Theologe: Kirche muss Mission von kolonialem Denken lösen
17.10.202614:48
Österreich/Kirche/Religion/Mission/Theologie
Salzburger Theologe Franz Gmainer-Pranzl: "Kirche ist Welt-Kirche, Kirche für die Welt - und nicht für sich selbst" - 100. Weltmissionssonntag wird am 18. Oktober österreichweit gefeiert
Salzburg, 17.10.2026 (KAP) Kirchliche Mission darf nicht länger als Export des christlichen Glaubens nach westlichem Vorbild verstanden werden, sondern muss auf Dialog, solidarischer Präsenz und dem Einsatz für globale Gerechtigkeit beruhen: Dafür hat der Salzburger Theologe Franz Gmainer-Pranzl anlässlich des 100. Weltmissionssonntags auf der Plattform "communio.de" (Samstag) plädiert. Nötig sei ein Loslösen kolonialer eurozentrischer Vorstellungen, so der Leiter des Zentrums Theologie Interkulturell und Studium der Religionen der Universität Salzburg. Der Weltmissionssonntag (18. Oktober) sei daher "eine gute Gelegenheit, darüber nachzudenken, ob die Mittel, Wege und Methoden kirchlicher Mission die Freiheit des Glaubens fördern, oder ob Mission als Zwang, Suggestion oder Überwältigung erfahren wird".
Mission sei in erster Linie eine Frage der Präsenz, betonte Gmainer-Pranzl. "Kirche ist Welt-Kirche, Kirche für die Welt - und nicht für sich selbst." Das zeige sich dort, wo Christinnen und Christen an Orten der Armut, in sozialen Krisengebieten und gesellschaftlichen Brennpunkten präsent seien und sich für Menschen engagierten. Dem gegenüber stünde "eine Inszenierung der eigenen Bedeutung, das Festhalten an der Vergangenheit, die Beschäftigung mit sich selbst". Eine solche Kirche verfehle ihren missionarischen Auftrag, konstatierte der Theologe.
Der Weltmissionssonntag sei auch keine Charity-Aktion, sondern verstehe sich als globale Solidaritätsaktion und damit als Gegenpol "zur Politik der Antisolidarität, des radikalen Egoismus und des Kahlschlags von US-Aid", so Gmeiner-Pranzl.
Neue Perspektiven
Die Geschichte der kirchlichen Mission sei eng mit kolonialen Vorstellungen und einem westlich geprägten Verständnis des Christentums verbunden. Die Frage, ob sich der Glaube einfach in andere Weltregionen "exportieren" lasse, ohne sich ernsthaft mit anderen Kulturen und Religionen auseinanderzusetzen, habe die Missionstheologie im 20. Jahrhundert grundlegend verändert. Das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) habe dabei neue Perspektiven eröffnet, indem es Mission als Sendung der gesamten Kirche verstand und stärker zwischen dem christlichen Glaubensanspruch und der kulturellen Prägung des europäischen Christentums unterschied, führte Gmeiner Pranzl aus.
Neben der berechtigten Kritik am Begriff Mission und dessen kolonialen Vorstellungen beobachtet Gmeiner-Pranzl aber auch einen "regelrechten Hype um Mission". Laut dem Theologen zeigt sich dabei eine Dualität: Während die einen "mantraartig bei vielen Gelegenheiten" das missionarische Tun der Kirche betonten und sich neue Bewegungen, Initiativen und kirchliche Gruppen unüberhörbar für eine "missionarische Kirche" einsetzen, würden "andere Zeitgenossen ratlos werden, wenn von 'Mission' die Rede ist.
Als unvereinbar bezeichnete Gmainer-Pranzl missionarisches Handeln mit nationalistischen, rechtspopulistischen und rechtsextremen Ideologien. Es müsse von der Überzeugung ausgehen, dass die Menschheit eine zusammengehörige Familie bilde. Die Situation christlicher Gemeinden etwa in Pakistan, im Sudan oder in Peru könne Christinnen und Christen in Österreich und Deutschland daher nicht gleichgültig sein. "Zwar ist die Katholische Kirche immer Teil einer konkreten Gesellschaft und mit lokalen kulturellen Traditionen verbunden, aber sie denkt immer auch über unmittelbare Kontexte hinaus."
Dazu gehöre etwa ein kritischer Blick auf die politischen und wirtschaftlichen Strukturen, die Armut und Ungerechtigkeit erst hervorbringen würden. Die weltweite Solidarität der Kirche "braucht eine befreiungstheologische Profilierung der kirchlichen Mission sowie einen Dialog mit der Kritischen Entwicklungsforschung".
Mission als Dekolonisierung
Mission heiße "den Glauben zu bezeugen, das eigene Leben und Handeln transparent zu machen auf das hin, wofür die Kirche steht - oder besser gesagt: auf den hin, in dem jegliche Mission ihren Ursprung hat", führte Gmeiner-Pranzl aus. Letztlich weise Mission sogar selbst "einen Moment der Dekolonisierung auf, eine dekoloniale Dynamik, die nicht Mitglieder für die Kirche 'rekrutieren', sondern die Freiheit des Evangeliums bezeugen will".
Der Weltmissionssonntag sei folglich nicht "Anlass zu einer Leistungsschau oder einer Selbstinszenierung, sondern ein kräftiges Lebenszeichen einer Welt-Kirche, die eine unbändige Hoffnung für die Menschen auf diesem Planeten teilt".
100. Weltmissionssonntag
Der Weltmissionssonntag wurde 1926 von Papst Pius XI. eingeführt. In Österreich wird er heuer am 18. Oktober begangen. Der 100. Weltmissionssonntag wird mit Gottesdiensten und Spendenaktionen begangen. Unter dem Leitwort "Eins in Christus, vereint in der Mission" richtet sich der Blick in Österreich heuer besonders auf Äthiopien und die Krisenregion Tigray.