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Anselm Grün in der Kritik wegen Umgangs mit Missbrauchsfall

09.09.2026 15:06
Deutschland/Kirche/Leute/Orden
Bekannter Ordensmann gerät durch alte Akten unter Druck - Von Michael Althaus (KNA)
Bonn, 09.09.2026 (KAP/KNA) Anselm Grün (81) ist einer der bekanntesten katholischen Ordensleute Deutschlands. Millionenfach verkaufte Bücher, Vorträge über Spiritualität und Lebenshilfe. Mit dem Thema sexueller Missbrauch in der Kirche wurde der Benediktiner bislang, wenn überhaupt, als Beobachter in Verbindung gebracht. Nun wirft ein mehr als 30 Jahre alter Fall Fragen zu seinem eigenen Umgang mit einem beschuldigten Priester auf, wie die Katholische Nachrichten-Agentur (KNA) berichtet.

Ausgangspunkt ist der aktuelle Jahresbericht der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs in der Erzdiözese Paderborn. Die Kommission schildert darin den Fall eines Vikars, der 1990 bei einer kirchlichen Freizeit sexuelle Handlungen an einem 16-Jährigen vorgenommen haben soll und diese später im strafrechtlichen Ermittlungsverfahren einräumte. Gegen den Priester erging später ein Strafbefehl.

Gespräch im Recollectio-Haus

Nachdem die Familie des betroffenen Jugendlichen den Geistlichen angezeigt hatte, schickte ihn die Erzdiözese Paderborn zu einem längeren Aufenthalt in das Recollectio-Haus der Benediktinerabtei Münsterschwarzach in Unterfranken. Die Einrichtung war ein Jahr zuvor von Grün und dem Psychologen Wunibald Müller gegründet worden; Grün war und ist ihr geistlicher Leiter.

Bei einem Gespräch im Juni 1992 zwischen Grün, dem Priester und dem Paderborner Personalchef Gerhard Horstkemper ging es laut Aufarbeitungskommission auch um die Zukunft des Geistlichen. Der Priester bestritt demnach eine homosexuelle Veranlagung. Grün habe diese Einschätzung bestätigt und erklärt, dafür nach zwei Monaten im Recollectio-Haus einstehen zu können. Zudem habe er sich zur Aufnahme des Priesters im Kloster Münsterschwarzach bereit erklärt und einen zwischenzeitlichen Einsatz in der Seelsorge in der Diözese Würzburg vorgeschlagen.

Grün wies Vorwurf zunächst zurück

Grün wies diese Darstellung zunächst entschieden zurück. "Ich kann mich an den Fall nicht erinnern und schließe das auch aus", sagte der 81-Jährige der KNA. Bei Gästen des Recollectio-Hauses habe er nie Bestätigungen oder Empfehlungen ausgesprochen.

Doch inzwischen ist die Aktenlage klarer. Die Erzdiözese Paderborn und die Diözese Würzburg bestätigten der KNA, dass ein Aktenvermerk von Personalchef Horstkemper den von der Aufarbeitungskommission geschilderten Fall dokumentiert. Die Kommission selbst verweist auf entsprechende Gesprächsniederschriften in den Interventionsakten der Erzdiözese Paderborn.

Kloster berichtigt Grüns Reaktion

Nach eigener Prüfung relativierte daraufhin auch die Abtei Münsterschwarzach Grüns erste Reaktion. Sein telefonischer Kommentar sei überstürzt gewesen. Tatsächlich habe Grün sich für einen weiteren Einsatz des Priesters in der Seelsorge offen gezeigt. Allerdings betont der Abteisprecher, dass die Initiative dafür aus der Erzdiözese Paderborn gekommen sei. Auch der Vorschlag für einen Wechsel nach Unterfranken habe dort seinen Ursprung gehabt. Grün selbst habe den Geistlichen weder an die Diözese Würzburg noch an eine konkrete Gemeinde vermittelt.

Der Fall des Priesters wird auch in der im März veröffentlichten historischen Missbrauchsstudie der Universität Paderborn erwähnt. Die Forscherinnen schreiben, dass sich nicht mehr rekonstruieren lasse, von wem die ursprüngliche Initiative zum Bistumswechsel kam. Dokumentiert sei jedoch, dass der Paderborner Personalchef einen möglichst schnellen Wechsel vorgeschlagen habe. Bemerkenswert ist eine weitere Passage: Der Generalvikar der aufnehmenden Diözese Bedenken gehabt und eine "positive Einschätzung des Recollectio-Hauses in Münsterschwarzach" über den Priester nicht geteilt.

Der Priester wechselt nach Würzburg

Der Geistliche wechselte schließlich in die Diözese Würzburg. Nach Angaben der Aufarbeitungskommission war er dort von 1992 bis 2009 eingesetzt, anschließend in der Diözese Erfurt. Eine Aufnahme in die Abtei Münsterschwarzach kam dagegen offenbar nicht zustande. Nach Angaben des Klosters hatte der Priester einen Eintritt zwar erwogen, den Gedanken nach seinem Aufenthalt im Recollectio-Haus aber nicht weiterverfolgt.

Die Debatte reicht inzwischen über Grüns persönliche Rolle hinaus. Der Betroffenenbeirat bei der Deutschen Bischofskonferenz fordert eine unabhängige Untersuchung dazu, ob auch anderen beschuldigten oder überführten Missbrauchstätern über das Recollectio-Haus der Weg zurück in die Seelsorge geebnet wurde.

Welche Rolle spielte Recollectio-Haus?

Die Paderborner Missbrauchsstudie hält dazu fest, dass das Recollectio-Haus bistumsübergreifend immer wieder für therapeutische Behandlungen von beschuldigten Klerikern genutzt worden sei. Ein Aufenthalt von Paderborner Priestern sei vorrangig dann erfolgt, wenn weltliche Ermittlungen liefen.

Der Abteisprecher räumt ein, dass in der Einrichtung in ihren Anfangsjahren auch Menschen aufgenommen worden seien, die sexuell übergriffig aufgefallen waren. Erst die Aufdeckung der Missbrauchsfälle am Berliner Canisius-Kolleg 2010 habe eine "klare Zäsur" gebracht. Seitdem würden sexuell übergriffige Menschen nicht mehr aufgenommen.

Studie laut Abtei nicht möglich

Die geforderte Untersuchung hält die Abtei jedoch für nicht möglich: Therapieunterlagen unterlägen der gesetzlich geregelten Schweigepflicht, zudem können Akten nach Ablauf gesetzlicher Aufbewahrungsfristen bereits vernichtet worden sein. Für fachlichen Austausch und Gespräche stehe das Recollectio-Haus jedoch offen.
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