Bischofskonferenz-Vorsitzender im Kathpress-Interview bei Synodenworkshop in Puchberg: Neue Art der Entscheidungsfindung in der Kirche muss im Alltag erfahrbar werden und Raum für unterschiedliche Erfahrungen und Sichtweisen schaffen
Linz, 16.09.2026 (KAP) Die Synodalität in der katholischen Kirche darf nach Einschätzung des Salzburger Erzbischofs Franz Lackner nicht zu einem bloßen Schlagwort verkommen oder bei Strukturen und Gesprächsformaten stehen bleiben. Wenn in der Kirche bei einem Thema automatisch das Wort "synodal" fallen müsse, sei das problematisch. Entscheidend sei vielmehr, ob Menschen tatsächlich neue Formen des Zuhörens und der gemeinsamen Unterscheidung praktizierten, so der Vorsitzende der Österreichischen Bischofskonferenz. Lackner äußerte sich im Interview mit Kathpress am Rande des Symposiums "Shaping Synodality in Europe", das noch bis Donnerstag in Puchberg bei Wels stattfindet.
Synodalität sehe er als den "Weg der Kirche, um in der heutigen Zeit möglichst viele Menschen auf Gott hin einzuladen", so Lackner. Er kenne keinen anderen Weg. Synodalität müsse jedoch erfahrbar werden, "vor allem an der Basis". Ganz konkret geschehe dies etwa bei Pfarrgemeinderäten. Diese sollten nicht nur aus Sitzungen und Beratungen bestehen. Er beginne solche Treffen inzwischen mit Gebet und Stille. "Das Schweigen ist für mich überhaupt eine der großen Entdeckungen", sagte der Erzbischof. Jeder solle die Möglichkeit erhalten, aus seiner eigenen Glaubenserfahrung und Verantwortung zu sprechen, anstatt dass nur einige wenige redeten und die Mehrheit schweige.
Neuer Umgang mit Konflikten
Synodalität bedeutet für Lackner auch, Konflikte nicht vorschnell beseitigen zu wollen. Konflikte seien unvermeidbar, müssten jedoch zunächst auch als solche wahrgenommen werden, ohne dabei jede Differenz unmittelbar überwinden zu wollen. Auch die frühe Kirche habe Konflikte ausgetragen, erinnerte der Erzbischof an die Apostelgeschichte: Nach einem Streit in Jerusalem sei die Versammlung zunächst verstummt und habe erst dadurch die Erfahrungen von Paulus und Barnabas hören können.
Synodale Entscheidungsfindung könne anerkennen, dass hinter einer anderen Denkweise in der Regel auch andere Erfahrungen stünden, so Lackner weiter. Das sei wichtig, etwa um im synodalen Prozess auf Europaebene - die von der Katholischen Privatuniversität (KU) Linz veranstaltete Tagung in Puchberg widmet sich diesem Anliegen - Fortschritte zu erzielen: "Dadurch kann die Kirche in Ost- und Westeuropa einander näherkommen, ohne dass Unterschiede geleugnet werden." Es müssten am Ende nicht alle einer Meinung sein; vielmehr sei es entscheidend, ob ein gemeinsames Verständnis möglich werde, für das der Glaube den Maßstab liefere.
Als Bischof viel gelernt
Der kirchliche Fokus auf Synodalität in den vergangenen Jahren habe sein Selbstverständnis verändert, sagte Lackner. Zwar habe es in der katholischen Kirche bereits vorher zahlreiche Bischofssynoden gegeben, "Synoden waren bereits unser Tagesgeschäft", als dann Papst Franziskus die Synodalität selbst zum Gegenstand eines weltweiten Prozesses machte. "Das war schon die Größe jenes Papstes, solche Fragen zu stellen und zu sagen, jetzt denken wir einmal nach über Synodalität", würdigte dies der Erzbischof. Für ihn habe sich dadurch "eine neue Welt aufgetan" und er habe viel seither gelernt.
Gerade für Bischöfe sei Synodalität eine große Hilfe, befand Lackner. Zwar müsse letztendlich doch einer für Entscheidungen in der Kirche geradestehen und Konsequenzen ziehen, was eben Aufgabe des Bischofs sei. Zugleich sei es jedoch leichter geworden, diese Verantwortung wahrzunehmen, wenn Entscheidungen stärker in einen gemeinsamen geistlichen Prozess eingebettet seien.
Offen bleiben für anderes
Menschen, die vom synodalen Prozess enttäuscht seien, sollten nach Lackners Ansicht dennoch an der Hoffnung festhalten, die "die demütigste und unaufdringlichste Form von Glauben" sei. Hoffnung dürfe dabei nicht mit einer konkreten Erwartung gleichgesetzt werden. Man müsse auch offen dafür bleiben, dass sich etwas anders entwickle, als man es erwartet habe.
Eine offene Frage sei für ihn, ob auch die kirchliche Lehre selbst synodal gedacht werden könne, sagte Lackner. In diesem Zusammenhang wandte er sich gegen einen Anspruch auf absolute Gewissheit und sagte: "80 ist das neue 100." Synodalität bedeute für ihn damit auch, Unterschiede und offene Fragen auszuhalten, statt vorschnell zu eindeutigen Antworten zu gelangen.