Müller kritisiert geplante öffentliche Hinrichtung in den USA scharf
12.10.202616:21
Österreich/Todesstrafe/Kirche/Justiz/Christentum
Früherer Glaubenspräfekt Kardinal Müller warnt bei Predigt in Stift Heiligenkreuz vor "Verrohung" und vor der Vorstellung, ein Staat dürfe uneingeschränkt über das Leben eines Menschen verfügen
Wien, 12.10.2026 (KAP) Der deutsche Kardinal Gerhard Ludwig Müller hat die angekündigte öffentliche Hinrichtung eines US-Armeeangehörigen durch ein Erschießungskommando scharf kritisiert. Es sei unmoralisch, wenn ein amerikanischer Minister die öffentliche Hinrichtung eines verurteilten Straftäters ankündige, sagte Müller am Sonntag bei einer Predigt im Zisterzienserstift Heiligenkreuz. Eine Liveübertragung vor den Augen von Millionen Menschen und Kindern führe zu einer "Verrohung" in einem demokratischen Staat, der sich als Führer der westlichen Werte verstehe. Ein solches Vorgehen dürfe "in keiner Weise gebilligt werden", erklärte der frühere Präfekt der vatikanischen Glaubenskongregation.
Müller bezog sich auf die Ankündigung des US-Verteidigungsministers Pete Hegseth, die für Anfang Dezember geplante Hinrichtung des wegen eines tödlichen Anschlags verurteilten früheren Militärpsychiaters Nidal Hasan öffentlich zugänglich zu machen und live zu übertragen. Hasan hatte 2009 auf dem Militärstützpunkt Fort Hood in Texas 13 Menschen getötet. Die Vollstreckung des Todesurteils ist für den 3. Dezember vorgesehen.
Der Kardinal wandte sich grundsätzlich gegen die Vorstellung, ein Staat dürfe uneingeschränkt über das Leben und den Körper eines Menschen verfügen. Jesus habe vor Pontius Pilatus gestanden, dem Inhaber absoluter Macht, und sei von diesem mit der Möglichkeit konfrontiert worden, sein Leben zu verschonen oder ihn kreuzigen zu lassen. "Was ist der größte Traum vieler Machtpolitiker? Die Macht zu haben über Leben und Tod der Bürger", sagte Müller. Laut christlicher Auffassung habe jedoch "kein Staat das 'ius in corpus'", das uneingeschränkte Verfügungsrecht.
Auch bei einem Straftäter ende die staatliche Macht an dieser Grenze. "Deshalb sind Folter und Todesstrafe unmoralisch", sagte Müller. Zu dieser Erkenntnis sei die Kirche aufgrund aller negativen Erfahrungen gekommen. Eindringlich wandte sich der Kardinal zudem auch an die Soldaten, die an der Exekution beteiligt werden könnten. Sie seien "in ihrem Gewissen berechtigt und verpflichtet, Nein zu sagen zu so einem unmoralischen Schauspiel".
Christentum als Gegenentwurf zur Machtpolitik
Müller betonte, das Christentum dürfe nicht von der Logik politischer Macht und des Sieges her verstanden werden. Auch Jesus sei nach den Maßstäben der Machtpolitik gescheitert, habe aber letztlich den Sieg davongetragen. Der christliche Glaube eröffne vielmehr einen Zugang zur Würde jedes Menschen, der sich aus dessen Beziehung zu Gott ergebe.
Eine Erneuerung der Kirche könne daher nur gelingen, wenn sie sich konsequent auf Jesus Christus beziehe, sagte Müller. Der synodale Prozess dürfe sich daher nicht auf Methoden der Beteiligung beschränken. Vor allem gehe es auch um die Frage, ob die Inhalte des christlichen Glaubens noch vermittelt würden oder ob man stattdessen auf Soziologie und Psychologie ausweiche. Diese seien zwar wichtige Hilfswissenschaften, könnten aber die eigentliche Aufgabe der Theologie - die Vermittlung der Offenbarung Gottes - nicht ersetzen.
Kaiser Karl als Vorbild für Völkerverständigung
Anlass der Predigt war die Jahreswallfahrt der Kaiser-Karl-Gebetsliga. Müller würdigte den seliggesprochenen letzten österreichischen Kaiser (1887-1922) als Gegenbild zu einer Politik, die auf Macht, Prestige und nationale Abgrenzung ausgerichtet sei. Die Ausgangssituation habe sich seit dem Ersten Weltkrieg gegenüber heutigen Kriegen und Bürgerkriegen nicht wesentlich verändert, so der frühere Glaubenspräfekt: Auch heute gehe es "nicht darum, für den Sieg der eigenen Waffen zu beten, sondern für den Frieden Gottes auf Erden, der allen Menschen guten Willens, den Menschen seiner Gnade, zuteil wird", so der emeritierte Kurienkardinal.
Auch die Idee eines Vielvölkerstaates verteidigte Müller. Das Zusammenleben unterschiedlicher Völker unter Wahrung ihrer sprachlichen und kulturellen Eigenständigkeit durch Kooperation und Zusammenwirken sei ein "großes Ideal" gewesen, das sich auch im Gedanken eines geeinten Europa wiederfinde. Christlicher Glaube verpflichte dazu, am friedlichen Zusammenleben der Völker mitzuwirken.
Für Montagabend war ein weiterer Festvortrag des Kardinals im Kaisersaal von Stift Heiligenkreuz unter dem Titel "Warum bin ich Christ?" vorgesehen.