Orthodoxie: Bartholomaios lädt zu Patriarchengipfel in den Phanar
09.09.202608:19
Türkei/Kirche/Konflikte/Orthodoxie/Patriarchen
Einladung an die Patriarchen von Alexandrien, Antiochien und Jerusalem zu einer Synaxis am 30. November in Istanbul
Istanbul, 09.09.2026 (KAP) Der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. hat die orthodoxen Patriarchen von Alexandria, Antiochien und Jerusalem für 30. November, dem Patronatsfest der Kirche von Konstantinopel, zu einer "Synaxis" eingeladen. Die Einladung wurde kürzlich in einem Brief ausgesandt, in dem Patriarch von Konstantinopel vorschlug, dass die vier verbleibenden alten apostolischen Patriarchate - Konstantinopel, Alexandria, Antiochia und Jerusalem - zusammenkommen, um die großen Herausforderungen zu diskutieren, vor denen die Kirche und die Gläubigen stehen, wie das Portal "Orthodox Times" mitteilte. Um welche konkreten Herausforderungen es sich handelt, wurde nicht genannt.
Ein wesentlicher Punkt dürfte wohl der massive Konflikt zwischen Konstantinopel und Moskau im Blick auf die Orthodoxie in der Ukraine sein. Die Russisch-orthodoxe Kirche hat wegen der Gewährung der Autokephalie (Unabhängigkeit) an die Orthodoxe Kirche der Ukraine (OKU) die Eucharistiegemeinschaft mit Konstantinopel aufgekündigt, ebenso mit Alexandrien, wobei hier auch noch der Streit um die Jurisdiktion über den afrikanischen Kontinent hinzukommt. Die Patriarchate von Jerusalem und Antiochien stehen - kirchenpolitisch betrachtet - zwischen Konstantinopel und Moskau, mit Tendenzen hin zur Russischen Kirche. Ob die Patriarchen von Alexandrien, Antiochien und Jerusalem die Einladung angenommen haben, ist bislang nicht bekannt.
Kirchenbild der Pentarchie
Patriarch Bartholomaios I. stellt mit der Einladung zum Patriarchengipfel aber jedenfalls auf das alte Kirchenbild der Pentarchie ab. Die Alte Kirche kannte seit dem Konzil von Chalcedon 451 eine Rangfolge der fünf wichtigsten Patriarchate: Rom, Konstantinopel, Alexandrien, Antiochien und Jerusalem. Diese fünf Patriarchen stehen in gleicher Weise in der Nachfolge der Apostel - und sie wurden als die wichtigsten Einheitszentren der einen Kirche verstanden.
Jedes Patriarchat der Pentarchie hatte sein je eigenes Territorium mit den ihm unterstellten Metropoliten, Bischöfen und Gläubigen zu leiten. Ein Übergriff eines Patriarchen in den Zuständigkeitsbereich des Kollegen war untersagt. Wenn Fragen zur Entscheidung anstanden, trafen sich die Bischöfe auf dem vom byzantinischen Kaiser einberufenen Ökumenischen Konzil.
Rom mit den Apostelgräbern von Petrus und Paulus kam der Ehrenvorrang eines "Primus inter pares" zu (Erster unter Gleichen). Der Patriarch von Konstantinopel, Nachfolger des Apostels Andreas, nahm den zweiten Rang ein, da die Stadt als Regierungssitz des oströmischen Kaisers das "Zweite Rom" sei. Bis heute ist er Ehrenoberhaupt der Weltorthodoxie.
Der dritte Rang der Pentarchie kam Alexandria zu, dessen Patriarchen sich auf das Martyrium des Evangelisten Markus berufen. Rang vier und fünf haben Antiochien und Jerusalem; erstere als Stadt der Apostel und Apostelschüler und Sitz einer wichtigen theologischen Schule.
Moskau versteht sich als das "Dritte Rom"
Spätestens mit dem zweiten Jahrtausend wurde das Kirchenbild der Pentarchie im lateinischen Westen obsolet. Hier entwickelte sich von Rom aus ein vor allem rechtliches Bild von Kirche - mit dem römischen Papsttum an der Spitze einer Hierarchie. In den Ostkirchen jedoch hat sich der Wunsch nach einer Rückkehr zur "fünfhäuptigen Macht der Kirche" erhalten - zumindest in der Theorie.
Nach dem definitiven Ausscheiden Roms aus der Pentarchie und dem Untergang des Byzantinischen Reiches (1453) wurde Moskau 1589 zum Patriarchat erhoben und von der Synode der vier verbliebenen Pentarchen 1593 in Istanbul neu an die fünfte Stelle gereiht. Moskau versteht sich freilich selbst als das "Dritte Rom"; zudem hat es die bei weitem meisten Kirchenmitglieder in der orthodoxen Welt aufzuweisen. Daher beäugt es sowohl die Rolle des Ehrenprimats von Konstantinopel als auch jede ökumenische Annäherung von Rom und Konstantinopel sehr argwöhnisch.
Bartholomaios wirbt für Kircheneinheit mit Rom
Patriarch Bartholomaios dürfte eine Pentarchie mit Rom wohl wesentlich lieber sein als mit Moskau. Erst dieser Tage warb er bei seinem Besuch in Budapest einmal mehr für die volle Kircheneinheit mit Rom, also mit der katholischen Kirche.