Innsbrucker Bischof warnt vor "systematischer Vertreibung" im Westjordanland und ruft internationale Staatengemeinschaft zum sofortigen Handeln auf - "Menschenrechte gelten entweder für alle Menschen - oder sie verlieren ihren Sinn."
Innsbruck, 04.08.2026 (KAP) Angesichts anhaltender Gewalt im Nahen Osten hat der Innsbrucker Bischof Hermann Glettler ein Ende der Gewaltspirale gefordert. Während die Kämpfe in Gaza weiter zahlreiche Opfer forderten, verschärfe sich auch die Lage im Westjordanland immer weiter, so der für den Bereich "Gesellschaftliches Engagement" in der Österreichischen Bischofskonferenz zuständige Bischof in einer Stellungnahme am Dienstag. Für ein sofortiges Ende von Vertreibung, Zerstörung, Enteignung und Siedlergewalt sowie für den Schutz von Menschen und der lebensnotwendigen Infrastruktur brauche es nun "ein Durchbrechen der Schweigespirale sowie ein entschlossenes, mutiges Handeln der internationalen Staatengemeinschaft", forderte der Bischof.
Die Gewalt im von Israel besetzten Westjordanland eskaliere "in unvorstellbarer Weise", so der Innsbrucker Diözesanbischof. Fast täglich gebe es tödliche Angriffe in Gaza - und eine Hamas, die ihre Entwaffnung verweigere. Internationale Beobachter und Menschenrechtsorganisationen würden eine Zunahme von Angriffen auf palästinensische Dörfer und Bauernhöfe dokumentieren. Dazu gehörten unter anderem Zerstörungen von Infrastruktur sowie Einschränkungen beim Zugang zu Wasser und landwirtschaftlichen Flächen, wodurch Familien zum Verlassen der Gegend gezwungen würden.
"Systematische Vertreibung"
"Eine systematische Vertreibung der palästinensischen Bevölkerung aus der Westbank scheint im Gange zu sein", urteilte der Bischof. Und weiter: "Die immer aggressiver auftretende Siedlerbewegung wird bei diesem illegalen Vorhaben von höchster Stelle gedeckt." Mit den jüngst angekündigten Maßnahmen zur beschleunigten Legalisierung weiterer Siedlungsbauten von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sei das Völkerrecht außer Kraft gesetzt worden.
Glettler betonte zugleich, dass das Existenzrecht Israels und das Recht seiner Bevölkerung auf Sicherheit außer Frage stünden. Ebenso müssten die grundlegenden Rechte des palästinensischen Volkes auf Leben, Freiheit, Heimat, Würde und Zukunft gewahrt werden. Die Politik der israelischen Regierung, insbesondere Pläne zur Annexion des Gazastreifens und des Westjordanlands, müsse "aufs Schärfste kritisiert und zurückgewiesen werden", so der Bischof.
Glettler: Schweigen ist "Form von Mittäterschaft"
"Menschenrechte gelten entweder für alle Menschen - oder sie verlieren ihren Sinn." Auch die christlichen Gemeinden im Heiligen Land seien von der aktuellen Situation betroffen und teilten die Sorgen ihrer muslimischen Nachbarn um Sicherheit, Heimat und Zukunft. Diese "unheilvolle Verbindung von Vertreibung und religiös motivierter Landnahme" verlange ein internationales Eingreifen. Nicht zuletzt müssten alle religiösen und kulturellen Stätten, Synagogen, Kirchen und Moscheen ein Tabu für jede ideologisch motivierte Zerstörung sein.
Auch Papst Leo XIV. werde nicht müde, diplomatische und politische Lösungen einzuklagen und damit die Tragödien der Gewalt zu stoppen. "Doch selbst diese wichtige Stimme ist wie ein ohnmächtiges Flehen um Gerechtigkeit für alle Beteiligten", bedauerte Glettler. Angesichts dieser Tragödien von Gewalt und Unrecht werde Schweigen zu einer Form von Mittäterschaft. "Geschichte wird einst nicht nur fragen, wer Unrecht begangen hat. Sie wird auch fragen, wer geschwiegen hat."