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Kardinal Hollerich: Synodalität nicht mehr rückgängig zu machen

20.09.2026 10:20
Österreich
Luxemburgs Kardinal fordert Mentalitätswandel in der Kirche, warnt vor Spaltung und sieht Europa vor politischen Veränderungen - Demütigere und zugleich prophetischere Kirche nötig
20.09.2026, Der Luxemburger Kardinal Jean-Claude Hollerich sieht die katholische Kirche in einem langfristigen Mentalitätswandel. Der von Papst Franziskus angestoßene Prozess der Synodalität sei "nicht mehr rückgängig zu machen", sagte Hollerich in einem Interview mit dem "Kurier" (Sonntag). Es gehe darum, von einer Kirche "von oben" zu einer Kirche zu kommen, in der Christen Verantwortung übernehmen und gehört werden. "Wir brauchen eine Kirche der Christen, wo ich als Bischof unter den Christen bin", sagte der Kardinal. Veränderungen seien notwendig, müssten aber von der gesamten Kirche getragen werden, "sonst gibt es Streit und Spaltung".

Hollerich, der Generalrelator der Weltbischofssynode 2023 und 2024 war, verwies auf unterschiedliche Reaktionen auf den synodalen Prozess in den verschiedenen Teilen der Welt. Bei einem Besuch bei Bischöfen in Asien habe er festgestellt, dass die Entwicklung dort "sehr positiv gesehen" werde. In Europa gebe es dagegen konservative Strömungen, die es "in diesem Maße" sonst mit Ausnahme Nordamerikas nicht gebe. Wie lange der Wandel noch dauern werde, könne er nicht sagen. Hollerich war früher als Jesuit längere Zeit in Japan tätig.

Gemeinsamer Einsatz für Frieden

Dem neuen Papst Leo bescheinigte Hollerich, den Prozess der Synodalität bislang unterstützt zu haben. Dessen zurückhaltendere Äußerungen erklärte der Kardinal unter anderem mit dessen Anliegen, die Einheit der Kirche zu wahren. Leo habe im Vorkonklave erlebt, wie stark Franziskus kritisiert worden sei. Mit Blick auf die Friedenslehre des neuen Papstes sprach Hollerich von einer "Weiterführung der katholischen Lehre". Dazu gehöre auch die Aussage, dass ein Präventivkrieg nicht mehr von der katholischen Lehre gedeckt werden könne. Früher habe man einen solchen Krieg als Verteidigungskrieg tarnen können. "Das ist jetzt nicht mehr möglich", sagte Hollerich.

Für die Zukunft der Kirche hält Hollerich eine stärkere Zusammenarbeit mit anderen Religionen für notwendig. Christen, Juden und Muslime könnten gemeinsam gegen Krieg und für die Bewahrung der Schöpfung eintreten. "Wir in allen Religionen müssen sagen, wir sind für die Menschen, denn Gott liebt die Menschen", sagte der Kardinal. Er wünsche sich zudem ein gemeinsames Auftreten der Religionen bei internationalen Fragen, etwa bei Klimakonferenzen oder innerhalb der UNO.

Gesunde Schrumpfung

Mit Blick auf die Entwicklung der Kirche in Europa sprach der Kardinal von einem "Schrumpfungsprozess, der auch ein Gesundungsprozess ist". Weniger Geld und Personal seien dabei nicht zwangsläufig ein Hindernis für kirchliches Leben. "Man kann auch Kirche leben, wenn man kein Geld hat", sagte Hollerich. Als Beispiel verwies er auf Luxemburg. Dort habe die Kirche nicht die finanziellen Möglichkeiten, sich ein Bildungshaus wie jenes in Puchberg zu leisten.

Zugleich unterschied Hollerich zwischen der kulturellen Prägung Europas durch das Christentum und persönlichem Glauben. Es hätten nicht so viele Menschen an die Auferstehung Jesu geglaubt, wie sonntags die Messe besucht hätten. "Das ist schon erschreckend", sagte der Kardinal. Die Kirche habe damit auch eine religiöse Praxis vorgefunden, die nicht immer mit einem entsprechenden persönlichen Glauben verbunden gewesen sei. Europa werde "nie mehr ein ganz christliches Europa" sein.

Demütiger und prophetischer

Die katholische Kirche müsse in Europa nach Hollerichs Einschätzung zugleich bescheidener und freier auftreten. Sie könne "moralische Größe zeigen, aber nicht von oben belehrend". Die Kirche habe angesichts ihrer "Skandale und Skandälchen" Grund zur Demut. Zugleich müsse sie "prophetisch für das Gemeinwohl sprechen". Eine weniger starke Kirche sei auch weniger politisch gebunden und habe dadurch mehr Freiheit, diese Rolle wahrzunehmen.

Mit Blick auf Europa verwies Hollerich auf dessen nachlassende Bedeutung in den weltweiten Auseinandersetzungen. Europa müsse sich "bescheiden" und dürfe nicht mit großen moralischen Ansprüchen auftreten. Mit Blick auf mögliche politische Veränderungen in Frankreich sagte er: "Wenn es in Frankreich einen Rechtsruck gibt, dann Gnade Gott Europa." Sollte es nach den Umfragen dazu kommen, "dann wird das ein Problem". Zugleich wandte er sich gegen den Anspruch rechter Kräfte, das Christentum und das Abendland zu retten: "Man schützt das Christentum nicht mit Bomben und mit der Diskriminierung anderer Menschen."

Hollerich äußerte sich anlässlich der Tagung "Shaping Synodality in Europe", die diese Woche in Puchberg bei Wels stattgefunden hat. 187 Teilnehmer aus 31 Ländern, darunter Kardinäle, Bischöfe und prominente Theologinnen und Theologen, haben dabei über die Zusammenarbeit der Kirche in Europa und die Weiterentwicklung der Synodalität auf dem Kontinent beraten. (Weitere Informationen unter www.kathpress.at/synodalitätsworkshop2026)
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