Hilfsorganisation warnt vor Sozialhilfekürzungen und fordert nationalen Aktionsplan für leistbares Wohnen - 366.000 Menschen können ihre Wohnung nicht angemessen heizen - 360.000 Kinder leben an oder unter der Armutsgrenze - 261.000 Menschen leben in absoluter Armut
Wien, 13.10.2026 (KAP) Vor dem Hintergrund aktuell laufender Verhandlungen zur Sozialhilfereform hat die Caritas eine armutsfeste Sozialhilfe gefordert. Zudem brauche es angesichts wieder sinkender Temperaturen bei gleichzeitig steigenden Wohnkosten einen nationalen Aktionsplan für leistbares Wohnen. "Die anhaltende Teuerung, die massiv gestiegenen Lebensmittelpreise, Wohn- und Energiekosten bringen immer mehr Menschen an ihre finanziellen Grenzen", betonte Caritas-Präsidentin Nora Tödtling-Musenbicher bei einer Pressekonferenz am Dienstag in Wien. Die angedachten Kürzungen seien "alarmierend", denn schon jetzt lebten 261.000 Menschen in Österreich in absoluter Armut und könnten sich keinen beheizten Wohnraum und regelmäßige Mahlzeiten mehr leisten.
Die Regierung habe mit dem Mietenpaket, dem Sozialtarif bei Strom und der Verlängerung des Wohnschirms bereits wichtige Schritte gesetzt, doch die Maßnahmen reichten bei Weitem nicht aus, mahnte Tödtling-Musenbicher und verwies auf die steigenden Nachfragen bei den Lebensmittelausgaben und Sozialberatungen der Caritas: "Wir messen die Inflation nicht in Prozenten, sondern in meterlangen Warteschlangen vor unseren Lebensmittelausgabestellen. Und diese Schlangen sind in den vergangenen Jahren länger geworden." Bis zu 21 Tonnen Lebensmittel pro Woche werden an den 15 Lebensmittelausgabestellen der Caritas der Erzdiözese Wien ausgegeben, berichtete der Wiener Caritasdirektor Klaus Schwertner im Interview mit Kathpress.
Fast jede fünfte Person in Österreich ist von Armut oder Ausgrenzung bedroht. 360.000 Kinder leben an oder unter der Armutsgrenze und 366.000 Menschen können ihren Wohnraum im Winter nicht angemessen warm halten, führte Schwertner aus. In Gesprächen mit politischen Verantwortlichen entstehe oft der Eindruck, als würde man von Einzelfällen sprechen. Die Realität sei eine andere, betonte Schwertner bei der Pressekonferenz in einer der Lebensmittelausgabestellen der Caritas in der Pfarre Maria Lourdes in Meidling.
Großen Handlungsbedarf gebe es beim Thema Wohnen, verwies Schwertner auf aktuelle Zahlen der heuer vorgestellten Konsumerhebung 2024/25: Laut Statistik Austria sind die monatlichen Wohnkosten innerhalb der vergangenen zehn Jahre um rund 35 Prozent gestiegen, bei Mietwohnungen sogar um knapp 40 Prozent. Auch die durchschnittlichen Haushaltsausgaben haben sich innerhalb von fünf Jahren deutlich erhöht: Für Wohnen und Energie müssen Haushalte im Schnitt monatlich 309 Euro mehr aufbringen als zuvor.
Nationaler Aktionsplan für leistbares Wohnen
"Leistbares Wohnen ist zu einer der wesentlichen Gerechtigkeitsfragen unserer Zeit geworden", so Schwertner. Er forderte einen nationalen Aktionsplan für leistbares Wohnen. Konkret brauche es eine Zweckwidmung der Wohnbauförderung, transparente Zugangskriterien zum sozialen Wohnbau, einen effektiveren Mietpreisdeckel und ähnlich wie beim Strom-Sozialtarif eine Lösung für die steigenden Wärmekosten. "Die Wohnkrise ist kein Naturgesetz. Sie kann politisch gelöst werden", so Schwertner.
44.000 Menschen haben sich im Vorjahr österreichweit an die Sozialberatungsstellen der Caritas gewandt, berichtete Doris Anzengruber, Leiterin der Sozialberatungsstellen in Wien. An 68 Orten erhalten Menschen Beratung und finanzielle Überbrückungshilfen, die überwiegend aus Spendenmitteln stammen, hieß es. "Rechnet man ihre Familien und Angehörigen mit, waren es rund 92.000 Menschen, die wir in ganz Österreich unterstützen konnten", führte Anzengruber aus. Dabei sei es bei 85 Prozent der Hilfesuchenden um die Themen Wohnen und Energie gegangen, zitierte sie aus der Sozialberatungsstatistik der Hilfsorganisation. "Was die Lage verschärft: Während die Kosten steigen, drohen soziale Unterstützungsleistungen gekürzt zu werden."
Kinderarmut
Die Regierung, insbesondere Bundeskanzler Christian Stocker, habe einen "Herbst der Ergebnisse" angekündigt. Dieser sollte insbesondere mit Blick auf die Kinderarmut dazu genutzt werden, eine armutsfeste Reform der Sozialhilfe umzusetzen, forderte Tödtling-Musenbichler. Die größte Personengruppe in der Sozialhilfe seien Kinder, "und die Regierung hat es sich zum Ziel gesetzt, die Kinderarmut in Österreich zu halbieren", so die Caritas-Präsidentin. "Kommt das Gesetz jedoch wie geplant, wird das Ziel verfehlt." Derzeit seien Kürzungen von bis zu 400 Euro pro Person angedacht. Hinzu kämen diskutierte niedrige Kinderrichtsätze oder gar die Kürzung von Familienleistungen für Sozialhilfebeziehende. Dieser Schritt würde Kinderarmut verschärfen, statt sie zu halbieren, warnte Tödtling-Musenbichler. Vielmehr brauche es bundesweit einheitliche Mindestsätze und eine echte Kindergrundsicherung.