Leo XIV. als Superstar, Tröster und Ideengeber - Von Kathpress-Korrespondent Ludwig Ring-Eifel
Metz, 28.09.2026 (KAP) Der viertägige Frankreichbesuch von Leo XIV. vom 25. bis 28. September war trotz der Kürze eine der facettenreichsten und eindrucksvollsten Reisen in seinem knapp anderthalbjährigen Pontifikat. Und sie ließ das kirchliche und politische Profil des Papstes deutlicher als bisher sichtbar werden.
Das lag vor allem an Frankreich. Anders als sein Vorgänger Franziskus, der mit Vorliebe "an die Ränder" der katholischen Weltkirche reiste, besuchte Leo bewusst eines der Kernländer des alten Europas. Und er hat sich nicht gescheut, grundlegende gesellschaftliche Konflikte und Krisen des Gastgeberlandes offen anzusprechen.
Macron: Monumentales Ereignis
Dafür und für seine gewinnende Bescheidenheit und Freundlichkeit wurde er von den Franzosen gefeiert wie kaum ein Papst zuvor. 800.000 Menschen beteten mit ihm und applaudierten seiner Predigt auf der Place de la Concorde und der Champs-Élysées. Am Ende sprach selbst Präsident Emmanuel Macron von einem "monumentalen Ereignis" in der Geschichte Frankreichs.
Zwar konnte Johannes Paul II. beim Weltjugendtag 1997 über eine Million Menschen mobilisieren. Aber die Masse war damals aus fünf Kontinenten angereist. Diesmal war "ganz Paris" auf den Beinen, um den Papst zu sehen und zu hören.
Nach dem in dieser Größenordnung unerwarteten Massenerfolg hat Leo XIV. die von Skandalen, Krisen und politischem Druck zuletzt arg gebeutelte Kirche Frankreichs freundlich, aber bestimmt an die Hand genommen. Sie hat, obwohl sie finanziell und strukturell weit schwächer ausgestattet ist als etwa die in Deutschland, unter den Ortskirchen Europas seit jeher eine Schlüsselrolle. Ihr wollte der Papst den Weg in die Zukunft weisen.
Kirchlicher Neuanfang in Frankreich
Um zu illustrieren, worum es ihm geht, feierte er zuerst einen Gottesdienst in der nach dem Großbrand von 2019 prachtvoll wiedererstandenen Kathedrale von Notre-Dame. Den Hinweis auf diese Kathedrale als Sinnbild für den kirchlichen Neuanfang nach einer Beinahe-Katastrophe sollte er im Laufe der Reise noch öfter gebrauchen.
Bei einer Begegnung mit Neugetauften und Synodenmitgliedern in Paris und einem Treffen mit den 120 Bischöfen Frankreichs in Lourdes schlug er dann für die vor wenigen Jahren noch schwer angeschlagen wirkende katholische Kirche einige Pflöcke der Orientierung ein. Dazu gehörte der Rat, dass die Kirchenoberen sich nicht am derzeitigen, schwer zu erklärenden "Boom" von Tausenden Erwachsenentaufen berauschen sollen. Vielmehr sollten sie sich darum kümmern, dieses zarte neue Hoffnungspflänzchen zu hegen und zu pflegen.
Zuckerbrot und Peitsche
Und beim Bischofstreffen und der anschließenden großen Messe in Lourdes gab der Papst den Bischöfen in wohldosierten Einheiten Zuckerbrot und Peitsche. Er lobte sie für das bislang Geleistete bei der Missbrauchsaufarbeitung - und legte ihnen zugleich "äußerste Wachsamkeit" ans Herz, damit sich solche Verbrechen nicht wiederholten.
Die vielleicht stärksten Begegnungen seiner Frankreichreise hatte Leo XIV. bei zwei wenig spektakulären Treffen in Lourdes. Das eine brachte ihn mit einigen Hundert von Krankheit und Behinderung gezeichneten Menschen zusammen. Wie er sich ihnen nahbar zeigte und zugleich in einer leidenschaftlichen Ansprache ihr Recht auf Leben und Würde bis zum natürlichen Tod verteidigte, gehörte zu den bewegendsten Momenten der Reise.
Nicht medienöffentlich, aber offenbar ebenso intensiv und emotional verliefen Einzeltreffen des Papstes mit sieben Missbrauchsbetroffenen in Lourdes, die insgesamt rund 90 Minuten dauerten. Einige von ihnen berichteten später vor Journalisten darüber, wie sie den Papst in dieser für alle Beteiligten heiklen Situation erlebten und fanden nur positive Worte dafür. Besonderes Lob bekam der Papst von ihnen dafür, wie er zuhörte und sich emotional betroffen zeigte, vor allem aber für seine Frage, was er tun könne, um derartige Untaten in Zukunft zu verhindern.
Ein Europa des Dialogs und der Toleranz
Am letzten Tag seiner Reise brachte sich im lothringischen Metz wieder der Papst als Weltpolitiker ins Spiel. In dem Dreiländereck, das als Keimzelle des vereinten Europas nach dem Zweiten Weltkrieg gelten kann, trug ausgerechnet der erste Papst aus den USA seine Idee von Europa als einer weltweiten Leitkultur der Toleranz, des Dialogs und des Rechts vor.
Dass dies dem Politikstil von US-Präsident Donald Trump und anderen imperialen Machthabern - die der Papst als einen Rückfall in die Barbarei skizzierte - komplett entgegengesetzt ist, gehört inzwischen schon zum außenpolitischen Markenkern des Leo-Pontifikats. Seine Trost- und Führungsqualitäten als Kirchenoberhaupt waren hingegen Neuentdeckungen bei der kurzen, aber intensiven Frankreichreise des Papstes.