Dokumentationsstelle: "Politischer Islam" ist heute moderner Lifestyle
10.09.202613:05
(zuletzt bearbeitet am 10.09.2026 um 14:09 Uhr)
Österreich/Wissenschaft/Internet/Politik/Islamismus/Radikalisierung/Social Media
Jahresbericht 2025: Politischer Islam erscheint heute weniger als sperrige Ideologie, sondern als modernes Lebens- und Erfolgsmodell - Versuchte Einflussnahme auf digitale Wissensplattformen und neue Geschäftsmodelle - IGGÖ-Appell an Politik
Wien, 10.09.2026 (KAP) Der sogenannte "Politische Islam" hat sein Erscheinungsbild geändert und tritt nach Einschätzung der Dokumentationsstelle Politischer Islam (DPI) zunehmend in moderner und subtiler Form auf. Netzwerke und Akteure hätten sich sowohl professionalisiert als auch diversifiziert. An die Stelle islamistischer Prediger und sperriger religiöser Botschaften treten zunehmend personalisierte Influencer-Kanäle im Netz. Social Media sei zu einem "modernen Rekrutierungsraum" geworden, in dem islamistische Influencer insbesondere junge Männer auf ihrer Suche nach Identität erreichten.
Dabei würden gegenwärtige Trends des Selbstcoachings und der Selbstoptimierung aufgegriffen und subtil islamistisch aufgeladen, erklärte Direktorin Lisa Fellhofer am Donnerstag bei der Präsentation des Jahresberichts für 2025.
Für Männer auf der Suche nach einem neuen Männlichkeitsbild und Verwirklichung würden unter anderem Angebote im Bereich körperlicher Fitness geschaffen, sagte Fellhofer. Eingeladen werde zu Retreats in anderen Ländern, wo gemeinsame sportliche Aktivitäten wie Rafting oder Paintball angeboten werden, aber auch "mehr oder weniger subtil die islamistische Grundlage mitvermittelt wird" und eine Vergemeinschaftung angestrebt wird.
Die Gefahr bestehe laut Mouhanad Khorchide, Chef des wissenschaftlichen Beirats der Dokustelle, darin, dass sich der Politische Islam auf diese Weise in vielen Bereichen normalisiere. Er werde nicht mehr ausschließlich in Moscheen und über Prediger vermittelt, sondern finde auch im Fitness- und Freizeitbereich sowie in anderen Lebensbereichen statt. Dadurch könne sich das Gedankengut bei jungen Menschen einschleichen, "ohne dass die Überschrift Politischer Islam darauf steht".
"Religiöser Analphabetismus" auf Social Media
Die Radikalisierung, die, wie die Forschung zeige, heute hauptsächlich über Social Media laufe, verbreite "religiösen Analphabetismus" und liefere simple Antworten, die immer attraktiver wirkten als komplexe, fuhr der Soziologe und Religionspädagoge fort. Es gehe dabei nicht um reflektierte Auseinandersetzungen mit Religion, "sondern einfache Botschaften, sondern darum, einfache Identitätsstiftungsbotschaften in die Welt zu setzen".
Soziale Medien eröffneten auch Frauen Möglichkeiten, ein gegen den liberal-demokratischen Rechtsstaat und das westliche Gesellschaftssystem gerichtetes Lebens- und Weltmodell zu verbreiten, führten Fellhofer und Khorchide aus. Gleichzeitig würden auch Treffen organisiert, wo es darum geht, ein Feindbild zu konstruieren: "Da geht es nicht um ein Empowern im positiven Sinne, wie können wir hier einen Beitrag leisten für die Gesellschaft oder partizipieren an demokratischen Werken, sondern genau umgekehrt. Wie können wir uns abschotten, um uns zu schützen vor diesem Westen", beschrieb Khorchide.
Die langfristige Gefahr sei - zugespitzt formuliert - "ein Vergiften der Köpfe junger Menschen gegen die liberale Demokratie", so Fellhofer. Als Beispiel nannte sie die deutsche ehemalige Spitzensportlerin Hanna Hansen, die heute als salafistische Influencerin auftritt.
Einflussnahme auf digitale Wissensplattformen
Ein weiteres neues Betätigungsfeld für Akteure des Politischen Islams sei die Einflussnahme auf digitale Wissensplattformen. Ein Beispiel: Wikipedia sei für Journalisten, politische Entscheidungsträger, Forschende und die breite Öffentlichkeit eine wichtige Informationsquelle, führte der stellvertretende Direktor der Dokumentationsstelle, Ferdinand Haberl, aus. Zugleich griffen große Sprachmodelle und KI-Suchdienste in erheblichem Umfang auf frei verfügbare Online-Quellen zurück, wobei Wikipedia eine prominente Rolle spiele. "Wer den Lexikoneintrag prägt, schreibt dann an der des Chatbots mit", so Haberl.
Nun komme es vor, dass etwa auf sprachlicher Ebene in den Text eingegriffen werde, indem "Islamismus" durch "Islam" ersetzt werde - "auf den ersten Blick eine Marginalie, tatsächlich verschiebt es den Bedeutungsrahmen aber erheblich", sagte Haberl. Hier mache ein Buchstabenunterschied einen Weltunterschied aus. Auch würden in Artikeln Informationen ausgespart oder nur eine selektive Auswahl an Quellen angeführt. Geschehe das mehr und mehr, werde die KI das dann auch irgendwann in ihre Narrative einpflegen. Das führe dazu, dass Forschende diskreditiert statt widerlegt würden. Sie würden teilweise nicht mehr anhand ihrer Arbeit beurteilt, sondern mit Etiketten wie "islamfeindlich", "umstritten" oder "islamophob" versehen, wenn sich solche gehäuft im Internet fänden.
"Was dieser Jahresbericht dokumentiert, ist nicht zwingend eine neue Ideologie. Es ist eine neue Infrastruktur: professioneller, ausdifferenzierter, anschlussfähiger", folgerte Haberl. Diese wirke auf drei Ebenen: "Geopolitisch, wo Staaten Religion als Werkzeug nutzen, organisatorisch, wo Netzwerke wirtschaftliche Ambitionen mit islamistischer Tätigkeit verbinden, und digital bis hinunter zur einzelnen Person und ihrer Identität." Die Entwicklung des Politischen Islams in Österreich könne dabei nicht losgelöst von Einflüssen von außen betrachtet werden, ergänzte Khorchide. So seien auch die Hisbollah, der Iran und die Hamas sowie andere global tätige Akteure zu berücksichtigen. "Diese Akteurinnen und Akteure beeinflussen natürlich auch die Situation hier bei uns in Österreich."
Kein Randphänomen und "keine bequemen Befunde"
Wer nur einzelne Fälle betrachte, könne die Entwicklung leicht übersehen. "Wer alle drei Ebenen betrachtet, sieht jedoch ein Muster", sagte Haberl. "Was wir dokumentieren, ist kein Randphänomen und keine Momentaufnahme. Es ist eine Bewegung, die sich professionalisiert, während wir noch über Begriffe wie 'Politischer Islam' streiten."
Hinzu komme, dass der Politische Islam über etwas verfüge, "das die meisten anderen extremistischen Strömungen in diesem Land nicht haben: Staaten im Rücken, Regierungen, die Religionsbehörden finanzieren, predigen, koordinieren und ihre Netzwerke außenpolitisch einsetzen".
Aufgabe der Dokumentationsstelle sei es daher, "eine belastbare Wissensbasis bereitzustellen". "Wir schulden Ihnen keine bequemen Befunde, wir schulden Ihnen belegbare", so Haberl. Auch die zuvor beschriebene Diskreditierung von Forschenden geschehe nicht zufällig: "Das geschieht, weil eine unabhängige Forschung in diesem Feld auch tatsächlich etwas bewegt."
Verbotsgesetz
Zum derzeit diskutierten Verbotsgesetz gegen den Politischen Islam sagte Fellhofer, grundsätzlich könne man über ein solches Verbot diskutieren, solange es juristisch sorgfältig gemacht werde und die Grundrechte gewahrt blieben. "Der Rechtsstaat muss sich nicht alles gefallen lassen, vor allem wenn es darum geht, dass man ihn am Ende des Tages aushebeln möchte." Gleichzeitig brauche es eine genauere Betrachtung des Vereinsrechts. Problematisch sei, dass es derzeit schwierig sei, problematische Moscheen dauerhaft zu schließen. Die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGÖ) könne einer Moschee zwar den Status als Moschee entziehen. Wenn der Trägerverein nach dem Vereinsrecht jedoch weiterbestehe, könne die Einrichtung weiterhin offen bleiben und Zulauf erhalten. "Das ist sicher etwas, das harmonisiert gehört", so Fellhofer.
Gesetzliche Maßnahmen wie ein Verbotsgesetz oder eine Novellierung des Vereinsrechts allein reichten jedoch nicht aus. Notwendig seien auch Begleitmaßnahmen wie die Stärkung der demokratischen Kultur. Gerade jungen Menschen müssten die positiven Seiten liberal-demokratischer Strukturen wieder stärker erlebbar gemacht werden. Zugleich brauche es eine Kultur, in der unterschiedliche Meinungen ausgehalten und ausdiskutiert würden, anstatt alles zu polarisieren und zu emotionalisieren. "Demokratie kann nur funktionieren und leben, wenn man in ein Gespräch miteinander tritt." Das bedeute nicht, dass man immer übereinstimmen müsse, aber es brauche Austausch und ein Bewusstsein dafür, "welche Grenzen es gibt".
IGGÖ-Appell an Politik
Die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGÖ) appellierte unterdessen am Donnerstag an die Politik, der zunehmenden Verbreitung islamistischer und extremistischer Inhalte durch islamistische Online-Prediger in sozialen Netzwerken entschlossener und vor allem präventiv entgegenzutreten. Der bestehende Rechtsrahmen biete bereits Möglichkeiten, gegen strafrechtlich relevante Inhalte vorzugehen. "Entscheidend ist, dass diese Möglichkeiten auch im digitalen Raum konsequent, rasch und grenzüberschreitend genutzt werden", hieß es in einer Pressemitteilung. Die Gefahr, dass extremistische Akteure insbesondere junge Menschen im digitalen Raum ansprechen, betreffe nicht nur Österreich, sondern den gesamten deutschsprachigen Raum und reiche weit darüber hinaus.
"Es braucht den politischen Willen und die notwendigen Strukturen, um bestehendes Recht konsequent durchzusetzen und Prävention dort zu stärken, wo Radikalisierung beginnt", betonte IGGÖ-Präsident Ümit Vural. Die Islamische Glaubensgemeinschaft fordere deshalb eine abgestimmte Strategie zwischen Politik, Sicherheitsbehörden, Schulen, Jugendarbeit, Wissenschaft und Religionsgemeinschaften. Der digitale Raum müsse dabei einen zentralen Stellenwert erhalten.