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"Gewalt wird in Liebe umgewandelt und so Tod in Leben"

15.09.2026 08:45
Österreich/Kirche/Religion/Gesellschaft/Zulehner
Pastoraltheologe Zulehner über die Eucharistie als "Weltverwandlung": Was die Feier des Todes und der Auferstehung Jesu mit Kirche, Europa und dem Einsatz für Frieden, Gerechtigkeit und die Schöpfung zu tun hat
Linz, 15.09.2026 (KAP) Der Pastoraltheologe Paul M. Zulehner hat bei einer Meditation im Rahmen des internationalen Synodenworkshops in Schloss Puchberg bei Wels die Eucharistie als "Weltverwandlung" gedeutet. Ausgehend von einer Predigt von Papst Benedikt XVI. (2005-2013) beim Weltjugendtag 2005 in Köln fragte Zulehner nach den Folgen der Eucharistie für die Feiernden und für die Welt. Im Zentrum seiner Überlegungen stand die Frage, ob die in der Eucharistie gefeierte Wandlung auch die Menschen selbst erfasst und dadurch Veränderungen in Kirche und Gesellschaft anstößt. Die Nachrichtenagentur Kathpress dokumentiert im Folgenden den gesprochenen Wortlaut seiner Rede:

Brüder und Schwestern, darunter verehrte Amtsträger unserer Kirche in Europa! Ich schenke Ihnen eine Meditation mit Papst Benedikt XVI. Der Titel, den ich ihr gegeben habe, lautet: Gewalt in Liebe verwandeln. Eucharistie, die wir sodann als Volk Gottes feiern, Eucharistie als Weltverwandlung.

Es war am Weltjugendtag in Köln im Jahre 2005. Papst Johannes Paul II., der sich zusammen mit Michail Gorbatschow historische Verdienste um die Freiheit der Länder Osteuropas erworben hatte, hatte zum Weltjugendtreffen eingeladen. Er selbst konnte an ihm nicht mehr teilnehmen. Er war am 2. April 2005 verstorben. Papst Benedikt XVI. war als sein Nachfolger für drei Tage nach Köln angereist. Überschattet wurde das Welttreffen durch die Nachricht, dass am 16. August, also am Tag des Beginns des Jugendtreffens, Roger Schutz, der Prior von Taizé, ermordet wurde. Benedikt XVI. nahm zudem die Gelegenheit wahr, als erster Papst in Köln eine Synagoge zu betreten.

Am 21. August konzelebrierte er zwischen 10:00 und 12:45 Uhr auf dem Marienfeld in der Nähe von Köln mit 1,1 Millionen zumeist jungen Pilgerinnen und Pilgern aus 193 Ländern. Dort sprach der am 19. April 2005 frisch gewählte Papst zu den jungen Menschen. Mit tiefschürfenden Worten wollte er den Feiernden die Tiefe jener Feier der Eucharistie erschließen, die bereits voll im Gang war. Ich begleite Sie mit einem kleinen Ausschnitt aus dieser grandiosen Predigt in jene Eucharistiefeier hinein, die auch wir uns eben anschicken zu feiern.

Benedikt XVI., den viele zu Recht als den Theologen auf dem Papstthron würdigen, spannte in dieser kompakten Theologie der Eucharistie den Bogen von Golgotha mitten hinein in unsere heutige Welt: also auch Europa.

Er erinnerte daran, dass Jesus mit den Jüngern das Paschamahl Israels gefeiert habe. In diesem gedenke das jüdische Brudervolk der Befreiung aus der Knechtschaft in Ägypten. Dann habe Jesus die Perspektive auf das gewechselt, was ihm bevorstand: ein gewaltsamer Tod und eine unvorstellbare Auferstehung. So sprach Jesus jene Worte, "die (ich zitiere aus der Predigt Benedikts) die Summe von Gesetz und Propheten in sich tragen: 'Dies ist mein Leib, der für euch hingegeben wird. Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut.'" Und so teilte er Brot und Wein aus und trug ihnen zugleich auf, das, was er jetzt sagt und tut, immer neu zu sagen und zu tun zu seinem Gedächtnis.

Gewalt in Liebe verwandeln

Dann setzt Papst Benedikt XVI. mit einer tiefen theologischen Deutung dessen fort, was damals im Abendmahlssaal stattfand und er uns aufgetragen hat, dies zu seinem Gedächtnis fortwährend zu feiern. "Was geschieht da?", so fragt der meditierende Papst vor den versammelten Jugendlichen. Seine Antwort bewegt. Die Gedächtnisfeier soll zu allen kommenden Zeiten "einen Prozess der Verwandlungen in Gang zu bringen, dessen letztes Ziel die Verwandlung der Welt dahin ist, dass Gott alles in allem sei (vgl. 1 Kor 15,28)".

Dann präzisiert er den "zentralen Verwandlungsakt, der allein wirklich die Welt erneuern kann: Gewalt wird in Liebe umgewandelt und so Tod in Leben." Gewalt wird in Liebe umgewandelt. Der Papst hatte bis dahin in seiner Predigt Deutsch gesprochen. Dann wiederholte er noch einmal auf Englisch diese unglaubliche Wandlung. Dieser Ausschnitt liegt ihnen nunmehr auch vor.

"Diese erste grundlegende Verwandlung von Gewalt in Liebe, von Tod in Leben zieht dann die weiteren Verwandlungen nach sich. Brot und Wein werden sein Leib und sein Blut. Aber an dieser Stelle darf die Verwandlung nicht Halt machen, hier muss sie erst vollends beginnen. Leib und Blut Jesu Christi werden uns gegeben, damit wir verwandelt werden. Wir selber sollen Leib Christi werden, blutsverwandt mit ihm.

Wir essen alle das eine Brot. Das aber heißt: Wir werden untereinander eins gemacht. Anbetung wird, so sagten wir, Vereinigung. Gott ist nicht mehr bloß uns gegenüber der ganz Andere. Er ist in uns selbst und wir in ihm. Seine Dynamik durchdringt uns und will von uns auf die anderen und auf die Welt im Ganzen übergreifen, dass seine Liebe wirklich das beherrschende Maß der Welt werde."

Das Innerste des Lebens der Kirche, die das Konzil mehrmals Quelle und Höhepunkt nennt, führt zu einer vierfachen Wandlung. Am Kreuz wandelt sich Gewalt in Liebe. Dann die Wandlung unserer Gaben von Brot und Wein, dann aber - worauf Augustinus mit seiner Mahnung hinweist "Werdet, was ihr esst" - die Wandlung der Versammelten. Weil aber alle, die in die Kirche hineingetauft sind, zwar nicht von dieser Welt, sondern in dieser leben, hebt in unserer Wandlung bereits die Wandlung der Welt an.

Europa zwischen Gewalt und Verwandlung

Was ist das für eine Welt gerade heute in unserem geliebten Europa? Der Kontinent ist nach so vielen Jahren des "Nie-wieder" voll von Gewalt und Krieg. Die Schöpfung seufzt. Unzählige Menschen leiden. Es gibt Gewalt gegen Frauen, Gewalt am Anfang und Ende des Lebens. Gewalt hat längst das Völkerrecht zerstört.

Genau in diese Welt voll Gewalt hinein feiern wir jetzt das Gedächtnis des Todes Jesu am Kreuz. Wird auch diese Feier eine Quelle dafür, dass "Weltverwandlung" geschieht, dass "Europaverwandlung" anhebt? Wird die Dynamik der Verwandlung von Gewalt in Liebe jetzt nach den dargebrachten Gaben auch uns ergreifen?

Vom deutschen Theologen und Schriftsteller Lothar Zenetti stammt ein Gedicht, das mich schon Jahre lang begleitet und spirituell nachdenklich macht. Er schrieb: "Frag hundert Katholiken was das Wichtigste ist in der Kirche. Sie werden antworten: die Messe. Frag hundert Katholiken was das Wichtigste ist in der Messe. Sie werden antworten: die Wandlung. Sag hundert Katholiken, dass das Wichtigste in der Kirche die Verwandlung ist. Sie werden empört sein: Nein, alles soll bleiben wie es ist!"

Es gibt heute viele Gründe, warum die christlichen Kirchen in Europa kraftlos erscheinen. Europa sei wie eine alte und schwache Großmutter, so Papst Franziskus am 25. November 2014 vor dem Europarat. Er zeichnete das "Bild eines etwas gealterten und erdrückten Europas [...], das dazu neigt, sich in einem Kontext, der es oft nüchtern, misstrauisch und manchmal sogar argwöhnisch betrachtet, weniger als Protagonist zu fühlen." Papst Franziskus hebt aber zugleich würdigend hervor: "Unsere jüngere Geschichte zeichnet sich dadurch aus, dass die Förderung der Menschenwürde zweifellos ein zentrales Anliegen war gegen die vielfältige Gewalt und die Diskriminierungen, an denen es im Laufe der Jahrhunderte auch in Europa nicht gefehlt hat."

Nun ist die derzeitige kirchliche Entwicklung mit der in keinem anderen Kontinent vergleichbar. Denn zweifellos findet bei uns das Auslaufen der glorreichen Konstantinischen Ära statt, welche der Kirche eine bewundernswerte Blüte in allen Bereichen ihres Lebens und Wirkens gebracht hatte. Daraus folgt, dass Europa zwar nicht gottlos werden wird, also im negativen Sinn dieses Wortes säkularisiert. Vielmehr besitzen die Menschen nach einer Zeit, in der Christ zu sein Schicksal war, eine wählbare "säkulare Option" vor. Das fordert uns auf, so Kirche zu sein, dass wir durch unser Leben und Wirken den Berufungen, die Gott gerade heute wieder jungen Menschen zumutet, nicht ersticken.

"Gott, verwandle die Gaben, aber uns lass in Ruh"

Könnte es aber sein, dass wir bei unserer Suche nach den Ursachen über die prekäre Lage unserer Kirche in Europa den vielleicht gewichtigsten Schwachpunkt unseres kirchlichen Lebens übersehen? Vielleicht sagen gar zu viele derer, die Gott selbst zu einer sonntäglichen Eucharistiefeier zusammengerufen hatte: Gott, verwandle die Gaben, aber uns lass in Ruh!

Derzeit gehen beispielsweise in Österreich allein 600.000 Menschen am Sonntag zur Kirche und feiern Eucharistie. Es könnten noch mehr sein, wäre ihnen ein Priester zugeteilt, der ihrer Feier vorsteht, oder könnten, wie es Papst Franziskus einmal vorschlug, gemeindeerfahrene Personen zu den herkömmlichen Priestern hinzu ordiniert werden?

Geschähe nun aber bei den 600.000 Feiernden Österreicherinnen und Österreichern wirklich Wandlung, im innersten Herzen, was das Tun von Gewalt in Liebe revolutioniert: Hätten wir dann, wenn wir die Feier verlassen, nicht ein größeres Herz für die vielen Schutzsuchenden, die vor politischer Gewalt, Naturkatastrophen und hoffnungsloser Armut fliehen? Wären wir dann nicht besorgter um unseren eigenen ökologischen Fußabdruck, weil die vielen kleinen Beiträge im persönlichen Leben der Bewahrung der uns zum Hegen und Pflegen anvertrauten Schöpfung dienen?

Gingen wir nicht weit mehr als Söhne und Töchter der Bergpredigt aus dem Gottesdienst hinaus, weil wir, wo immer es geht, Frieden stiften, im Kleinen wie im Großen, und politisch für einen gerechten Frieden eintreten? Dies alles könnte geschehen, wenn wir uns wirklich wandeln ließen. Wenn wir also nicht insgeheim sagten: Gott, verwandle die Gaben, aber uns lass in Ruh. Wie werden wir selbst aus unserer heutigen Feier hinausgehen?

(Laufend ergänzte Berichterstattung zum Synodenworkshop in Wels unter www.kathpress.at/synodenworkshop2026; Honorarfreie Fotos stehen unter www.kathpress.at/fotos zum Download bereit)
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