Wachsende Polarisierung in Europa ist das Thema des diesjährigen Kongresses des Hilfswerks Renovabis - Experten aus Osteuropa sprechen dort auch über Solidarität mit der Ukraine sowie Zusammenhalt als Sicherheitsfaktor
München, 17.09.2026 (KAP/KNA) Europas anfängliche Solidarität mit den Menschen in der Ukraine nach dem russischen Überfall 2022 gerät nach Ansicht von Experten zunehmend unter Druck. Vor allem zunehmende Spaltungen in den Nachbarländern selbst sowie russische Propaganda schwächten die gesellschaftliche Bereitschaft, die Ukraine weiter zu unterstützen, sagte der tschechische Politikwissenschaftler Michal Lebduska laut katholischer Nachrichtenagentur KNA am Donnerstag beim diesjährigen Renovabis-Kongress im deutschen Freising.
Polen etwa habe die größte absolute Zahl ukrainischer Flüchtlinge aufgenommen, Tschechien die höchste Zahl pro Einwohner. Viele hätten die Menschen auch zu sich nach Hause eingeladen. Vor allem 2025 aber sei die Stimmung gekippt. In Polen, wo Lebduska arbeitet, würden zunehmend historische Konflikte mit der Ukraine aufgewärmt, in Tschechien hingegen Ukrainer stärker mit allgemeinen Migrationsängsten vor Kriminalität und Arbeitsplatzverlust verknüpft.
Nach wie vor Solidarität in Lettland
Im Baltikum, wo Menschen zuvor kaum bereit waren, Migranten aus Nahost oder Afrika aufzunehmen, gebe es nach wie vor Hilfsbereitschaft, so der lettische Sicherheitsexperte Toms Rostoks. Vor den Parlamentswahlen in zwei Wochen etwa sei Migration zwar ein Thema, aber nur mit Bezug auf Belarus, das an der Grenze Migranten als Druckmittel benutze. Auch wegen der russischen Gräuel gegen ukrainische Zivilisten gebe es unter Letten noch viel Solidarität mit der Ukraine.
Nach Aussage der Chefin der griechisch-katholischen Caritas Ukraine, Tetiana Stawnychy, hat Europas anfängliche Solidarität eine größere humanitäre Katastrophe in ihrem Land verhindert. "Keiner starb an Hunger, Durst oder Erfrierung", so Stawnychy. Aus der zunächst vor allem emotional befeuerten Solidarität müsse nun aber eine nüchterne Notwendigkeit werden. Auch in der Ukraine selbst benötige alltägliche Solidarität Zeit und stete Arbeit.
Hoffnung durch Zivilbevölkerung befeuert
Hoffnung werde in ihrem Land vor allem durch die Zivilbevölkerung befeuert, sobald sich die Frage stelle: Was können wir tun? "Hoffnung entsteht, wenn du handelst. Und dann wird sie größer", sagte Stawnychy. Angesichts zunehmender russischer Infiltration seien Solidarität und Zusammenhalt in Europas Gesellschaften auch sicherheitspolitisch relevant, so die Teilnehmer.
Der dreitägige Kongress des katholischen Osteuropa-Hilfswerks Renovabis geht noch bis Freitagmittag. Er steht unter dem Motto "Jenseits der Polarisierung. Perspektiven für gesellschaftlichen Zusammenhalt in Ost und West".