"mental health days"-Initiator im Kathpress-Interview über Suizid-Mythen, Gefährdungen und Hilfsangebote: "Beinahe jeder Mensch hat einmal Suizidgedanken"
Wien, 21.08.2026 (KAP) Es beginnt mit einer Belastung, die ohne Hilfe unbemerkt zur Krankheit wird und im schlimmsten Fall zu Suizid führt: In einer Gesellschaft ohne Fehlerkultur habe die Tabuisierung von psychischen Krankheiten fatale Folgen, betonte Golli Marboe, Initiator der "mental health days", im Kathpress-Interview. Obwohl die Covid-Pandemie dazu geführt habe, dass in der Gesellschaft mehr über Fragen des psychischen Wohlbefindens gesprochen werde, widme man sich nach wie vor mehr der Sanierung von Problemen als ihrer Vorbeugung. Die beste Prävention von Suizid sei, über Suizid zu sprechen, mehr Wissen zu vermitteln, Menschen die nötige Hilfe zu geben und ihnen zu sagen, "dass jede Krise überwunden werden kann und dass jeder Mensch, der geht, vermisst wird", so der Experte.
Leistungsdruck, Prüfungsangst, zu großer Ehrgeiz im Sportverein, Vereinsamung und die Propagierung vermeintlicher Schönheitsideale in sozialen Medien belasten Menschen, insbesondere Jugendliche, "doch das sind alles Herausforderungen, die gut 'behandelbar' sind und auf die die Gesellschaft besser reagieren müsste", so Marboe im Vorfeld des Welttags der Suizidprävention (10. September). "Zu Recht fordern wir mehr Schulpsychologie, mehr Kinder- und Jugendpsychiatrieplätze, mehr Aufklärung und mehr Sichtbarkeit für das Thema."
Die größte Gefahr sei, Suizid zu tabuisieren. Beinahe jeder Mensch habe einmal in seinem Leben Suizidgedanken, das liege in der Natur des Menschen - "weil wir - mit kirchlichen Begriffen ausgedrückt - eine Schöpfungserlaubnis haben, und unsere Freiheit sogar so weit geht, uns selbst zu töten. Unsere Vorstellungskraft erlaubt es uns, Schönes wie auch Abgründe vorzustellen".
Suizidgedanken zu haben, sei also zunächst nicht ungewöhnlich und bedeute auch noch keine akute Gefahr, so Marboe. "Wenn ich aber beginne zu planen oder Jugendliche online in Gruppen geraten, die zeigen, wie die Planung eines Suizids durchgeführt wird oder zur Selbstverletzung animieren, dann ist Gefahr in Verzug und dann ist es lebensgefährlich."
Suizidankündigung ist mehr als ein Hilferuf
Ein verbreiteter Irrtum sei, dass die direkte Frage nach Suizidgedanken einen Suizid auslösen könne. "Wenn ich jemanden in seelischer Not frage: 'Hast du am Ende sogar schon darüber nachgedacht, dir das Leben zu nehmen?', kann ich damit keinen Suizid auslösen", betonte Marboe. Das Gegenteil sei der Fall. Wer Anteil nehme und auf eine seelische Krise eingehe, signalisiere Betroffenen, dass sie mit ihrer Situation nicht alleine seien.
Ein anderer Irrtum sei, dass die Ankündigung eines Suizids lediglich ein Hilferuf und keine konkrete Gefahr sei. "Über 80 Prozent aller Suizide werden angekündigt. Wenn jemand also einen Suizid ankündigt, muss man die Rettung (144) rufen oder ärztliche Hilfe holen", so Marboe. Sätze wie "Ich sehe keinen Sinn mehr", "Warum soll ich mir das überhaupt noch antun" und dergleichen seien wortwörtlich und ernst zu nehmen. Auch wenn die andere Person es als Verlegenheit oder Peinlichkeit empfinde. "Es geht in dieser Situation um eine Lebensgefahr, hinter der Peinlichkeit oder Irritation hinten angestellt werden müssen". Wer einen Menschen in einer akuten Krise ernst nimmt und nötigenfalls die Rettung verständigt, handle richtig - die betroffene Person werde dafür später dankbar sein.
"Hilfe zu holen, ist nicht übergriffig"
"Hilfe zu holen, ist nicht übergriffig", sagte Marboe mit Nachdruck. Betroffene, die sich in einer "suizidalen Einengung" befänden, wie sie der österreichische Psychiater Erwin Ringel beschrieben habe, seien in ihrer Wahrnehmung und ihren Handlungsmöglichkeiten stark eingeschränkt und gebrauchten Suizid - ähnlich wie bei Alkoholmissbrauch - als Medikament. "Suizid wird als Medikament verwendet, weil man den Schmerz, den man hat, nicht mehr aushält und weil man keine Perspektiven sieht." Aus der Forschung sei bekannt, dass die Kommunikation über Suizid eine präventive Wirkung entfalten könne - "und zwar dann, wenn sie vermittelt, dass Krisen überwunden werden können und jeder Mensch, der stirbt, eine Lücke hinterlässt".
Das gelte auch für die Berichterstattung in den Medien: "Medien sollen sehr wohl über Suizid berichten, aber nicht im Sinne einer negativen Emotionalisierung, indem ich Tötungsmethoden zeige oder Leichenbilder", sagte Marboe, selbst Medienexperte, Journalist und Autor. Vielmehr sollte das Leben und Wirken des Verstorbenen in den Vordergrund gestellt werden, "denn ein Mensch ist mehr als der Tag seines Todes oder gar der Tötungsmethode".
Die Prävention und Aufmerksamkeit müsse im Vordergrund stehen: "Das heißt, es sollte nicht nur darum gehen, dass man selbstverständlich hilft, wenn Menschen in der Krise sind. Wir sollten vor allem daran arbeiten, dass weniger Menschen in eine Krise kommen." Wenn Eltern bei ihren Kindern wahrnehmen, dass sie Dinge nicht mehr so gern wie früher machen, sich zurückziehen oder auch Dinge verschenken, die ihnen einmal viel bedeutet haben, sollten so früh wie möglich Psychologinnen oder Psychotherapeuten zum Gespräch hinzugezogen werden. Dabei gäbe es auch ganz niederschwellige und kostenlose Angebote.
"mental health days" in Schulen
In Schulen informieren die "mental health days" über Krisenbewältigungs-Strategien, Hilfsangebote und Anlaufstellen. Themen bei den Workshops für Schülerinnen und Schüler, Lehrpersonal und Erziehungsberechtigte sind Mobbing, Körperbewusstsein, Internetabhängigkeit, Leistungsdruck, Sucht, Depression, Suizidalität und Existenzängste. Die "mental health days" finden wieder ab Schulanfang in allen neun Bundesländern - zudem heuer erstmals auch in Liechtenstein und in Südtirol - an über 300 Schulen statt. Die Anfrage sei groß, erklärte Marboe. 600 weitere Schulen stünden bereits auf der Warteliste.
Bei den "mental health days" handelt es sich um ein Präventionsangebot des Vereins zur Förderung eines selbstbestimmten Umgangs mit Medien (Info: www.mentalhealthdays.eu). Am Montag, 24. August, präsentiert der Verein bei einer Pressekonferenz mit Bundesminister Christoph Wiederkehr Ergebnisse der jährlichen Studie, die das Projekt begleitet. Auch über den Ausbau des Angebots und neue Präventionsangebote, etwa einen Workshop über Suizidprävention im digitalen Raum, wird berichtet.
Niederschwellige Hilfsangebote und Notrufnummern
Für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene bis zum vollendeten 21. Lebensjahr bietet die Initiative "Gesund aus der Krise" 15 kostenlose klinisch-psychologische, gesundheitspsychologische, psychotherapeutische oder musiktherapeutische Beratungs- bzw. Behandlungseinheiten. Eine Diagnose ist dabei nicht Voraussetzung; das Angebot richtet sich an junge Menschen, die aufgrund psychosozialer Belastungen Unterstützung benötigen. Die Vermittlung erfolgt möglichst wohnortnah. Nach der Zuweisung muss innerhalb von 14 Tagen ein Ersttermin vereinbart werden; bei fehlender Passung ist ein Wechsel der Behandlerin bzw. des Behandlers möglich.
Für Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre bietet die "Boje" in Wien und Tulln Krisenintervention, Diagnostik sowie kinder- und jugendpsychiatrische Behandlung und psychotherapeutische Unterstützung. Für Erwachsene ab 18 Jahren ist das Wiener Kriseninterventionszentrum eine Anlaufstelle bei akuten Krisen, darunter auch bei Suizidgedanken. Als österreichweite Anlaufstelle bei Krisen und in belastenden Situationen steht zudem die Telefonseelsorge unter 142 rund um die Uhr und kostenlos zur Verfügung.
Im Jahr 2024 starben laut "Suizidprävention Austria" (SUPRA) in Österreich 1.219 Personen durch Suizid, etwa dreieinhalbmal so viele wie im Straßenverkehr. Etwa drei Menschen pro Tag nehmen sich in Österreich das Leben.
(S E R V I C E - Sie sind in einer verzweifelten Lebenssituation und brauchen Hilfe? Sprechen Sie mit anderen Menschen darüber. Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr und gebührenfrei unter der Notrufnummer 142 erreichbar sowie unter www.telefonseelsorge.at. Hilfsangebote für Personen mit Suizidgedanken und deren Angehörige bietet das Suizidpräventionsportal des Gesundheitsministeriums unter www.suizid-praevention.gv.at.)