard Rauchensteiner ein Grußwort von Bundespräsident Alexander Van der Bellen.
Jesus beginne seine Bergpredigt mit den Trauernden, erinnerte Bachler: "Vielleicht deshalb, weil Trauer ein Zeichen der Liebe ist. Wer trauert, sagt: Dieser Mensch war nicht gleichgültig. Er war einzigartig. Er hatte eine unantastbare Würde." Der Ökumenische Gedenkgottesdienst erinnere an Unrecht und gebe den Opfern ihre Würde zurück. Erinnerung sei "ein Akt der Gerechtigkeit".
Diese setzte sich nach der Beendigung des Nazi-Terrors jedoch nicht automatisch durch, bedauerte die Oberkirchenrätin. Sie erinnerte an den Holocaust-Überlebenden und Sinto Otto Rosenberg, der nach seiner Befreiung aus dem Konzentrationslager auf einen Neuanfang gehofft habe. Doch sei er erneut mit Vorurteilen und Ablehnung konfrontiert worden, so Bachler: "Er erzählte, dass der Krieg zwar vorbei gewesen sei, das Misstrauen gegenüber Sinti und Roma und Jenischen aber nicht." Unrecht ende nicht automatisch mit einem Friedensschluss, hielt die Oberkirchenrätin fest: "Es endet erst dort, wo Menschen bereit sind, ihre Herzen zu öffnen."
Bachler schloss mit der Verheißung Jesu: "Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Kinder Gottes genannt werden."
Hintergrund des Gottesdienstes war die Erinnerung an das Massaker in der Nacht vom 2. auf den 3. August 1944, als im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau das sogenannte "Zigeunerfamilienlager" aufgelöst und rund 4.300 Roma und Sinti ermordet wurden. 2015 erkannte das Europäische Parlament den Tag als Gedenktag für den Völkermord an Roma und Sinti während des Zweiten Weltkriegs an. In Österreich beschloss der Nationalrat im Jänner 2023 einstimmig, den 2. August als Nationalen Gedenktag für die im Holocaust verfolgten und ermordeten Roma und Romnja sowie Sinti und Sintizze einzurichten.
Der Gottesdienst war Teil mehrerer Gedenkveranstaltungen rund um den 2. August. Bereits am Freitag find eine Kranzniederlegung des Parlaments beim Äußeren Burgtor sowie eine Gedenkfeier am Roma- und Sinti-Friedhof in Lackenbach statt. Den kirchlichen Abschluss bildet am 9. August die 30. internationale Roma-Wallfahrt nach Mariazell.