25 Jahre 9/11: Der Priester, der bei den Feuerwehrleuten blieb
02.09.202608:45
USA/Terrorismus/Religion/Leute/Geschichte
Mychal Judge war nah bei den Menschen bis in den Tod - Der Franziskaner und Seelsorger der New Yorker Feuerwehr starb am 11. September 2001 im World Trade Center - Von Christiane Laudage (KNA)
New York, 02.09.2026 (KAP/KNA) 25 Jahre nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 erinnert die New Yorker Feuerwehr in besonderer Weise an einen Mann, der für viele zum Symbol dieses Tages geworden ist: Mychal Judge. Das New York City Fire Department (FDNY) plant für den Jahrestag einen Film über den katholischen Priester, Ordensmann und Feuerwehrseelsorger, der beim Einsatz im World Trade Center ums Leben kam.
Wenige Tage davor, am Sonntag vor dem 11. September, soll zudem ein Gedenkmarsch an ihn erinnern - wie seit 2002 jedes Jahr. Feuerwehrleute, Angehörige und Bürger gehen symbolisch den Weg nach, den Pater Mychal an jenem Morgen von seiner Gemeinde St. Francis of Assisi bis zum Ground Zero zurücklegte. Dabei wird auch allen getöteten Ersthelfern des Anschlagtages gedacht.
"Father Mike"
Geboren am 11. Mai 1933 als Robert Emmett Judge in Brooklyn, New York, als Sohn irischer Einwanderer, gehörte Mychal Judge seit 1954 dem Franziskanerorden an. Zum Zeitpunkt der Anschläge war Judge seit knapp zehn Jahren als Seelsorger der New Yorker Feuerwehr tätig, mit der er sich tief verbunden fühlte. Die Feuerwehrmänner nannten ihn "Father Mike".
Mit seinem offenen, lustigen, den Menschen zugewandten Wesen war er für die Feuerwehrleute weit mehr als ein Priester, der zu Beerdigungen kam oder Gebete sprach. Er begleitete Einsätze, besuchte verletzte Feuerwehrleute im Krankenhaus und stand den Familien bei, wenn ein Angehöriger im Dienst ums Leben gekommen war.
Von Trümmern getroffen
Als am 11. September 2001 das erste Flugzeug in den Nordturm des World Trade Center einschlug, fuhr Judge zum Einsatzort. Im Kommandoposten im Nordturm betete er mit Feuerwehrleuten und Verletzten. Nach dem Einsturz des Südturms wurde er von Trümmern tödlich getroffen.
Judge wurde als "Victim 0001" registriert - als erstes offiziell identifiziertes Todesopfer der Anschläge. Das bedeutet nicht, dass er der erste Mensch war, der an diesem Tag starb; sein Leichnam war lediglich der erste, dessen Identität offiziell bestätigt werden konnte.
Foto ging um die Welt
Das Foto, auf dem Feuerwehrleute den Leichnam von Pater Mychal Judge aus der Lobby des World Trade Centers tragen, gehört zu den bekanntesten Aufnahmen des 11. September. Die Szene wirkt auch deshalb so eindringlich, weil ausgerechnet der Priester, der den Einsatzkräften Beistand leisten wollte, von ihnen aus dem zerstörten Gebäude getragen wird.
Zugleich ist Vorsicht gegenüber nachträglichen Legenden angebracht: Einzelne Berichte über die letzten Minuten seines Lebens lassen sich nicht in allen Details unabhängig bestätigen. Gesichert ist jedoch, dass Judge bis zuletzt bei den Einsatzkräften blieb.
Nur zwei Monate nach den Anschlägen gelangte ein persönliches Erinnerungsstück von Mychal Judge nach Rom. Am 10. November 2001 überreichte eine Delegation der New Yorker Feuerwehr Papst Johannes Paul II. dessen weißen Feuerwehrhelm, der mit einem Kreuz versehen war. Der Papst nahm den Helm entgegen und betete für die Familien der getöteten Feuerwehrleute.
Rufe nach Seligsprechungsverfahren
Bald nach dem Tod von Judge wurden Rufe laut, für ihn ein Seligsprechungsverfahren zu eröffnen. Tatsächlich galt er vielen Menschen in New York bereits vor seinem Tod als lebender Heiliger wegen seiner Werke der Nächstenliebe und seiner tiefen Spiritualität. Als trockener Alkoholiker, der auch unter Depressionen gelitten hatte, konnte er Menschen auf Augenhöhe begegnen.
Nach dem Vorbild seines Ordensgründers Franz von Assisi kümmerte er sich intensiv um Menschen am Rande der Gesellschaft wie Obdachlose, Hungernde, ehemalige Alkoholiker oder Einwanderer. Der Franziskaner engagierte sich in den 1980er- und 1990er-Jahren intensiv für schwule Männer, Menschen mit HIV/Aids und ihre Angehörigen - zu einer Zeit, in der Aids stark stigmatisiert wurde und viele Erkrankte sozial isoliert waren.
Auf dem Höhepunkt der Aids-Krise stellte Judge in New York ein katholisches Aids-Hilfsprogramm auf. Er besuchte Erkrankte in Krankenhäusern, betete mit ihnen, spendete Sakramente und begleitete Familien und Partner. Außerdem übernahm er Beerdigungen für Menschen, deren Gemeinden oder Priester dazu nicht bereit waren. Nach seinem Tod berichteten Freunde und Weggefährten, dass Judge selbst homosexuell war.
2017 führte Papst Franziskus einen neuen offiziellen Weg im Seligsprechungsverfahren ein: oblatio vitae, die Hingabe des Lebens, für Menschen, die ihr Leben freiwillig und aus Nächstenliebe für andere geopfert und dadurch starben. Verschiedentlich äußerten sich katholische Gruppen, die dieses Verfahren als maßgeschneidert für den Franziskanerpater Mychal Judge sahen.
Ob es noch ein Seligsprechungsverfahren für ihn geben wird, steht in den Sternen. Denn bislang haben weder sein Orden noch die Erzdiözese entscheidende Schritte eingeleitet. Aber auch so wird er in New York für immer in Erinnerung bleiben als Geistlicher, der nah bei den Menschen war und ihnen in schwierigen Situationen beistand - bis zu seinem Tod am 11. September 2001.