Festakt zum 25-Jahr-Jubiläum der "Allianz für den freien Sonntag Österreich" im Wiener Rathaus - Bischof Krautwaschl: "Der freie Sonntag ist ein Geschenk für die Seele, für die Familie, für die Gesellschaft und für unsere Gesundheit" - Bürgermeister Ludwig: Freier Sonntag stärkt gesellschaftlichen Zusammenhalt
Wien, 01.10.2026 (KAP) Mit einem Festakt im Wiener Rathaus hat die "Allianz für den freien Sonntag Österreich" am Donnerstag ihr 25-Jahr-Jubiläum gefeiert. Gastgeber Bürgermeister Michael Ludwig konnte dazu zahlreiche Vertreterinnen und Vertreter der Kirchen, der Gewerkschaften und zivilgesellschaftlicher Organisationen begrüßen. Das Jubiläumsfest stand unter dem Motto "Demokratie braucht einen freien Sonntag!" Die Allianz setzt sich für den Schutz des arbeitsfreien Sonntags und den Erhalt gemeinsamer freier Zeit als unverzichtbaren Bestandteil des gesellschaftlichen Zusammenhalts ein. Ihr gehören mehr als 50 Organisationen aus Kirchen, Gewerkschaften und der Zivilgesellschaft an.
Der freie Sonntag erinnere daran, dass der "Wert" des Menschen nicht von seiner Produktivität abhänge, betonte Bischof Wilhelm Krautwaschl, kirchlicher Sprecher der Allianz, in seinem Grußwort. In einer von überbordender Rasanz geprägten Zeit sei die Frage nach dem freien Sonntag aktueller denn je. "Der Mensch lebt nicht allein von Arbeit, Leistung und Erfolg. Er braucht Zeiten der Ruhe, der Besinnung, der Begegnung mit den Mitmenschen und auch für die Begegnung mit Gott, in dem alles begründet ist."
"An diesem Tag dürfen wir innehalten und uns bewusst machen: Wir sind mehr als Arbeitnehmerinnen, mehr als Konsumenten, mehr als Menschen mit endlosen Aufgabenlisten. Wir alle sind Menschen mit einer Würde, die über jede Leistung hinausgeht." Eine Gesellschaft, die keine gemeinsamen Ruhezeiten mehr kennt, verliere zudem leicht den Raum für echte Gemeinschaft "und driftet ab in die Einsamkeit", warnte der Bischof.
Krautwaschl strich zudem die Wichtigkeit regelmäßiger Erholungsphasen heraus. Dauernde Belastung ohne ausreichende Ruhe führe auf lange Sicht zu gesundheitlichen Problemen. Der freie Sonntag sei deshalb nicht nur eine religiöse oder kulturelle Tradition, "sondern auch ein Beitrag zur Gesundheit", so Krautwaschl; angesichts des belasteten Gesundheitssystems ein wichtiger Gedanke. Der freie Sonntag sei daher "ein Geschenk für die Seele, für die Familie, für die Gesellschaft und für unsere Gesundheit. Bewahren wir ihn deshalb nicht aus Gewohnheit, sondern aus Überzeugung."
Ludwig würdigt Religionen
Wiens Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) würdigte das Engagement des Bündnisses aus Gewerkschaften, Religionsgemeinschaften und Zivilgesellschaft. Der freie Sonntag sei "mehr als eine Frage der Arbeitszeit - er ist eine Frage danach, wie wir miteinander leben wollen". Er schaffe Zeit für Familie, Freundschaften, Sport, Kultur und Erholung.
Eine besondere Rolle spielen dabei die Religionsgemeinschaften. Kirchen und andere Glaubensgemeinschaften sind seit vielen Jahren Teil der Allianz und tragen mit ihrem Engagement für Gemeinschaft, Zusammenhalt und soziale Verantwortung wesentlich zu ihrem Anliegen bei. Ludwig: "Dass Gewerkschaften, Religionsgemeinschaften und viele Organisationen der Zivilgesellschaft seit 25 Jahren gemeinsam für den freien Sonntag eintreten, zeigt die große gesellschaftliche Bedeutung dieses Anliegens. Diese breite Allianz ist ein starkes Zeichen für den Zusammenhalt in unserer Stadt", so Ludwig.
Zugleich verwies Ludwig auf jene Berufsgruppen, für die Sonntagsarbeit notwendig ist, etwa in Krankenhäusern, bei Feuerwehr und Rettung, im öffentlichen Verkehr, in der Gastronomie oder im Kulturbereich. "Wo Sonntagsarbeit notwendig ist, verdient sie Anerkennung und faire Arbeitsbedingungen. Wo sie nicht notwendig ist, sollten wir den Sonntag als gemeinsamen freien Tag bewahren."
Auch Philip Kuhlmann, gewerkschaftlicher Sprecher der Allianz, betonte die Rolle des Sonntags als jenen Tag, der das "Diktat des Marktes" unterbreche. Daran hätten auch Digitalisierung, Onlinehandel und die zunehmende Automatisierung nichts geändert. Gerade für Berufstätige werde gemeinsame Freizeit leichter möglich, wenn möglichst viele Menschen gleichzeitig frei hätten. Für diese Freiheit gelte es auch weiterhin zu kämpfen, betonte Kuhlmann.
Rosenberger: Freie Zeit als "Ressource" für Demokratie
Die Politikwissenschaftlerin Sieglinde Rosenberger stellte in ihrem Festvortrag den Zusammenhang zwischen gemeinsamer freier Zeit und Demokratie in den Mittelpunkt. "Der arbeitsfreie Sonntag kann als fördernder Rahmen gesehen werden, um die gesellschaftliche Grundwährung der Demokratie, nämlich sozialer Zusammenhalt und politisches Vertrauen, zu schaffen und zu stärken", so Rosenberger.
Die liberale Demokratie stehe in vielen Staaten massiv unter Druck. In nur mehr 29 Staaten weltweit könne man von voller Demokratie sprechen. 2025 lebten 40 Prozent der Weltbevölkerung in einem sich autokratisierenden Land und lediglich sechs Prozent in einem Land, das Zugewinne an Demokratie verzeichnete.
Aber nicht nur die demokratischen Grundordnungen würden weniger, auch die Gesellschaften veränderten sich, so Rosenberger: "Soziale Klüfte werden größer, Haltungen und Einstellungen polarisierter, Brücken zwischen den Gruppen stürzen ein. Der gesellschaftliche Zusammenhalt, in Gestalt von sozialen Beziehungen und Verantwortung füreinander, schwindet."
Die seit 25 Jahren bestehende Allianz hingegen praktiziere, was gegenwärtig so dringend nötig sei: "Menschen und Gruppen unterschiedlicher politischer Orientierungen und Einstellungen versammeln sich, um für ein gemeinsames Interesse öffentlich zu argumentieren." Die einzelnen Organisationen der Allianz seien zudem in allen geografischen Räumen aktiv, im Urbanen wie im Ländlichen. Rosenberger: "Gerade im ländlichen Umfeld bekommen rechtsradikale Kräfte für ihre ab- und ausgrenzenden Forderungen und Behauptungen viel Zuspruch. Wahlergebnisse für rechtsradikale Parteien belegen, dass Menschen in ländlichen Gebieten besonders anfällig für autokratische Versprechen sind."
Der freie Sonntag könne in diesem Sinn einen Rahmen für Begegnung und gesellschaftliche Teilhabe schaffen, sagte Rosenberger. Er wirke einer zunehmenden Beschleunigung des Alltags entgegen und erleichtere persönliche Kontakte. Gerade angesichts von Einsamkeit und schwindenden sozialen Bindungen sei das gesellschaftlich relevant.
Teilhabe braucht unterstützende Bedingungen
Demokratie werde dann gestärkt, wenn sie auf das Engagement und die Teilhabe von Bürgerinnen und Bürgern zählen kann, sagte Rosenberger weiter. Und für die Realisierung politischen Engagements und Teilhabe seien wiederum soziale Netzwerke und Kontakte eine begünstigende Voraussetzung. Der Rückzug aus Organisationen wie Kirchen und Gewerkschaften schwäche deshalb auch die Demokratie, "denn das Gewebe des Zusammenhalts wird löchriger, die Verantwortung für andere weniger dringlich erachtet".
Der freie Sonntag sei zwar nicht "das" Rezept gegen die tiefe gegenwärtige Demokratiekrise, jedoch ein möglicher Beitrag beim Aufbau und Erhalt sozialer Beziehungen. Denn: "Teilhabe braucht, neben der individuellen Bereitschaft, strukturelle, unterstützende Bedingungen." Mit anderen Worten: "Teilhabe basiert auf Ressourcen wie soziale Beziehungen und eine freie gemeinsame Zeit dafür. Der freie Sonntag ist eine derartige Ressource."
"Der Mensch steht im Mittelpunkt"
Abgeschlossen wurde die Festveranstaltung mit einer Podiumsdiskussion, bei der Vertreterinnen und Vertreter aus Arbeiterkammer, Kirchen, Gewerkschaften und Zivilgesellschaft über den gesellschaftlichen Wert gemeinsamer freier Zeit sowie die Herausforderungen einer zunehmend flexibilisierten Arbeitswelt sprachen. Hubert Gratzer, Vorsitzender der KABÖ: "Der freie Sonntag bietet die Möglichkeit, um zu ruhen und zu reflektieren. Am arbeitsfreien Sonntag sind wir alle gleich." Das Motto der KAB - "Der Mensch steht im Mittelpunkt" - verbinde diese auch mit der Gewerkschaft. Daher gebe es den gemeinsamen Einsatz für den arbeitsfreien Sonntag, aber auch für andere Themen. "Wir teilen in der Sonntagsallianz die je eigene Expertise, um den arbeitsfreien Sonntag als gemeinsames Ziel zu erreichen", würdigte Gratzer die organisationsübergreifende Zusammenarbeit.
Barbara Teiber, Bundesvorsitzende der Gewerkschaft GPA, betonte, dass Dank der Allianz viel gelungen sei für den arbeitsfreien Sonntag. Aber es gebe auch innerhalb der EU den verstärkten Trend zur Entbürokratisierung und den Abbau von Schutzregelungen, warnte Teiber vor der nach wie vor starken Bedrohung des arbeitsfreien Sonntags.
Familienverbandspräsident Mender bezeichnet in "Presse"-Gastkommentar geforderte Sonntagsöffnung als Scheinlösung für wirtschaftliche Herausforderungen - Gesellschaftlicher Zusammenhalt funktioniert nur, wenn möglichst viele gleichzeitig freihaben - Sonntagsallianz feiert 25-Jahr-Bestehen