Symposion "Begegnung leben - Franz von Assisi für die Welt von heute" im Grazer Franziskanerkloster - Palaver: "Mit Franziskus auf die Apokalypse unserer Zeit schauen" - Hillebrand: Radikale Armut des Heiligen bleibt "Stachel im Fleisch der Kirche"
Graz, 09.10.2026 (KAP) Die bleibende Aktualität des vor 800 Jahren verstorbenen Heiligen Franz von Assisi haben Theologinnen und Theologen bei einem Symposion am Freitag in Graz unterstrichen. Der Innsbrucker Theologe Wolfgang Palaver etwa unterstrich die Relevanz einer Haltung der Demut angesichts apokalyptisch anmutender Gefahren; der Grazer Pastoraltheologe Bernd Hillebrand plädierte für eine Stärkung der gesellschaftlichen Solidarität in Form einer Hinwendung zu den Ärmsten. Die radikale Armut des heiligen Franz von Assisi bleibe dabei ein "Stachel im Fleisch der Kirche", sagte Hillebrand beim Symposion "Begegnung leben. Franz von Assisi für die Welt heute".
Die Tagung, die am Donnerstag mit einem Vortrag des Religionssoziologen Hans Joas eröffnet wurde, wird gemeinsam von der Grazer Katholisch-Theologischen Fakultät und der Franziskanerprovinz Austria organisiert. Die Referentinnen und Referenten beleuchten laut Programm dabei unter anderem Fragen der sozialen Gerechtigkeit, Schöpfungsverantwortung, Ökumene, den interreligiösen Dialog und friedliches Zusammenleben.
Franz von Assisi gehöre schließlich zu jenen Gestalten der Kirchengeschichte, deren Wirkung weit über das Christentum hinausreicht, betonte die Dekanin der Katholisch-Theologischen Fakultät, Katharina Pyschny, in ihren Eröffnungsworten: "Gerade dafür steht Franziskus. Seine Hinwendung zu den Armen und Ausgegrenzten (...) zeugen von einer Offenheit, die Grenzen überschreitet und das eigene Leben verändert. Seine Geschwisterlichkeit umfasst zudem die gesamte Schöpfung. (...) Darin liegt eine Haltung, die uns bis heute herausfordert: die Welt als einen Zusammenhang zu begreifen, dem wir selbst angehören und für den wir Verantwortung tragen."
Palaver: "Mit Franziskus auf Apokalypse unserer Zeit schauen"
Angesichts einer apokalyptisch gestimmten Zeit gilt es nicht nur, nüchterne Ruhe zu bewahren, sondern vor allem, das biblische Vokabular nicht als Zeitansage eines Weltuntergangs misszuverstehen, sondern als "aufgeklärte Apokalyptik", der es darum geht, selbst in großen Krisenzeiten Handlungsräume im Horizont Gottes aufzuzeigen. Darin sowie in seiner Haltung der Demut sei Franz von Assisi bis heute ein wichtiges Vorbild, betonte bei seinem Vortrag der Innsbrucker Theologe Palaver.
Nüchternheit und biblische bzw. theologische Kompetenz sei u. a. angesichts der ideologischen Instrumentalisierung biblischen Vokabulars wie Apokalypse, Armageddon, Antichrist oder Katechon nötig, zeigte dich Palaver auf, der sich intensiv vor allem mit den entsprechenden Aussagen und Texten des US-Tech-Milliardärs Peter Thiel befasst hat. Tatsächlich sei es sinnvoll, auf das katastrophische Potenzial der Technik heute hinzuweisen und eine entsprechende "Apokalypseblindheit" (G. Anders) zu beklagen - zugleich aber bedeute Apokalyptik nicht, sich diesem Schicksal zu ergeben, sondern angesichts einer als tödlich erkannten Zukunft in der Gegenwart zu handeln. Ebenso habe Franz von Assisi gelebt und gehandelt.
Hillebrand: Armut als "Stachel im Fleisch der Kirche"
Für eine neue Kultur des Teilens und Aufteilens sowie eine Solidarität, die nicht nur für, sondern gemeinsam mit armutsbetroffenen Menschen gelebt wird, sprach sich der Grazer Pastoraltheologe Hillebrand aus. Freiwillig gelebte Einfachheit, der Verzicht auf Macht und Besitz sowie die Begegnung mit ausgegrenzten Menschen - und letztlich eine dieserart gelebte radikale Form der Armut nach dem Vorbild Franz von Assisis - könne den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken, zeigte sich Hillebrand überzeugt. Armut sei in dem Sinne auch ein bleibender "Stachel im Fleisch der Kirche".
Armut dürfe nicht auf fehlendes Einkommen oder materielle Entbehrungen reduziert werden, betonte Hillebrand. Sie sei vor allem eine Dynamik gesellschaftlicher Ausgrenzung, die Menschen Teilhabe, Anerkennung und Beziehungen entziehe. Daher sei es auch entscheidend, armutsbetroffenen Menschen nicht bloß als Empfängern von Hilfe zu begegnen, sondern sie als gleichberechtigte Partner ernst zu nehmen und sich selbst durch diese Begegnungen verändern zu lassen.
Als Vorbild dient Hillebrand Franz von Assisi, dessen Begegnung mit einem Aussätzigen zum biografischen und spirituellen Wendepunkt wurde. Franziskus habe Armut nicht als Selbstzweck verstanden, sondern als bewusste Entscheidung für Solidarität und Beziehung. Sein Verzicht auf persönlichen Besitz habe es ermöglicht, gesellschaftliche Hierarchien zu überwinden. Franziskanische Geschwisterlichkeit umfasse dabei nicht nur zwischenmenschliche Beziehungen, sondern auch die Verbundenheit von Mensch und Natur. Darin liege schließlich das Paradox franziskanischer Armut: Weniger zu besitzen könne mehr Verbundenheit ermöglichen und der Verzicht auf Macht neue Beziehungen eröffnen.
Neben Joas, Hillebrand und Palaver referieren außerdem Sr. Anna Elisabeth Rifeser und der Brixner Theologe Martin Lintner. Workshops bieten außerdem Roman Werner, Michaela Sohn-Kronthaler und P. Willibald Hopfgartner (alle Graz), sowie Armin Kohnle (Leipzig), Monika Prettenthaler (Graz) und Br. Beda Puchinger (Salzburg). Den Abschluss bildet am Freitagnachmittag ein "Musik-Vortrag" über den Hl. Franz von Assisi als Inspirationsquelle für die Musik von Harald Haslmayr (Graz).
Das Symposium setzt eine seit 2008 bestehende Zusammenarbeit der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Graz mit der Franziskanerprovinz Austria fort. Ziel der Kooperation ist die Verbindung wissenschaftlicher Theologie mit franziskanischer Spiritualität, Philosophie und Theologie. Frühere Veranstaltungen widmeten sich unter anderem dem Heiligen, Ritualen, Medizin und Menschenbild sowie dem Verhältnis franziskanisch inspirierter Frauen und Männer zum Nationalsozialismus.