Erzbischof von Belgrad im Kathpress-Interview über Friedensmission, Ökumene und Einheit der Kirchen in Serbien sowie Hoffnungen für Ungarn
Eisenstadt/Wien, 23.08.2026 (KAP) Angesichts nationalistischer Spannungen, des Krieges in der Ukraine und der durch Migrationskrisen verstärkten Angst vor Fremden hat Kardinal Ladislav Nemet ein "gemeinsames Haus" für alle Länder Europas gefordert. Die Situation in Ceuta habe wieder vor Augen geführt, wie bewusst Angst geschürt werde, um Menschen zu manipulieren. "Wenn wir in Europa als christlicher Kontinent wahrgenommen werden wollen, dann müssen wir nationalistischen Spannungen und der Xenophobie und Angst vor dem Fremden entschieden entgegentreten", betonte der Erzbischof von Belgrad im Interview mit Kathpress.
Dazu gehöre auch eine bessere Zusammenarbeit der Lokalkirchen in Europa, um für die größte Mission von Papst Leo XIV. - den Frieden - einzutreten, sagte der Vizepräsident des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen (CCEE) bei seinem jüngsten Wallfahrtsbesuch in der Basilika Frauenkirchen im Burgenland. Er selbst komme aus der Batschka, "einer Gegend, in der durch die österreichische-ungarische Monarchie Vielfalt und Multikulturalität besonders präsent waren", sagte der ungarischstämmige Kardinal, der schon in sieben europäischen Ländern gelebt hat.
Im Burgenland, wo Österreicher, Ungarn, Kroaten, Sinti und Roma zusammenleben, habe er in seinen Jahren in Österreich "nicht nur Gastfreundschaft, sondern auch ein friedliches Zusammenleben erlebt", so Nemet, der von 1994 bis 2004 als Steyler Missionar in Österreich tätig war. Lobende Worte fand er für den Eisenstädter Bischof Ägidius Zsifkovics, der nicht zuletzt aufgrund seiner Sprachkenntnisse mit allen Volksgruppen gute Beziehungen pflege und zum friedlichen Zusammenleben in der "multikulturellen Welt" des Burgenlands beitrage.
Es gehöre bei seinen Besuchen europäischer Länder zu seinen Aufgaben, immer wieder den Frieden einzumahnen, erklärte der Belgrader Erzbischof, der regelmäßig zu Veranstaltungen und Wallfahrtsorten sowohl in Westeuropa als auch in Osteuropa reist. Unlängst erinnerte er vor vielen Tausend Gläubigen bei der Wallfahrt in Nitra an die Verantwortung der Christen für Frieden und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Europa müsse seinen christlichen Wurzeln treu bleiben und die Würde jedes Menschen, den Rechtsstaat sowie die Solidarität bewahren. Ohne Empathie für die andere Seite gäbe es keine Aussicht auf Fortschritt, erklärte er bei der internationalen Friedenstagung "Mediterranean Theological Meetings" (MTM) in Lovran in Kroatien Ende Juli.
Ökumene und Einheit der Kirchen in Serbien
In Serbien lebten Katholiken als "doppelte Minderheit". "Nur rund 5 Prozent sind Katholiken, 85 Prozent sind Orthodoxe und der Rest entfällt auf Muslime und Andersgläubige", legte Nemet dar. Dabei seien 75 Prozent aller Katholiken in Serbien ungarischer Abstammung. Vor und auch nach dem Jugoslawienkrieg sei es schwierig gewesen, als Katholik in Serbien zu leben. "Wir wurden nicht physisch attackiert, doch psychisch unter Druck gesetzt - denn viele meinten, ein Katholik müsse kroatischer Abstammung sein."
Aktuell pflege man eine sehr gute Beziehung mit den Orthodoxen, betonte der Kardinal. Gemischte Ehen seien "wieder in Mode". "Nach dem Krieg war es in den 1990er Jahren sehr schwierig. Viele Ehen wurden u. a. durch nationale Spannungen zersplittert." Heute arbeite man insbesondere im karitativen Bereich zusammen. "In Serbien feiern Christinnen und Christen zwei Mal Weihnachten und zwei Mal Ostern. Wir besuchen einander", so der Kardinal.
Allerdings werde nicht zusammen gebetet. Dass die katholische und die orthodoxe Kirche noch nicht wieder in voller Einheit miteinander verbunden seien, bleibe eine Herausforderung, sagte Nemet. "Wir haben ein anderes Verständnis von Ökumene. Für Katholiken ist der erste Schritt das Gebet, damit wir auf dem Weg der Einheit vorangehen können. Die Orthodoxen wollen dann gemeinsam beten, wenn die Einheit der Kirche wiederhergestellt ist", sagte Nemet.
"EU ist nicht der größte Feind Serbiens"
Neben seinem Einsatz für die Einheit der Kirchen tritt der proeuropäische Kardinal für die Aufnahme Serbiens in die EU ein. "Als ich 2008 zum Bischof in Serbien wurde, war die EU-Begeisterung viel größer als heute. Seitdem hat sich die Situation verschlechtert. Die Menschen haben sich mehr Hilfe von der EU erwartet." Diese habe aber die Kriterien der Aufnahme geändert. Serbien habe etwa bessere Voraussetzungen, als es Griechenland oder Portugal bei ihrer Aufnahme gehabt hätten. Das sei "politisch unklug".
Das Image eines russlandfreundlichen Landes und die Nähe zu China würden Serbien schaden. Es wäre Aufgabe der politischen Parteien, dieses Image zu verändern. Jährlich verlasse ein Prozent der Bürgerinnen und Bürger Serbien. 60.000 Menschen jährlich wanderten in die Europäische Union ab, nicht nach Moskau und nicht nach Peking. Die Entwicklungen, die zu einer Verlangsamung der Aufnahme in die EU führten, seien enttäuschend. "Nichtsdestotrotz will ich in meiner Rolle ausharren, nicht aufgeben und bei jeder Möglichkeit darüber sprechen, dass der Beitritt möglich und die Union nicht der größte Feind von Serbien ist."
Hoffnungen für Ungarn
Auch für Ungarn hat Nemet Hoffnung. Seit Mitte Mai hat Ungarn eine neue Regierung. Diese suche aktuell den Kontakt zu allen Kirchen, "um Neues aufzubauen und in Dialog darüber zu treten, wo die Kirchen die Rolle des Staates sehen und umgekehrt". Früher habe es "eine Abmachung zwischen Freunden" gegeben, doch keine gesetzlich verankerten Regeln, welche Aufgaben, sozialen und pastoralen Tätigkeiten in den Bereich von Staat und Kirche fallen. Dass der Dialog in eine richtige Richtung gehe, habe die Anwesenheit des Präsidenten der Bischofskonferenz János Székely und des Primas von Ungarn, Kardinal Péter Erdö, bei der Wahl des neuen Staatspräsidenten, Baka András, gezeigt.
Eines sei klar: "Die Kirche ist nicht dazu da, eine gewisse Regierung zu unterstützen. Es geht darum, gemeinsame Lösungen zu finden, und diese Bereitschaft sehe ich auf beiden Seiten. Ich glaube, es gibt viel zu gewinnen", so Nemet. Viele junge Menschen hätten in der Vergangenheit die Kirche verlassen, "weil sie sich verraten gefühlt haben, dass die Kirche ihre Sorge eines zu großen Näheverhältnisses zur Regierung nicht ernst genommen und deswegen auch die Augen verschlossen hat vor Phänomenen, die nicht normal in einem sogenannten christlichen Staat sein sollten".
Es sei zu begrüßen, dass die Kirchen versuchten, sich neu zu positionieren und darauf zu achten, "wo sie das Leben von einfachen Menschen besser machen können. Ganz einfach, wie Papst Franziskus immer gesagt hat: auch in die Peripherie zu gehen und die Menschen dort zu treffen, wo sie sind".