Dogmatikerin Spies bei Eröffnung der "Salzburger Hochschulwochen": Vieldeutigkeit des Christentums ist "Geschenk und Grundlage von Freiheit" - Berliner Soziologe Reckwitz: Erbe "Schlüsselbegriff" der Gegenwartskultur
Salzburg, 03.08.2026 (KAP) Angesichts eines neu aufkeimenden Interesses für Religion seitens der Politik und eines Erstarkens einer Form "Politischer Theologie", die sich religiöser Deutungen und Argumente bedient, um politische Ziele zu verfolgen, hat die Salzburger Theologin Franca Spies für Zurückhaltung und eine Wiederentdeckung der Vielfalt speziell im Bereich des Katholizismus plädiert. Bedienen sich die politisch-theologisch aufgeladenen Ideologien der Gegenwart wie jene eines Peter Thiel gefährlicher, auf Carl Schmitt zurückgehender Muster der Freund-Feind-Logik, der Beschwörung des Ausnahmezustands oder theologischer Begriffe wie der Apokalypse, des Antichristen oder des Katechon, so müsse Theologie auf die Vieldeutigkeit christlicher Überlieferung als "Geschenk und Grundlage von Freiheit" pochen.
Spies äußerte sich am Montag bei einem Vortrag in Salzburg. Der Vortrag bildete zugleich den theologischen Eröffnungsvortrag der "Salzburger Hochschulwochen", die noch bis 9. August unter dem Motto "Wer wir sind und sein wollen. Identität: Superkraft und Problemzone" stehen.
Die Suche nach einer zeitgemäßen christlichen Identität sei wichtig - aber es gelte, sich vor vereindeutigenden Zuschreibungen zu hüten, so die Salzburger Dogmatikerin. Dabei gebe es sehr wohl bereits bewährtes theologisches Rüstzeug, um sich entsprechenden Vereinnahmungsversuchen entgegenzustemmen, wie die "Neue Politische Theologie" eines Johann Baptist Metz, die sich schon vor einem halben Jahrhundert kritisch mit den heute wieder aufflammenden Bezugnahmen auf Carl Schmitt auseinandergesetzt habe. Auch wenn diese "Neue Politische Theologie" im Vatikan "nicht immer auf Gegenliebe gestoßen" sei, so habe sie doch ihre Strahlkraft bewahrt und wirke in den politischen Aussagen von Papst Leo XIV. zu Friedensfragen bis heute weiter, so Spies.
Zu vermeiden gelte es in den religionspolitischen Debatten der Gegenwart zwei Extreme: eine rein "säkularistische Option", die Religion aus dem öffentlichen Raum verbannen wolle, und eine "fundamentalistische Option", die Verflechtung von Religion und Staat so weit denkt und - etwa in Form eines Peter Thiel oder auch des US-Vizepräsidenten James David Vance - wieder hoffähig zu machen versuche, dass sogar eine religiöse Staatsform denkbar erscheine.
Reckwitz: Erbe als Schlüsselbegriff der Kultur und Identitätssuche
Auf die vielschichtige Bedeutung des Begriffs "Erbe" hat der Berliner Soziologe Andreas Reckwitz bei den "Salzburger Hochschulwochen" hingewiesen. Erben bzw. das Erbe könne geradezu als ein "Schlüsselbegriff" der Gegenwartskultur begriffen werden, insofern er nicht nur monetäre Vorgänge beschreibt, sondern auch das In-Beziehung-Setzen zur eigenen Geschichte, die bis in die Gegenwart hineinreicht, bezeichne. Damit wird das Erbe - sei es als Last bzw. Bürde oder als wertvolles Gut, das es zu bewahren gilt - zu einem wichtigen Moment der Identitätskonstruktion in spätmodernen Gesellschaften, erklärte der Soziologe. "Sein Erbe wird man einfach nicht los. Man kann in diesem breiten Verständnis nicht nicht erben".
Galt bis in die 1970er Jahre noch ein Erbverständnis der klassischen Moderne, die im Sinne eines Fortschrittsdenkens die Vergangenheit und das damit verbundene Erbe als ein zu überwindendes Moment betrachtete, habe sich dies heute nicht zuletzt unter dem Eindruck der Individualisierung verändert. Menschen würden die persönlichen Familiengeschichten neu entdecken und das darin schlummernde Erbe - auch die Geschichten und die aus familiären Konfliktgeschichten gleichsam epigenetisch vererbten Traumata - wieder entdecken und bearbeiten.
Diese "neue Faszination" für das familiäre Erbe diene dabei laut Reckwitz vor allem der "Identitätskonstruktion": Im Rückgriff auf die je eigene familiäre Tradition und Geschichte werde die Einzigartigkeit und Authentizität der eigenen Geschichte unterstrichen. Dies stelle nach der Individualisierung der Gesellschaft den nächsten Schritt in Richtung einer "Singularisierung" dar: "Die eigene Vergangenheit wird zum Gegenstand der Konstruktion individueller Besonderheit. Das Singularisierungsprojekt wird zur Lebensaufgabe."
Die Vorträge von Spies und Reckwitz bildeten den Auftakt der Salzburger Hochschulwochen, die noch bis 9. August in der Mozartstadt stattfinden. Hunderte Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus dem gesamten deutschen Sprachraum sind wieder der Einladung zu einer "smarten Sommerfrische" gefolgt. Sie erwartet ein Programm aus Vorträgen, Workshops sowie kulturellen und spirituellen Angeboten. Den Abschluss bildet ein Akademischer Festakt am Sonntag, 9. August, mit einem Festvortrag des Paderborner Erzbischofs Udo Markus Bentz. (Infos: www.salzburger-hochschulwochen.at)
Theologin der Universität Salzburg beim Eröffnungsvortrag der Salzburger Hochschulwochen am 3. August 2026
Soziologe der Humboldt-Universität Berlin beim Eröffnungsvortrag der Salzburger Hochschulwochen am 3. August 2026
Der Salzburger Erzbischof bei der Eröffnung der Salzburger Hochschulwochen am 3. August 2026
Eröffnung der Salzburger Hochschulwochen am 3. August 2026 - v.l.: Prof. Martin Dürnberger (Obmann), Karoline Edtstadler (Landeshauptfrau)
Eröffnung am 3. August 2026 v.l.: Abt Theodor Hausmann, SHW-Obmann Martin Dürnberger, Abt Johannes Perkmann, Rektor Bernhard Fügenschuh, Landeshauptfrau Karoline Edtstadler, Erzbischof Franz Lackner, Altabt Korbinian Birnbacher, Erzbischof Ludwig Sch
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