Aus Österreich stammender Ordensmann P. Baumgartner: Bildung und Begegnung lassen Christen Hoffnung schöpfen und sich aktiv an der Zukunft des Landes beteiligen
Wien/München/Damaskus, 12.10.2026 (KAP) Um die christliche Präsenz in Syrien langfristig zu sichern, braucht es neben materieller Hilfe vor allem Bildung, gesellschaftliche Teilhabe und Zukunftsperspektiven. Davon ist der in Aleppo tätige österreichische Jesuit P. Gerald Baumgartner überzeugt. Kirchliche Bildungs- und Begegnungsangebote könnten jungen Menschen helfen, Hoffnung zu schöpfen und sich aktiv an der Zukunft ihres Landes zu beteiligen, erklärte er in einem Interview mit dem katholischen Hilfswerk "Kirche in Not" (ACN).
"Unser Ziel ist nicht, die Christen materiell besserzustellen, damit sie sich einigeln und eine Parallelgesellschaft bilden", betonte Baumgartner. "Ausschließlich mit materieller Hilfe werden viele ausreisen." Es gehe nicht darum, Menschen zum Bleiben zu drängen: "Jeder muss diese Entscheidung frei treffen." Vielmehr gelte es, Perspektiven zu schaffen und Christen zu vermitteln: "Es liegt auch an euch, dieses Land zu verändern."
Mehr als ein Jahrzehnt Krieg, Vertreibung, Wirtschaftskrise, die Covid-19-Pandemie und das schwere Erdbeben von 2023 hätten die Lebensperspektiven vieler junger Syrer geprägt. Hinzu komme die Unsicherheit nach dem politischen Machtwechsel. "Niemand will einfach so nach Deutschland", sagte Baumgartner über junge Menschen, die er beim Abschied begleitet habe. "Sie können nicht in Syrien bleiben, weil sie dort keine Hoffnung haben. An einem anderen Ort haben sie zumindest die Hoffnung auf Hoffnung."
Der Jesuit plädierte dafür, Christen nicht ausschließlich als verfolgte Minderheit wahrzunehmen. "Es ist zentral, dass Christen sich nicht primär als verfolgte Minderheit verstehen, sondern wieder als Syrer - als syrische Christen", sagte er. Die Kirche müsse Begegnungsräume schaffen, in denen Christen, Muslime und Angehörige anderer religiöser und ethnischer Gruppen miteinander ins Gespräch kommen. Christen seien dazu berufen, "Sauerteig" der Gesellschaft zu sein. Kirchliche Sozialhilfe stehe deshalb Menschen unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit offen.
Die Lage nach dem Ende der Herrschaft von Baschar al-Assad beurteilte Baumgartner differenziert. Zwar könne die Kirche heute in mancher Hinsicht freier arbeiten. Unter dem früheren Regime seien selbst kirchliche Sommercamps von Genehmigungen der Sicherheitsdienste abhängig gewesen. An Kontrollpunkten sei es wiederholt zu Schikanen und Korruptionsversuchen gekommen. Zugleich hätten viele Christen Assad aus Angst vor islamistischen Gruppen als Garanten von Stabilität betrachtet. Der Machthaber habe Minderheiten durch seine Rolle als vermeintlicher Beschützer an das Regime gebunden. "So hatten die Minderheiten überhaupt keine Wahl", sagte Baumgartner.
Vor einer Beschönigung der gegenwärtigen Situation warnte der Ordensmann ebenfalls. Staatliche Strukturen befänden sich noch im Aufbau, die Sicherheitslage sei regional unterschiedlich. Nach dem Machtwechsel habe es schwere Gewalttaten gegen Minderheiten gegeben. "Wohin die Reise geht, wissen wir nicht", erklärte der Jesuit. Dennoch sei die Unsicherheit kein Grund, die Unterstützung einzustellen: "Gerade jetzt muss man unterstützen." Kirchliche Bildungs- und Begegnungsarbeit könne dazu beitragen, dass Menschen verschiedener Religionen und Volksgruppen gemeinsam Perspektiven für ihr Land entwickeln.
Die Jesuiten betreiben in Syrien Kultur- und Bildungszentren, die "Kirche in Not" unterstützt. Neben Seelsorge gehören Sprachkurse, berufliche Weiterbildungen und Angebote zur Konfliktbewältigung dazu. Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religion sollen dort Kontakte knüpfen und befähigt werden, auch in ihrem eigenen Umfeld Brücken zu bauen. Baumgartner war zuvor in Homs tätig und koordinierte unter anderem die Nothilfe nach dem Erdbeben von 2023.