Vatikan: Bischöfe fordern langfristige Begleitung von Ehepaaren
12.10.202611:21
Vatikan/Kirche/Familie/Heirat/Christentum
Spanischer Kardinal Cobo bei Bischofstreffen zum Jubiläum von "Amoris laetitia": Grundsätzliche Neuausrichtung der Seelsorge statt bloß ergänzende Angebote nötig -"Haben wir die Paare mehr auf die Hochzeit als auf die Ehe vorbereitet?"
Vatikanstadt, 12.10.2026 (KAP) Die katholische Kirche muss Ehepaare über die Hochzeit hinaus begleiten und stärker auf die verschiedenen Phasen des gemeinsamen Lebens eingehen: Dafür hat sich der Erzbischof von Madrid, Kardinal José Cobo, beim derzeit in Vatikan stattfindenden internationalen Bischofstreffen ausgesprochen. Es gehe nicht nur darum, neue Seelsorgeangebote zu entwickeln, sondern die pastorale Arbeit grundsätzlich neu auszurichten, sagte Cobo am Samstag bei der Tagung zum zehnten Jahrestag des päpstlichen Schreibens "Amoris laetitia" über Ehe und Familie.
"Haben wir die Paare mehr auf die Hochzeit als auf die Ehe vorbereitet?", fragte der Kardinal. Die Kirche müsse sich stärker an den Lebenswegen der Menschen orientieren und sich fragen, ob sie die Paare von Beginn an wirklich verstehe. "Amoris laetitia hat uns geholfen, die Wirklichkeit der Ehe anders zu betrachten und neue pastorale Horizonte eröffnet", erklärte Cobo.
Die Begleitung müsse bereits vor der Verlobung beginnen und junge Menschen dabei unterstützen, Beziehungen aufzubauen und ihre Berufung zu erkennen. Während der Partnerschaft gehe es darum, "vom vorgestellten zum wirklichen Gegenüber" zu gelangen und einander tatsächlich kennenzulernen. In der Ehe wiederum müssten Paare lernen, ihr gemeinsames Leben zu festigen. Als mögliche Anlässe für seelsorgliche Gespräche nannte Cobo das erste Ehejahr, die Geburt von Kindern sowie das dritte und fünfte Ehejahr.
Veränderungen begleiten
Gerade in der Anfangszeit veränderten sich die Kommunikation zwischen den Partnern und die Organisation des Alltags. Unterschiede und Konflikte träten deutlicher hervor, zugleich beanspruchten berufliche und familiäre Aufgaben viel Aufmerksamkeit. "Junge Ehepaare bitten uns, sie bei diesen Veränderungen zu begleiten", sagte Cobo. Die Kirche müsse sich deshalb fragen: "Wer tut das?" und wie der Übergang vom Glaubensleben als Paar zum Glaubensleben als Familie unterstützt werden könne.
Auch spätere Lebensphasen erforderten Begleitung. Berufliche Veränderungen, finanzielle Schwierigkeiten, die Pflege älterer Angehöriger, Krankheit oder eine zunehmende Entfremdung könnten die Beziehung belasten. "Nicht alles ist eine Krise", betonte der Kardinal. Es brauche Möglichkeiten, die Partnerschaft rechtzeitig zu überprüfen, bevor Schwierigkeiten die Beziehung schwer beschädigten. Ehepaare sollten Hilfe in Anspruch nehmen können, ohne erst an ihre Grenzen gelangen zu müssen.
Eine zentrale Rolle komme dabei der Pfarrgemeinde und anderen kirchlichen Gemeinschaften zu. Viele Paare erlebten ihre Ehe in einer zunehmend individualisierten Gesellschaft recht einsam. Die christliche Ehe sei jedoch "nicht nur die Geschichte zweier Menschen, sondern auch eine kirchliche Berufung", die innerhalb einer Gemeinschaft wachsen solle. Besonders wichtig seien Ehepaare, die andere Paare begleiteten - "nicht als Experten, sondern aus einer gelebten, reflektierten und geteilten Erfahrung heraus".
Cobo verwies zudem auf die Bedeutung der Partnerschaft für die Kinder. Eines der wichtigsten Vermächtnisse, das Eltern ihren Kindern hinterließen, sei die Beziehung, die sie miteinander aufgebaut hätten: wie sie miteinander sprächen, Konflikte bewältigten, einander verziehen und in schwierigen Zeiten zusammenhielten.
Hochzeit erst Beginn eines Weges
Ebenfalls am Samstag plädierte die argentinische Theologin María Marcela Mazzini dafür, die ersten Ehejahre als eigenständigen geistlichen Reifungsprozess zu begleiten. Sie bezeichnete diese Phase als "Mystagogie des gefeierten Sakraments": Das Sakrament der Ehe werde zwar bei der Trauung gespendet, müsse sich im gemeinsamen Alltag aber erst entfalten. Das Eheversprechen sei daher nicht der Abschluss, sondern der Beginn eines gemeinsamen Weges.
Zu den Herausforderungen der ersten Ehejahre zählte Mazzini die Gestaltung des Alltags, finanzielle Fragen, unterschiedliche Lebensvorstellungen sowie Kommunikation, Konflikte und Intimität. Ein gemeinsames "Wir" entstehe nicht automatisch aus der Liebe zweier Menschen, sondern müsse sich aus ihren unterschiedlichen familiären Prägungen entwickeln. Die Begleitung junger Ehepaare müsse deshalb auch die entstehende Beziehung selbst in den Blick nehmen. "Einheit bedeutet nicht, Unterschiede aufzuheben; Zugehörigkeit bedeutet nicht, Besitz zu ergreifen; Fürsorge bedeutet nicht, zu beherrschen", betonte die Theologin.
Beratungen noch bis Mittwoch
Das Bischofstreffen im Vatikan steht zehn Jahre nach der Veröffentlichung von "Amoris laetitia" durch Papst Franziskus im Zeichen der Frage, wie die darin formulierten pastoralen Impulse heute umgesetzt werden können. Die Beratungen mit Vorsitzenden von Bischofskonferenzen und Vertretern der katholischen Ostkirchen - für Österreich nimmt Erzbischof Franz Lackner teil - dauern noch bis Mittwoch.
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