Leiter der Stabstelle "Internationaler Schutz verfolgter religiöser Minderheiten" im Bundeskanzleramt, Soudek, im ICO-Interview: "Wenn christliche Gemeinschaften im Nahen Osten bleiben sollen, müssen sie nicht nur überleben können"
Wien/Linz, 04.08.2026 (KAP) Die Situation für die christlichen Minderheiten im Nahen Osten ist für den Leiter der Stabstelle "Internationaler Schutz verfolgter religiöser Minderheiten" im Bundeskanzleramt, Daniel Soudek, in vielen Fällen höchst vulnerabel. Er warnte vor einer weiteren Abwanderung der Christen aus der Region, was aber durch ein Bündel an Hilfsmaßnahmen vermeidbar wäre. Soudek äußerte sich im Interview in der aktuellen Ausgabe des Magazins "Information Christlicher Orient" (ICO).
Er sehe eine Zukunft für die christlichen Gemeinschaften im Nahen Osten - aber sie ist nicht selbstverständlich, so Soudek: "Wenn christliche Gemeinschaften im Nahen Osten bleiben sollen, müssen sie nicht nur überleben können - sie müssen dort in Würde, Sicherheit und Freiheit leben können." Wenn Gemeinschaften hingegen einmal aus ihren angestammten Regionen verschwinden, sei das kaum rückgängig zu machen, warnte der Experte.
Die Formen der Bedrohung hätten sich in den vergangenen Jahren verändert, so Soudek weiter: "In den 2010er-Jahren standen vor allem Terrororganisationen wie der sogenannte 'Islamische Staat' im Vordergrund. Heute sehen wir eine komplexere Gemengelage: fragile staatliche Strukturen, lokale Milizen, gesellschaftlicher Druck, rechtliche Benachteiligungen, wirtschaftliche Not und in manchen Ländern auch staatliche Repression. Im Iran sind insbesondere Konvertiten und nicht anerkannte religiöse Gruppen massivem Druck ausgesetzt.
Aus seiner Sicht sei besonders problematisch, dass religiöse Minderheiten oft zwischen die Fronten größerer politischer, konfessioneller und regionaler Konflikte geraten. Destabilisierung im Nahen Osten treffe sie meist zuerst und am härtesten. Soudek: "Wo Sicherheit, Rechtsstaatlichkeit und wirtschaftliche Perspektiven fehlen, wächst der Druck zur Abwanderung. Dadurch werden die verbleibenden Gemeinschaften noch kleiner, noch verwundbarer und politisch noch weniger sichtbar."
Gerade deshalb sei ein kontinuierliches Monitoring wichtig. "Einzelne Ereignisse sind oft nur die sichtbare Spitze einer längerfristigen Entwicklung." Entscheidend sei, Muster zu erkennen: "zunehmender Druck auf Minderheiten, Einschränkungen religiöser Praxis, gezielte Gewalt, Abwanderung und der Verlust historisch gewachsener religiöser Vielfalt".
Historischer, kultureller und religiöser Bestandteil
Die christlichen Gemeinschaften seien kein Fremdkörper in der Region, "sondern ein historischer, kultureller und religiöser Bestandteil des Nahen Ostens". Ihre Zukunft hänge jedoch davon ab, ob es gelinge, Sicherheit, Gleichberechtigung und konkrete Lebensperspektiven zu schaffen. Dazu brauche es vor allem Schutz vor Gewalt, funktionierende staatliche Strukturen, gleiche Rechte unabhängig von der Religionszugehörigkeit und die Möglichkeit, den eigenen Glauben frei zu leben. Ebenso wichtig seien Bildung, Gesundheitsversorgung, Arbeit und Wiederaufbau. "Menschen bleiben nur dann in ihrer Heimat, wenn sie dort auch eine realistische Zukunft für ihre Kinder sehen", so Soudek.
Aus der bisherigen Arbeit der Stabstelle zeige sich: "Unterstützung muss möglichst konkret dort ansetzen, wo religiöse Minderheiten unter Druck stehen und Perspektiven vor Ort gefährdet sind." Es reicht nicht, Verfolgung nur zu benennen. Entscheidend sei, betroffene Gemeinschaften im Rahmen der verfügbaren Möglichkeiten konkret zu stärken, "etwa durch Bildungs- und Gesundheitsprojekte, internationale Aufmerksamkeit, diplomatische Sensibilisierung und die Zusammenarbeit mit vertrauenswürdigen Partnern vor Ort".
Das Magazin "Information Christlicher Orient" wird vom Linzer Hilfswerk "Initiative Christlicher Orient" (ICO) herausgegeben. (Infos: www.christlicher-orient.at)