Anstieg von Anrufen und Chats für Telefonseelsorgeleiter der Diözese Graz-Seckau auf zunehmende öffentliche Enttabuisierung zurückzuführen - Große Ausnahme davon bleiben Männer
Graz, 05.08.2026 (KAP) Sowohl die Zahl der Anrufe als auch jene der Chats bei der steirischen Telefonseelsorge nehmen weiter zu. Im Jahr 2025 wurden insgesamt 15.587 Anrufe und 9.950 Chats verzeichnet. Dabei nutzten Frauen häufiger das Telefon, jüngere Menschen bevorzugten die Online-Beratung, wie Telefonseelsorgeleiter der Diözese Graz-Seckau, Christian Ortner, der "Kleinen Zeitung" (5. August) berichtete. 2026 sei die Tendenz der Anfragen für beide Angebote steigend. Diese Entwicklung sei allerdings nicht nur darauf zurückzuführen, dass es den Menschen schlechter gehe, betonte Ortner. "Den Leuten fällt es inzwischen leichter, sich an Stellen wie uns zu wenden, weil öffentlich Enttabuisierung stattfindet." Zudem mindere die Möglichkeit der Anonymität die Scham. Eine große Ausnahme dabei blieben Männer.
"Sich einzugestehen, Hilfe zu brauchen, erfordert sehr viel Mut. Gleichzeitig verdrängen Männer ihre Gefühle immer noch sehr lange - manchmal bis es fast zu spät ist", beschreibt der Leiter die Ausgangslage. Dies zeige sich auch beim Thema Suizid: Drei Viertel der Suizide in Österreich werden von Männern begangen, in der Steiermark liegt das Verhältnis bei etwa eins zu sechs. Dennoch bemerkt Ortner eine positive Entwicklung: "Früher haben sich Männer noch weniger gemeldet."
Frauen nehmen das Angebot der Diözese Graz-Seckau deutlich häufiger in Anspruch als Männer. Bei den Anrufen machen sie rund zwei Drittel der Ratsuchenden aus, bei den Chatanfragen mehr als die Hälfte. Ein Großteil der Anrufe fällt auf Personen zwischen 40 und 59 Jahren.
Wie auch bei Jugendlichen, die das Chat-Angebot gut aufnehmen, sind Einsamkeit, Isolation, Beziehungen und Familie wiederkehrende Themen in den Gesprächen, die 102 Ehrenamtlichen täglich via Telefon führen. 20 von ihnen übernehmen zusätzlich auch den Chat, der von 16 bis 23 Uhr genutzt werden kann. Haben Jugendliche erstmal Vertrauen gefasst, würden viele von ihnen aber auch gerne auf Telefonie umsteigen, berichtete Ortner.
Finanzielle Unsicherheit verstärkt Sorgen
Finanzielle Sorgen verstärkten häufig auch andere Sorgen, berichtete Ortner aus seiner Erfahrung. Besonders im Sommer werde Armut sichtbar, etwa wenn Familien die Kosten für Ferienbetreuung oder Schullandwochen ihrer Kinder nicht aufbringen könnten oder erneut auf einen Urlaub verzichten müssten. "In wirtschaftlich schweren Zeiten sind Menschen schneller verzweifelt", so der Telefonseelsorgeleiter.
Im Mittelpunkt der Arbeit der Telefonseelsorge stehe daher das Zuhören und Ernstnehmen der Anliegen. Oft zeige sich bereits im Gespräch, dass die emotionale Entlastung den Betroffenen helfe, berichtet Ortner. "Wenn man mit seinen Problemen alleine ist, fühlen sie sich unüberwindbar. Für viele braucht es manchmal lediglich eine andere Perspektive, um wieder Kraft und Mut zu schöpfen."