Jüdische Gemeinde feierte nach zehneinhalb Monaten Bauzeit Rückkehr in ihr spirituelles Zentrum
Wien, 10.09.2026 (KAP) Der Wiener Stadttempel ist nach zehneinhalb Monaten Restaurierungs- und Sanierungsarbeiten wieder für die jüdische Gemeinde geöffnet. Am Mittwoch (9. September) kehrte die Gemeinde in ihr spirituelles Zentrum in der Seitenstettengasse zurück, wie die Israelitische Kultusgemeinde Wien am Donnerstag berichtete. Zwei Tage vor Beginn der jüdischen Hohen Feiertage wurde die Synagoge mit der feierlichen Einbringung einer neuen Tora-Rolle wiedereröffnet. Die Feierlichkeiten sind Teil des 200-Jahr-Jubiläums des Stadttempels, dessen zentraler Festakt am 16. September ab 17 Uhr auf ORF III übertragen wird.
"Wir sind wieder daheim. Der Stadttempel war geschlossen, unser Gemeindeleben war es nie", erklärte der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wien (IKG), Oskar Deutsch. Dass nun wieder im Stadttempel gebetet werden könne, sei der Republik Österreich, der Stadt Wien sowie Hunderten Spenderinnen und Spendern aus der Gemeinde und ihren Freunden im In- und Ausland zu verdanken. Diese hätten "nicht nur ein Gebäude erhalten, sie haben in die Zukunft des jüdischen Wien investiert".
Oberrabbiner Jaron Engelmayer bezeichnete die Wiedereröffnung als "starkes Zeichen für die Zukunft". Als einzige noch aktive Synagoge, die die Schoa überstanden habe, sei die Restaurierung "symbolisch eine Investition in die Zukunft und das jüdische Leben in Wien und Österreich".
Rund 450 Gemeindemitglieder begleiteten die neue Tora-Rolle in einem Festzug vom Judenplatz zum Stadttempel. Im Anschluss wurden die Mesusot angebracht, jene Pergamentrollen mit Tora-Versen, die im Judentum an den Türstöcken befestigt werden.
Bauliche und sicherheitstechnische Maßnahmen
Im Zuge der Arbeiten wurden gebäude-, sicherheits- und brandschutztechnische Maßnahmen umgesetzt sowie die Barrierefreiheit verbessert. Zudem wurden die Eingangsbereiche räumlich neu geordnet und eine eigene Station für Besucherinnen und Besucher der geplanten Guided Tours eingerichtet. Diese sollen im Winter 2026 starten.
Die Bima, das erhöhte Lesepult für die Toralesung, sowie sämtliche Oberflächen wurden originalgetreu adaptiert. Zudem wurden gestalterische Komponenten entlang des Entwurfsgedankens des Architekten Joseph Kornhäusel umgesetzt. Historische Bausubstanz wurde teilweise freigelegt, darunter der Boden unter der Bima aus Budapester Marmor und Steinsockel.
Die baulichen Maßnahmen wurden von einem Architektenteam in Abstimmung mit dem Bundesdenkmalamt und der technischen Abteilung der IKG Wien realisiert. Neben der Restaurierung des historischen Erscheinungsbildes und einer verbesserten Akustik diente die Sanierung auch der Modernisierung der Gemeindeinfrastruktur.
Die Bauarbeiten wurden innerhalb der geplanten zehneinhalb Monate abgeschlossen. In weiteren Bauphasen sollen das Gemeindezentrum sowie die Fassade des Stadttempels saniert werden. Die Kosten für Restaurierung und Sanierung belaufen sich insgesamt auf 10,5 Millionen Euro. Jeweils ein Drittel davon tragen der Bund, die Stadt Wien und private Spender. Rund 95 Prozent der Gesamtkosten sind nach Angaben der IKG bereits aufgebracht.
Sonderbriefmarke zum Jubiläum
Anlässlich des 200-jährigen Bestehens präsentierte die Österreichische Post AG eine eigene Briefmarke zum Stadttempel. Am 9. September wurde zudem ein Sonderpostamt samt Sonderstempel in der Seitenstettengasse eingerichtet. Die von Melanie Mussegg entworfene Marke zeigt einen Blick in den Innenraum der Synagoge, hat einen Nennwert von 2 Euro und erscheint in einer Auflage von 150.000 Stück.
Einzige Wiener Synagoge, die die Schoa überstand
Der Stadttempel ist das spirituelle Zentrum der jüdischen Gemeinde in Wien und die größte Synagoge Österreichs. Er ist die einzige Wiener Synagoge, die die Novemberpogrome 1938 überstanden hat und bis heute durchgehend genutzt wird.