Gericht in Tschechien rehabilitiert "Märtyrer-Kardinal" Trochta
02.10.202611:29
Tschechien/Justiz/Kirche/Geschichte/Kommunismus
Fünf Jahrzehnte nach seinem Tod wurde nun auch die Internierung des Bischofs von Leitmeritz durch das KP-Regime in den 1950er Jahren juristisch getilgt - Prager Erzbischof Pribyl: Unter den Gläubigen gilt Trochta längst als Märtyrer
Prag/Litomerice, 02.10.2026 (KAP) Fünf Jahrzehnte nach seinem Tod ist der vom kommunistischen Regime in der Tschechoslowakei verfolgte Kardinal Stepan Trochta (1905-1974) vollständig von der Justiz rehabilitiert worden. Das Bezirksgericht in Litomerice, wo er von 1947 bis 1974 Diözesanbischof war, stellte in einer bereits rechtskräftigen Entscheidung am Donnerstag fest, dass Trochta vom 19. Juli 1950 bis zum 16. Jänner 1953 unrechtmäßig seiner Freiheit beraubt worden war. Er durfte seine Residenz nicht verlassen und stand unter ständiger Überwachung. Das Urteil aus dem folgenden politischen Schauprozess, das Trochta für sieben Jahre ins Gefängnis brachte, war schon während des Prager Frühlings 1968 aufgehoben worden. Dies hatte jedoch nicht für die vorherige zweieinhalbjährige Internierung Trochtas gegolten.
Er sei froh, dass nun auch die staatliche Justiz das Unrecht anerkannt habe, erklärte der Prager Erzbischof und Administrator der Diözese Litomerice, Stanislav Pribyl, nach dem Bekanntwerden des Richterspruchs. Unter den Gläubigen gelte Trochta längst als Märtyrer, der möglicherweise auch eine Erhebung zur Ehre der Altäre verdiene, so Pribyl laut Kirchenportal "Cirkev.cz".
Der vom Gericht mit Trochtas Vertretung beauftragte Rechtsanwalt Lubomir Müller bezeichnete die Entscheidung als "moralische Genugtuung, die in die Geschichte der tschechischen Justiz eingehen wird". Angestoßen hatte das Verfahren Jan Kratochvil, Leiter des Brünner Museums des tschechischen, slowakischen und ruthenischen Exils. Die Unterlagen dokumentieren eine Überwachung bis ins Schlafzimmer des Bischofs: Zeitweise schlief dort sogar ein Angehöriger der Staatssicherheit.
Von NS-Regime und Kommunisten verfolgt
Trochta, der dem Salesianerorden angehörte, erlitt bereits unter der nationalsozialistischen Besatzung schwerste Verfolgung. Wegen seiner Kontakte zum tschechischen Widerstand wurde er 1942 von der Gestapo verhaftet und in die Konzentrationslager Theresienstadt, Mauthausen und Dachau deportiert. Die Lagerhaft überlebte er nur knapp und gesundheitlich schwer gezeichnet. 1947 ernannte Papst Pius XII. Trochta zum Bischof von Leitmeritz.
Nach der kommunistischen Machtübernahme 1948 geriet Trochta erneut ins Visier eines totalitären Regimes. Historiker zählen ihn zu jener kleinen Gruppe tschechoslowakischer Bischöfe, die jede Unterordnung der Kirche unter den kommunistischen Staat entschieden ablehnten. Auch nach seiner Freilassung aus der Gefängnishaft im Zuge einer Amnestie 1960 durfte Trochta sein Bischofsamt weiterhin nicht ausüben und musste zeitweise als Hilfsarbeiter arbeiten.
Kardinal "in pectore"
Erst der Prager Frühling brachte Trochtas Rückkehr ins bischöfliche Amt. 1968 hob das Oberste Gericht das politische Urteil gegen ihn auf. Im Jahr darauf ernannte Papst Paul VI. (1963-1978) Trochta zunächst im Geheimen ("in pectore") zum Kardinal. 1973 machte der Papst die Aufnahme des tschechischen Bischofs in das Kardinalskollegium auch öffentlich.
Trochta blieb bis zu seinem Tod unter ständiger Beobachtung und Schikane der Staatssicherheit. Er starb am 6. April 1974 im Alter von 69 Jahren kurz nach einer Operation an den Folgen eines Gehirnschlags. Laut verschiedenen Berichten wurde er noch am Tag vor seinem Tod von einem Mitarbeiter des kommunistischen staatlichen Kirchenamtes stundenlang verhört.
Kein Geringerer als Erzbischof Karol Wojtyla von Krakau - der spätere Papst Johannes Paul II. - erwies Trochta nach seinem Tod, zusammen mit dem Wiener Erzbischof Kardinal Franz König (1905-2004) und Berlins Kardinal Alfred Bengsch (1921-1979) und mehreren Tausend Menschen, beim Begräbnis die letzte Ehre. Den Kardinälen war es allerdings staatlicherseits untersagt, bei der Auferstehungsmesse zu konzelebrieren.