Rund 180 Delegierte aus mehr als 30 Ländern beraten über Umsetzung der Weltsynode - Kardinäle Hollerich und Nemet mahnen zu mehr Zuhören und gegenseitigem Verständnis
Linz, 14.09.2026 (KAP) "In unseren Gesellschaften wird viel gesprochen und wenig gehört": Mit dieser Diagnose hat Kardinal Jean-Claude Hollerich zum Auftakt der internationalen Tagung zur Synodalität in Europa in Puchberg bei Wels den Anspruch der katholischen Kirche beschrieben, über innerkirchliche Reformen hinaus auch einen Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenleben zu leisten. Wer lerne, Gegensätze auszuhalten, ohne auseinanderzufallen, und respektvoll mit Verschiedenheit umzugehen, habe "einer solchen Gesellschaft etwas anzubieten", sagte der Luxemburger Erzbischof und Generalrelator der Weltsynode am Montag bei einer Pressekonferenz in Linz.
Hollerich warnte vor einer politischen Kultur, in der Menschen mit anderen Positionen rasch zu Gegnern erklärt würden. Gerade angesichts von Migration, Krieg und Zukunftsängsten brauche es Räume, in denen Menschen einander zuhören und zu verstehen versuchen, "was mein Gegenüber bewegt, welche Freude, Sorgen, welche Trauer und Ängste er oder sie hat". Genau ein solcher geschützter Raum solle in den kommenden Tagen in Wels entstehen. Die Kirche könne dabei nicht als Belehrende auftreten, sondern müsse selbst lernen, Spannungen auszuhalten und Verschiedenheit als Teil ihrer Gemeinschaft zu verstehen.
Erfahrungen zusammenführen
Die Pressekonferenz war der Auftakt der internationalen Tagung "Shaping Synodality in Europe. From Vision to Roadmap", die von Montag bis Donnerstag im diözesanen Bildungshaus Schloss Puchberg bei Wels stattfindet. Rund 180 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus mehr als 30 Ländern kommen dort zusammen, darunter Delegationen aus 28 europäischen Bischofskonferenzen sowie 23 Bischöfe und zwei Kardinäle. Ziel ist es, unterschiedliche Erfahrungen und Perspektiven europäischer Ortskirchen zusammenzuführen und daraus eine "Roadmap" für die weitere Umsetzung der Weltsynode zu entwickeln. Organisiert wird die Tagung von der Abteilung für Synodalität der Katholischen Privat-Universität Linz (KU) gemeinsam mit der europäischen Taskforce für Synodalität und unter der Schirmherrschaft des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen (CCEE).
Vielfalt als Normalform verstehen
"Vielfalt ist die Normalform", sagte Kardinal Ladislav Nemet, Erzbischof von Belgrad und CCEE-Vizepräsident. Katholische Kirche werde in Europa unter sehr unterschiedlichen Bedingungen gelebt: In manchen Ländern präge sie weiterhin das öffentliche Leben, in anderen müsse sie um jede Genehmigung kämpfen. Diese Unterschiede ließen sich nicht einfach beseitigen. "Wer aus einer großen Kirche kommt, sollte sich hüten, das eigene Tempo für das europäische zu halten", warnte Nemet. Gerade die Kirchen Mittel-, Ost- und Südosteuropas hätten aufgrund ihrer historischen Erfahrungen eigene Gründe, bei Fragen der Mitbestimmung vorsichtiger zu sein.
Nemet verwies zugleich auf die ökumenische Dimension. In Südosteuropa lebten Katholiken, Orthodoxe und Protestanten vielfach in denselben Familien. Orthodoxe Kirchen verfügten über lange Erfahrungen mit synodalen Verfahren. Daraus könne die katholische Kirche lernen. "Kirchen können Versöhnung üben", sagte der Kardinal. Von der Tagung in Puchberg erwarte er, dass auch Stimmen zu Wort kommen, "die sonst untergehen: die der kleinen Kirche, der Frau, der jungen Leute, derer, die anderer Meinung sind". Europa werde häufig als Kontinent der Krisen beschrieben. Er halte aber dagegen: "Das kann ein Kontinent der Hoffnung werden."
Frauen-Frage ernst nehmen
Auch der Linzer Diözesanbischof Manfred Scheuer plädierte für eine Synodalität, die nicht nur als Strukturreform verstanden wird. Synodalität sei zunächst eine geistliche Haltung und ein "Stil, Kirche zu sein". Wer ausschließlich in der eigenen Blase bleibe und die jeweils anderen abwerte, werde diesem Anspruch nicht gerecht. Es brauche "grundsätzliche Anerkennung und Wertschätzung", sagte Scheuer. Unterschiedliche Geschwindigkeiten und Positionen seien kein Mangel: "Entschiedenheit ist kein Defizit, Unterschiede sind kein Mangel, sondern Pluralität kann bereichern."
Scheuer verwies auf Erfahrungen in der Diözese Linz, insbesondere auf den seit 2021 laufenden "Zukunftsweg". Leitungsverantwortung werde dort bewusst geteilt. Im Strukturprozess stehe nicht ein einzelner Pfarrer an der Spitze, sondern pastorale und wirtschaftliche Verantwortung würden gemeinsam wahrgenommen - auch von Frauen. Zugleich gebe es Grenzen durch das Kirchenrecht. Gerade über die Möglichkeiten und Grenzen solcher Veränderungen solle in Puchberg gesprochen werden.
Eine zentrale offene Frage bleibt für Scheuer die Beteiligung von Frauen. "Frauen tragen einen Großteil der Arbeit", sagte der Bischof. Dass ihre Verantwortung und Beteiligung damit bereits ausreichend entfaltet sei, werde von vielen zu Recht nicht so empfunden. Die Frage sei mit dem Ende der Weltsynode keineswegs endgültig beantwortet. "Ich habe keine Lösung - aber kein Verständnis, wenn wir so tun, als gäbe es die Frage nicht."
Die einbeziehen, die sonst übersehen werden
Die Vizerektorin der KU Linz und Leiterin der dortigen Abteilung für Synodalität, Prof. Klara Csiszar, beschrieb Synodalität als eine Perspektivveränderung. Es gehe nicht darum, zusätzlich zu bisherigen Aufgaben ein weiteres Programm zu absolvieren. Vielmehr müsse man sich immer wieder fragen: "Wer ist nicht mit uns unterwegs?" und "Wer ist in gewissen Gremien nicht vertreten?" Auch Universitäten und Pfarren könnten diese Haltung einüben, etwa indem bei Entscheidungen bewusst jene einbezogen würden, die sonst selten eine Stimme hätten.
Die 2024 gegründete Linzer Universitätsabteilung ist nach Angaben Csiszars die erste Einrichtung dieser Art an einer europäischen Universität. Seit Februar 2025 arbeitet dort eine Forschungsgruppe mit rund 20 Theologinnen und Theologen sowie Kirchenrechtlern aus Ost- und Westeuropa daran, Voraussetzungen für eine dauerhafte synodale Kultur zu untersuchen. Dazu kam ein Universitätslehrgang, die "School of Synodality". Das Puchberger Symposium sei aus der Frage entstanden, wie die Beschlüsse der Weltsynode von 2024 in unterschiedlichen europäischen Kontexten umgesetzt werden könnten.
Wie Synodalität konkret aussehen kann, schilderte Kardinal Hollerich am Beispiel seiner Diözese Luxemburg. Neben Priesterrat und Pastoralrat gibt es dort einen Jugendrat, den er bei wichtigen Fragen der Diözese einbezieht. Die Treffen folgten dabei bewusst nicht den üblichen kirchlichen Formen: "Sitzen auf dem Boden, essen Pizza, wir nehmen uns Zeit, beten miteinander." Dabei entstünden "neue Ideen", sagte der Kardinal. Junge Menschen müsse man gerade in ihrer Suche nach eigenen Ausdrucksformen ernst nehmen. So beobachte er etwa Jugendliche, die bewusst die Mundkommunion auf Knien wählten. Dies sei nicht unbedingt als Konservatismus zu verstehen, vielmehr suchten sie nach Identität. "Man muss Jugend ernst nehmen wollen", sagte Hollerich. Dafür brauche es vor allem Menschen, die bereit seien, sie auf diesem Weg zu begleiten.
Europa nicht Maßstab
Auch um die Frage, wie die Kirche auf den zunehmenden Populismus reagieren kann, ging es bei der Pressekonferenz. Kardinal Nemet plädierte für eine doppelte Strategie: Die Kirche müsse "klar sagen, was nicht mit den evangelischen Werten mitgeht", zugleich aber fragen, "wo wir das Vertrauen vom Volk Gottes verloren" hätten. Dass Menschen kirchlichen Positionen zustimmen, bei Wahlen dann aber anders entscheiden, müsse die Kirche ernst nehmen. "Der Kirche wird nie so zugehört, wie sie sich das selbst erwartet", sagte Nemet. Gerade deshalb müsse sie - als weiterhin größte Organisation, die Menschen in Pfarren und Gremien zusammenbringen könne - mehr mit Menschen ins Gespräch kommen und brach liegende Möglichkeiten dazu stärker nützen.
Hollerich warnte zugleich vor einem europäischen Überlegenheitsgefühl. Europa sei nicht der Maßstab für die Weltkirche. Die katholischen Kirchen anderer Kontinente hätten eigene Erfahrungen und könnten auch Europa wichtige Impulse geben. Nemet bezeichnete insbesondere den lateinamerikanischen Bischofsrat CELAM als mögliches Vorbild für Europa. "Die Kirche ist viel reicher, alle Kontinente haben ihre eigenen Charakteristika, die sollen sich entwickeln."
Einigkeit bestand bei den Kardinälen darüber, dass Synodalität nicht zu einem europäischen Einheitsmodell führen werde. Dezentrale Lösungen könnten vielmehr notwendig sein, damit Ortskirchen auf ihre jeweiligen gesellschaftlichen und kulturellen Bedingungen reagieren könnten. Nemet nannte als Beispiele größere Spielräume für Bischofskonferenzen und stärkere Beteiligung des Volkes Gottes bei der Auswahl von Bischöfen. Hollerich verwies auf die Bedeutung kontinentaler Zusammenschlüsse und auf die Notwendigkeit, das Evangelium in einer Sprache zu vermitteln, die auch junge Menschen verstehen.
Liturgie, Gesellschaft und Kirchenstrukturen
In Puchberg sollen an drei Arbeitstagen zunächst die geistliche und liturgische Dimension, danach die gesellschaftlichen Realitäten Europas - darunter Krieg, Migration und Polarisierung - sowie schließlich Strukturen, Ämter und Entscheidungsprozesse im Mittelpunkt stehen. Die unterschiedlichen Stimmen sollen am Ende in eine "Roadmap" einfließen. Entscheidungen würden in Puchberg ausdrücklich nicht getroffen, betonte Csiszar. Die Ergebnisse sollen vielmehr anschließend ausgewertet und dem CCEE-Präsidium vorgelegt werden.
Hollerich erinnerte an den weiteren Zeitplan des weltweiten synodalen Prozesses: Bis Ende 2026 sollen die Diözesen erste Schritte aus dem Schlussdokument umsetzen. 2027 folgen Auswertungen auf diözesaner und nationaler Ebene, im Frühjahr 2028 eine kontinentale Phase. Für Oktober 2028 ist in Rom eine gesamtkirchliche Versammlung geplant. Sie werde weder ein Konzil noch eine klassische Bischofssynode sein, sondern "etwas Neues", sagte Hollerich. Entscheidend sei letztlich jedoch nicht Rom. "Der eigene Ort, an dem sich Synodalität bewähren muss, sind Pfarren, Diözesen, Ausbildungsstätten, Universitäten und kirchliche Gremien vor Ort."
Für Scheuer verbindet sich damit eine Hoffnung, die über Strukturfragen hinausgeht: "Ich wünsche mir, dass die Kirche nach diesem Prozess etwas jünger ausschaut. Und dass wir erfahren, wozu wir da sind." Es gehe darum, dass "mehr Freude, Liebe in die Welt kommt", so der Linzer Bischof, der bei der Tagung als Gastgeber fungiert.
(Kathpress wird den viertägigen Workshop in Puchberg bei Wels journalistisch begleiten. Die laufend ergänzten Beiträge dazu sind unter www.kathpress.at/synodenworkshop2026 abrufbar. Honorarfreie Fotos der Pressekonferenz stehen unter www.kathpress.at/fotos zum Download bereit.)
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