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Jakob Frühmann vor der 'Sea Watch 4'
Migration
Bild Copyright: © Sea-Watch / Chris Grodotzki

Sea-Watch-Aktivist zu Ceuta: "Migration nicht wie Busfahren"

06.08.2026 11:34
Österreich/Migration/Flüchtlinge/Soziales/Hilfsorganisation/Kirche/Religion/Politik
Theologe im Kathpress-Interview: Abschottung verschiebt Fluchtrouten und macht Migration gefährlicher - "Die tödliche Abschottungspolitik funktioniert auch deshalb, weil das, was in der Wüste passiert, niemand sieht"
Wien, 06.08.2026 (KAP) Die europäische Abschottungspolitik führt nach Einschätzung des österreichischen Theologen und Sea-Watch-Aktivisten Jakob Frühmann nicht dazu, dass weniger Menschen fliehen, sondern verschiebt deren Fluchtwege zunehmend in schwer kontrollierbare und gefährlichere Regionen. "Die gesunkenen Ankunftszahlen sind nicht Zeichen dafür, dass weniger Menschen unterwegs sind, sondern dass die Außengrenzen viel früher beginnen", sagte Frühmann im Gespräch mit Kathpress. Menschen würden etwa in der Wüste zwischen Libyen und Tunesien ausgesetzt und dort ums Leben kommen. "Die tödliche Abschottungspolitik funktioniert auch deshalb, weil das, was in der Wüste passiert, niemand sieht."

Auch die jüngsten Migrationsbewegungen nach Ceuta seien daher kein Hinweis auf eine plötzlich veränderte Fluchtroute, sondern Ausdruck langfristiger und komplexer Bewegungen. "Wir haben ein sehr mechanisches Verständnis von Migration. Das entspricht aber nicht der Realität", so Frühmann. "Migration ist nicht wie Busfahren, man wartet, steigt ein und am Ziel wieder aus." Menschen aus West- und Ostafrika, Syrien, Afghanistan oder anderen Regionen seien häufig jahrelang unterwegs.

Die hohen Zahlen in Ceuta interpretiert der frühere Religionslehrer als Folge einer seit Jahren bestehenden Entwicklung. Die spanische Exklave sei seit Langem ein Ort der Migration und zugleich seit Mitte der 1990er Jahre hochmilitarisiert. Schon früher hätten Grenzzäune Routen verlagert: "Je nachdem, wie hoch Zäune gezogen werden, werden sie woanders umflossen."

Nach jüngsten Angaben der Regionalbehörden starben mindestens 75 Menschen beim Versuch, Ceuta zu erreichen. Von den rund 72.000 Migranten sollen nach neuen Angaben der spanischen Regierung 70.000 inzwischen nach Marokko zurückgekehrt sein.

Menschen als Zahlen

Auch die jüngst medial kolportierten sinkenden Ankunftszahlen in Italien bedeuteten nicht automatisch, dass weniger Menschen flüchteten, betonte Frühmann. Laut UNHCR sind seit Jahresbeginn rund 16.100 Bootsflüchtlinge in Italiens Häfen gelandet, das sind um 56 Prozent weniger als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. "Man redet hier über Menschen in Form von Zahlen", so der Theologe; zudem lasse sich aus diesen Daten in einer Zeit, in der das Thema Migration "künstlich hochgeheizt" wird, leicht politisches Kleingeld schlagen.

Kritik an "Festung Europa"

Eine Abschottung Europas könne letztlich nur um den Preis zunehmender Gewalt funktionieren: "Wenn Europa eine Festung sein will, muss es damit leben, dass Leute an den Außengrenzen sterben." Letztlich müssten sich auch die europäischen Staaten fragen, ob sie Menschenrechte aufgeben wollen oder nicht.

Als konkretes Beispiel nannte er die fehlenden Empathie- bzw. Beileidsbekundungen zu den Toten infolge der tausenden irregulären Grenzübertritte in die spanische Exklave Ceuta. "Kaum ein Staatsoberhaupt hat Worte der Empfindung geäußert. Hier sieht man, dass es nur um die Verteidigung der Grenzen gegangen ist und eine militaristische Haltung, die Migration als Bedrohung ansieht."

Hier gibt der Sea-Watch-Aktivist zu bedenken, dass Menschen, die vom Wohlstand des globalen Systems ausgeschlossen seien, einen "enormen Willen und Anspruch haben, an diesem globalen Reichtum teilzuhaben". Sie seien nicht bloß Bittsteller, sondern handelnde Menschen mit eigenen Interessen und dem Wunsch nach Bewegungsfreiheit.

Kirchen sollen eigenes Narrativ setzen

Frühmann fordert auch von Kirchen und zivilgesellschaftlichen Organisationen ein anderes Vokabular. Sie sollten sich nicht die Sprache rechter Parteien zu eigen machen, sondern Migration wieder als menschliche Realität beschreiben. Als Beispiel nannte er den Besuch von Papst Franziskus auf Lampedusa 2013 sowie von Papst Leo XIV. im Juli dieses Jahres. Beide Päpste haben bei ihren Besuchen eine klare Gegen-Erzählung zur Vorstellung von Migration als "Invasion" gesetzt. "Entscheiden, ob wir die Logik der Stärke nähren und sei es nur durch Gleichgültigkeit, Zynismus, Lüge oder Hass oder die Logik des Friedens hochhalten mit Wahrheit, Besonnenheit, Nähe und Fürsorge", so Leo XIV. bei der Messe auf Lampedusa. Für Frühmann auch ein Ansatz für Kirche und kirchliche Organisationen: "Ein neues Narrativ wäre ein guter Ansatz - gerade wenn man nicht dieses Vokabular übernimmt."
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