Betroffene fordern vom Papst Reformen zu "Geistlichem Missbrauch"
08.09.202614:19
Frankreich/Papst/Kirche/Missbrauch/Papstreise
Opfergruppen kritisieren im Vorfeld des Frankreich-Besuchs von Leo XIV. fehlenden Einsatz der Kirche - Irritationen um geplantes Treffen mit Missbrauchs-Betroffenen in Lourdes
Paris, 08.09.2026 (KAP/KNA) Vor dem Papstbesuch in Frankreich Ende September haben über 200 Betroffene von sogenanntem geistlichem Missbrauch oder deren Verwandte von Leo XIV. Reformen gefordert. In einem Brief an das Kirchenoberhaupt, der laut Nachrichtenagentur KNA dem französischen Portal "La Croix" vorliegt, kritisieren die Unterzeichner, dass es von Seiten der Kirche weiterhin keine klare Definition von geistlichem Missbrauch gebe und keine festgeschriebenen Maßnahmen gegen religiösen Machtmissbrauch.
Gerade in geistlichen Gemeinschaften werde selbst nach dem Bekanntwerden und der anschließenden Untersuchung von Machtmissbrauchsfällen noch zu oberflächlich reagiert, heißt es in dem Brief. "Manche Gemeinschaften setzen ihre Aktivitäten selbst nach ihrer Auflösung auf fragwürdige Weise fort. Andere wehren sich gegen jede Form der Aufarbeitung und verweigern den Zugang zu ihren Lebensregeln, obwohl diese Bestimmungen enthalten, die ausdrücklich dem Kirchenrecht widersprechen. Wieder andere Gemeinschaften vermitteln nach außen das Bild einer vorbildlichen, anziehenden und vertrauenerweckenden Frömmigkeit und verbreiten dieses gezielt in der Öffentlichkeit."
Grundlage für andere Missbrauchsformen
Die Unterzeichner mahnen deshalb ein konsequentes Vorgehen an. Dazu zähle an erster Stelle eine Verankerung des Begriffs "geistlicher Missbrauch" in Theologie und Kirchenrecht. Dieser dürfe nicht hinter den sexuellen Missbrauch von Minderjährigen angestellt werden. "Denn wir wissen, dass spiritueller Missbrauch häufig den Nährboden für andere Formen des Missbrauchs bildet und sexuelle Gewalt begünstigt."
Zudem müssten unabhängige Anlaufstellen für die Betroffenen von geistlichem Missbrauch geschaffen werden, die deren Aussagen aufnehmen und die Kirchenleitung bei der Umsetzung von Maßnahmen beraten. Zuletzt müssten auch Mitglieder und ehemalige Mitglieder von geistlichen Gemeinschaften, die Missstände aufdeckten, besonders geschützt werden.
Unterzeichnet haben das Schreiben demnach 215 ehemalige Mitglieder von 37 Orden und geistlichen Gemeinschaften in Frankreich, darunter Jesuiten, Karmeliten, Opus Dei und Fokolarbewegung. Bis auf drei hätten alle Unterzeichner auf ihre Anonymität bestanden, aus Angst vor rechtlichen Schritten, die die Gemeinschaften gegen sie einlegen könnten.
Treffen mit Missbrauchs-Betroffenen
Papst Leo XIV. hält sich vom 25. bis 28. September zum Staatsbesuch in Frankreich auf. Im südfranzösischen Wallfahrtsort Lourdes ist laut französischen Medienberichten vom Wochenende auch ein Treffen mit Missbrauchsopfern geplant. Dabei werde sich Leo mit sieben Personen treffen, die sexuelle Gewalt in den Reihen der Kirche erlitten haben, hieß es in "Le Figaro".
Das Blatt, das sich auf Angaben der Französischen Bischofskonferenz beruft, berichtet indes über erhebliche Irritationen im Vorfeld. So seien etwa 40 Anfragen eingegangen, darunter rund ein Dutzend Opfergruppen, die Interesse an dem Treffen bekundet hätten. Dass jetzt nur sieben Gäste ausgewählt worden seien, stoße beim Rest auf Unverständnis.
Alain Esquerre, Sprecher der Opfervereinigung von Bétharram, 15 Kilometer von Lourdes entfernt, reagierte gar "mit Entsetzen" und sprach von "institutioneller Verachtung" seitens der Kirche. "Wir wollten einen kollektiven Ansatz, um im Namen aller Opfer zu sprechen", so Esquerre. Dabei habe man dem Papst auch einen Aktionsplan vorschlagen wollen. Doch die Kirche sei offenbar noch nicht bereit, das Missbrauchsproblem systematisch anzugehen, beklagte er.
Opfergruppen beklagen fehlende Transparenz
Andere Medien berichten derweil, dass eine Person aus Bétharram unter den Eingeladenen sei. Doch auch andere Opfergruppen beschwerten sich öffentlich über fehlende Transparenz bei der Auswahl, die "völlig undurchsichtig" verlaufen sei. Die Bischofskonferenz versicherte hingegen, dass eine "repräsentative" Gruppe ausgewählt worden sei. Weil sich der Papst einen privaten und persönlichen Austausch wünsche, habe man sie auf sieben Betroffene begrenzt.
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