Wiener Kirchenhistoriker Klieber zieht "ernüchternde Bilanz" zur Rolle österreichischer Stipendiaten und Priester am Campo Santo Teutonico
Vatikanstadt/Rom/Wien, 06.10.2026 (KAP) Als einen sicheren Ort der Ausbildung und des intellektuellen Austauschs hat Papst Leo XIV. das deutschsprachige Priesterkolleg am Petersdom, gelegen auf dem Campo Santo Teutonico, am Wochenende gewürdigt. Man dürfe "voll Dankbarkeit auf die reichen Früchte dieser Geschichte blicken", sagte er aus Anlass des 150-jährigen Bestehens des Päpstlichen Priesterkollegs. Der Campo Santo wird von der Erzbruderschaft der Schmerzhaften Muttergottes getragen. Zu dem Gebäudekomplex samt Kirche und Pilgerfriedhof zählen das römische Institut der Görres-Gesellschaft sowie das Priesterkolleg, wo etwa ein Dutzend Kleriker zwecks Studium, Arbeit und Fortbildung leben.
Das Jubiläum wurde unter anderem mit einem Fest-Symposion vom 2. bis 4. Oktober am Campo Santo gefeiert, an dem auch Deutschlands Botschafter beim Heiligen Stuhl, Bruno Kahl, der Vorsitzende der Slowenischen Bischofskonferenz, Bischof Andrej Saje, Josef Gehr vom Dikasterium für den Klerus, sowie der bekannte Theologe und Psychotherapeut Manfred Lütz teilnahmen.
Nur 19 Kollegiaten aus Österreich
Insgesamt wurden im Laufe der 150 Jahre laut einer Aufstellung des langjährigen, 2011 verstorbenen Rektors des Campo Santo, Erwin Gatz, allein zwischen 1876 und 1997 fast 700 Kollegiaten aus ihren jeweiligen Diözesen zu Studien- oder Ausbildungsaufenthalten an den Campo Santo gesendet. Ernüchternd fällt indes die Bilanz des Wiener Kirchenhistorikers em.Prof. Rupert Klieber zur Bilanz der österreichischen Kollegiaten aus: Nur 19 stammten in dem besagten Zeitraum demnach aus Österreich bzw. aus Diözesen auf dem Gebiet der Habsburgermonarchie und der Ersten bzw. Zweiten Republik. Das bedeute einen Anteil von gerade mal drei Prozent, schreibt Klieber in einem umfangreichen Beitrag zum Sammelband "Das deutsche Kolleg im Vatikan".
Gründe für die geringe Zahl österreichischer Kollegiaten machte Klieber in teils mangelndem Interesse des Klerus, der Bischöfe und Ordensgemeinschaften, teils in mangelndem Interesse der Rektoren am Campo Santo, sich um Kollegiaten aus Österreich zu bemühen. In einer Studie der Biogramme der 19 entsandten Kollegiaten kategorisierte Klieber die Personen nach ihrem wissenschaftlichen Interesse und ihren späteren wissenschaftlichen Ambitionen, um die wissenschaftliche Relevanz der österreichischen Kandidaten für den Campo Santo insgesamt zu beziffern.
Tatsächlich seien es nur fünf Kandidaten gewesen, die "genuine Forschungsfelder beackerten, die in besonderer Weise mit dem Kolleg assoziiert werden", so Klieber: darunter der Seckauer Benediktiner P. Johannes Chysostomus Baur (1876-1962), der Archäologe und Historiker Luka Jelic (1864-1922), sowie der Pastoraltheologe Heinrich Swoboda (1861-1923) - allesamt "Exponenten des wissenschaftlichen Aufbruchs der Wiener Universität vor der Jahrhundertwende", so Klieber.
Horizonterweiterung: "Nicht die schlechteste Wirkung"
Zu den jüngeren Kollegiaten zählte Klieber u. a. den Wiener Kirchenhistoriker und früheren Gurker Generalvikar Karl-Heinz Frankl (1938-2019), den slowenischen Kirchenhistoriker France Martin Dolinar (*1941), den früheren Erzabt der Erzabtei St. Peter in Salzburg, P. Korbinian Birnbacher (*1967) und den Redemptoristen-Provinzial P. Martin Leitgöb (*1972). Dass die Bilanz der österreichischen Präsenz am Campo Santo über den wissenschaftlichen "Output" hinaus auch andere Kriterien aufweist, hätten diese Personen ihm in persönlichen Gesprächen versichert, so Klieber abschließend: "Angaben von vier dem Autor persönlich bekannten Zeitzeugen (Karl-Heinz Frankl, France Martin Dolinar, Korbinian Birnbacher, Martin Leitgöb) lassen weiters darauf schließen, dass der Aufenthalt im Schatten des Petersdoms für alle Kollegiaten eine Horizonterweiterung sowie Eindrücke beschert hat, auf die sie später gerne zurückblick(t)en - nicht die schlechteste Wirkung, die eine Einrichtung dieser Art erzielen kann!"
(Hinweis: Erschienen ist der Beitrag Kliebers unter dem Titel "Das wissenschaftliche Priesterkolleg am Campo Santo Teutonico (1876-2026): Eine relevante Größe für die Forschungslandschaft (Alt-)Österreichs?" in der Festschrift "Das deutsche Kolleg im Vatikan" (hrsg. von Ignacio Garcia Lascurain Bernstorff und Stefan Heid) in der Reihe "Christliche Altertumskunde und Kirchengeschichte", Herder-Verlag 2026)