Lange galt Luis Tagle als Shootingstar und Gesicht der jungen Kirche Asiens - Drei Päpste förderten ihn, doch dann gab es Rückschläge - Papst Franziskus nannte ihn einst den "Heiligen Sohn", unter Leo XIV. wird er jetzt Kardinaldekan - Von Alexander Brüggemann und Sabine Kleyboldt
Vatikanstadt/Rom, 09.10.2026 (KAP) Er lacht und scherzt und singt gerne. Mit seinem Charme ist Luis Antonio Tagle Asiens bekanntester Kardinal. Drei Päpste förderten ihn: Johannes Paul II., Benedikt XVI. und Franziskus - und zeitweilig sah es so aus, als sei schon ausgemacht, dass er einst der erste Papst aus Asien werden würde. Doch dann gab es Rückschläge, einen Karriereknick. Nun geht es aber wieder aufwärts: Leo XIV. bestätigte die Wahl des 69-jährigen Philippiners zum Dekan des Kardinalskollegiums - als Nachfolger der italienischen Legende Giovanni Battista Re (92).
Das Kardinalskollegium zählt zu den wichtigsten Gremien der katholischen Kirche. Es berät den Papst in zentralen Fragen - was Benedikt XVI. und Franziskus noch weiter vorangetrieben haben. Nach dem Tod eines Papstes leitet das Kollegium gemeinschaftlich die Kirche - eingeschränkt und bis zur Wahl des Nachfolgers. Der wichtigste Mann ist dann: der Dekan.
Besonderes Charisma und Fröhlichkeit
Es sind diverse Anekdoten, die den Stil und die Person Kardinal Tagles, sein besonderes Charisma aus Fröhlichkeit, Intelligenz und Bescheidenheit vielleicht am besten illustrieren. Als Benedikt XVI. in seinem letzten Konsistorium im November 2012 den damals 55-jährigen Tagle als jüngstes Mitglied ins Kardinalkollegium aufnahm, zeigte der sich von Tränen übermannt ob der neuen Verantwortung. Der Papst selbst sprach ihn an und ermunterte ihn tröstend wie ein Vater.
Und als sich Benedikt XVI. im Februar 2013 einzeln von den Kardinälen verabschiedete, soll ihm der wenige Monate zuvor noch vorübergehend vom Mut verlassene Mann von den Philippinen einen Satz ins Ohr gesagt und dann laut gelacht haben. Was könnten das für Worte gewesen sein?
Typisch Tagle dann die Begebenheit, die aus den Tagen nach der Papstwahl von 2013 überliefert ist: Der Kardinal, bequem in Räuberzivil, trifft im Aufzug des vatikanischen Gästehauses Santa Marta ganz unverhofft den neu gewählten Papst Franziskus. Sagt Tagle: "Heiliger Vater!" - Antwortet der amüsiert: "Na, heiliger Sohn?"
Seine Mutter hat chinesische Wurzeln
Geboren am 21. Juni 1957 in der philippinischen Hauptstadt Manila, wuchs Tagle in Imus auf der Hauptinsel Luzon auf; seine Mutter hat chinesische Wurzeln. Tagles kirchliche Laufbahn verlief zunächst vergleichsweise unscheinbar: Mit knapp 25 Jahren zum Priester geweiht, promovierte er als Stipendiat des katholischen Hilfswerks Missio in den USA im Fach Theologie und konnte danach von 1997 bis 2003 als Mitglied der Internationalen Theologenkommission des Vatikans römische Erfahrungen sammeln.
Dort wurde offenbar auch der damalige Leiter der Glaubenskongegregation und spätere Papst Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. auf Tagle aufmerksam. 2001 ernannte ihn Johannes Paul II. zum Bischof seiner Heimatdiözese Imus südlich von Manila; erst 44 war er da. Nach zehn Jahren dort folgte der Karrieresprung mit seiner Berufung zum Leiter des Hauptstadtdiözese.
Als Primas der Philippinen war Tagle nun seit 2011 der höchste kirchliche Würdenträger für rund 77 Millionen Katholiken unter den 93 Millionen Philippinern. Der Inselstaat im Pazifischen Ozean ist außer dem kleinen Osttimor das einzig katholisch geprägte Land Asiens. Die philippinische Kirche hat traditionell großen politischen Einfluss.
Zu Menschenrechtsvergehen sagte er nicht viel
1986 war Manilas Kardinal Jaime Sin (1928-2005) gar Mitinitiator der gewaltlosen "Rosenkranzrevolution" gegen die Marcos-Diktatur 1986. Später allerdings mussten die katholischen Bischöfe politisch kleinere Brötchen backen, seit einige von ihnen durch einen Korruptionsskandal kompromittiert wurden. Kritiker kreideten Tagle an, dass er - als Nachfolger Sins - zu den immer weiter wachsenden Menschenrechtsvergehen führender philippinischer Politiker schwieg.
Bei der Papstwahl 2013 war der Philippiner mit 55 Jahren der zweitjüngste Teilnehmer - und hatte doch bereits Chancen auf die Nachfolge des zurückgetretenen Benedikt XVI. Denn die Luft roch nach Wandel.
Es wurde Franziskus - und der Papst aus Argentinien betraute den "heiligen Sohn" 2015 mit der Leitung von Caritas Internationalis, dem Dachverband von 165 katholischen Wohlfahrtsorganisationen weltweit. Im Jahr zuvor durfte Tagle den umjubelten Besuch des neuen Papstes auf den Philippinen begleiten, einem der wichtigsten Länder Asiens für die katholische Kirche.
2019 folgte dann seine Berufung an die Spitze der einflussreichen Vatikan-Abteilung zur Verbreitung des Glaubens, der "Missionskongregation". Ebenso holte ihn Franziskus in die Bischofssynode zu Ehe und Familie sowie in die mehrjährigen Beratungen zu Synodalität, wo ein neues Profil für die Kirche gesucht wurde.
Faible für poetische Metaphern
Mit seinem fröhlichen Charme begeisterte Tagle 2022 auch die rund 600 anglikanischen Bischöfe und Bischöfinnen der Lambeth-Konferenz in Canterbury. In seiner programmatischen Rede appellierte der Kurienkardinal emphatisch an die Christen, gemeinsam ein spirituelles Haus für die Menschheitsfamilie zu bauen. Dazu müssten die jeweiligen kulturellen Unterschiede und Eigenheiten gewürdigt werden. "Lasst uns gemeinsam davon träumen", so Tagle, der gern in frommen und poetischen Bildern spricht.
Die Kirchen müssten gemeinsam für Vertriebene, Geflüchtete, Opfer von Sklaverei, Menschenhandel, Kriegen und dem Klimawandel eintreten. Mit Demut und Feingefühl, so sein Appell. Auch Christus habe eine Kirche gewollt, die Heimat für Fremde, Einsame und Ausgestoßene ist. Die Zuhörer quittierten seine Rede mit Standing Ovations.
Karriereknick und "Imagine"
Im Vatikan wurde der Franziskus-Vertraute lange als dessen natürlicher Erbe gehandelt - bis der Papst ihm 2022 wegen nicht genau benannter Probleme die Leitung des Weltcaritas-Dachverbands Caritas Internationalis entzog. Dennoch scheint er seither seine Heiterkeit nicht eingebüßt zu haben. Auf YouTube ist er als Sänger selbstkomponierter christlicher Lieder zu sehen; auch mit einer Version von John Lennons "Imagine".
Als dann am 18. Mai 2025 Leo XIV. ins Amt eingeführt wurde, war es der fast gleichaltrige Tagle, der seinem bisherigen Kurienkardinals-Kollegen den Fischerring ansteckte, Symbol des Papsttums. Kurz darauf teilte Leo XIV. Tagle auch seine bisherige Titeldiözese Albano südöstlich von Rom zu. Und nun steht der "heilige Sohn" dem Senat des "Heiligen Vaters" vor, als Dekan des Kardinalskollegiums.