Jerusalemer Patriarch warnt vor anhaltender Gewalt, wachsendem Zynismus und Misstrauen - Christen im Heiligen Land wollen Frieden
Assisi, 06.08.2026 (KAP) Angesichts der anhaltenden Gewalt und des politischen Stillstands im Heiligen Land hat der Lateinische Patriarch von Jerusalem, Kardinal Pierbattista Pizzaballa, vor wachsendem Zynismus und Misstrauen in der Bevölkerung gewarnt. Mit Blick auf die für 27. Oktober angekündigten Wahlen in Israel forderte er im Gespräch mit Vatikanmedien einen politischen Neuanfang: "Wir brauchen neue Gesichter, neue Persönlichkeiten. Wer das sein wird, entscheiden die Wähler." Die Probleme des Nahen Ostens seien allerdings so tiefgreifend, dass ihre Lösung viel Zeit benötigen werde. Pizzaballa äußerte sich am Rande des Jugendfestivals "Go!" in Assisi; Anlass für das Event, an dem am Donnerstagvormittag auch Papst Leo XIV. teilnahm, ist der 800. Todestag des heiligen Franziskus (um 1181-1226).
Die Lage im Heiligen Land sei derzeit von großer Spannung geprägt, so Pizzaballa in Assisi, wo er an der Einweihung des "Global House of Friendship and Hope" des Elijah Interfaith Institute teilnahm. Zwar gebe es derzeit keinen umfassenden Krieg mit flächendeckenden Bombardierungen, doch sei Gewalt inzwischen ein Muster, "nach dem die Beziehungen in Gaza, im Westjordanland, in Israel und in Palästina gelesen werden".
Unter Christen wie auch in der übrigen Bevölkerung herrsche "große Erschöpfung" angesichts des ständigen Hin und Her bei Verhandlungen und politischen Ankündigungen. "Niemand glaubt mehr an Nachrichten - selbst dann nicht, wenn sie sich als wahr erweisen", so der Kardinal. Besonders gefährlich sei, dass der Zustand zwischen Krieg und Frieden dauerhaft eingefroren werde. Die Stimmung in Jerusalem sei derzeit "von großer Spannung geprägt". Dies führe dazu, "dass die Menschen immer zynischer und misstrauischer werden".
"Es gibt in dieser Gesellschaft noch immer Kräfte, die wie Antikörper wirken und verhindern, dass der gesamte Organismus von diesem Virus der Gewalt erfasst wird", so der Jerusalemer Patriarch. Als Beispiel nannte er Begegnungen mit jungen und älteren Menschen, Professoren und anderen Persönlichkeiten.
Pfarre Heilige Familie in Gaza
Besondere Aufmerksamkeit gilt laut Pizzaballa der katholischen Pfarre Heilige Familie in Gaza. Dort harrten derzeit 541 Menschen aus. Die Gemeinschaft arbeite am Wiederaufbau der Schule und habe ein medizinisches Zentrum eingerichtet. Ordensschwestern kümmerten sich zudem um Kinder, "nicht nur um die christlichen". Ziel sei, inmitten der Zerstörung, "einen möglichst gesunden und friedlichen Raum zu schaffen".
Auch Papst Leo XIV. sei über die Situation ´informiert und stehe der Gemeinde nahe. Ein Besuch des Papstes im Heiligen Land werde "früher oder später sicherlich stattfinden", müsse aber in einem Umfeld von Ruhe und Stabilität möglich sein. Mit Blick auf die Zukunft setzt Pizzaballa besonders auf die junge Generation: "Die Älteren sind das Gedächtnis, die Jungen aber sind die Hoffnung."
In Assisi verwies der Kardinal zugleich auf das 40-Jahr-Jubiläum des interreligiösen Friedenstreffens von 1986. Das Jubiläum dürfe keine "nostalgische Rückschau" sein, sondern müsse angesichts der heutigen Konflikte "der Ausgangspunkt für einen neuen Weg" eines glaubwürdigen und authentischen Dialogs werden.