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Sr. Maria Schlackl SDS
Bild Copyright: © MARTIN MARIA EDER

Ordensfrau: Einsatz gegen Menschenhandel endlich verstärken

19.10.2026 15:59
Österreich/Kirche/Gesellschaft/Kriminalität/Menschenhandel/Orden
Initiative "Aktiv gegen Menschenhandel - aktiv für Menschenwürde" und Katholische Aktion Oberösterreich luden zu Veranstaltung "Tiefe Einblicke in verletzte Menschenwürde" - Gründerin der Initiative, Sr. Schlackl: Erschütternde Schicksale der Betroffenen - Täter und wirtschaftliche Profiteure bleiben weitgehend unbelangt
Linz, 19.10.2026 (KAP) Unter dem Motto "Tiefe Einblicke in verletzte Menschenwürde" lud die Salvatorianerin Sr. Maria Schlackl am Sonntag zu einer Veranstaltung ihrer Solwodi-Initiative "Aktiv gegen Menschenhandel - aktiv für Menschenwürde" ins ORF-Landesstudio Oberösterreich in Linz. Dabei betonte sie in ihrer Eröffnungsrede einmal mehr, dass Menschenhandel keine ferne Realität sei, sondern unmittelbar vor Ort geschehe. Aus ihrer täglichen Arbeit kenne sie die erschütternden Schicksale von Frauen, die Täuschung, Erniedrigung und Gewalt erlebten und in organisierte sexuelle Ausbeutung gerieten. Täter und wirtschaftliche Profiteure blieben dabei häufig im Verborgenen. Schlackl forderte mehr Einsatz vonseiten der Politik wie auch der Gesellschaft.

Ein Schwerpunkt ihrer Initiative liege auf Prävention. In Workshops sollen vor allem junge Menschen für die eigene Würde und die Würde anderer sensibilisiert werden, so die Ordensfrau weiter. Zum Abschluss rief Sr. Schlackl die gesamte Gesellschaft dazu auf, bei Menschenhandel und anderen Menschenrechtsverletzungen nicht wegzusehen, sondern entschlossen zu handeln. Der Schutz der Menschenwürde sei eine gemeinsame gesellschaftliche Verpflichtung. - Über die Veranstaltung berichteten die heimischen Ordensgemeinschaften am Montag in einer Aussendung.

Gabriele Hofer-Stelzhammer, Präsidentin der Katholischen Aktion Oberösterreich, plädierte in ihrer Rede für die Einführung des schwedischen Modells in Österreich, das den Kauf sexueller Dienstleistungen unter Strafe stellt, nicht aber die Prostituierten selbst. Damit solle die Verantwortung stärker bei den Freiern liegen. Darüber hinaus betonte Hofer-Stelzhammer, dass die Menschenwürde nicht nur durch offensichtliche Gewalt und Ausbeutung verletzt werde, sondern ebenso durch Gleichgültigkeit, Wegsehen und Schweigen angesichts von Unrecht. Menschenwürde müsse durch konkretes gesellschaftliches und politisches Handeln geschützt werden.

Was sind wir Menschen für Menschen?

Unter der Leitfrage "Was sind wir Menschen für Menschen?" beleuchtete der Philosoph und Theologe Clemens Sedmak die Mechanismen moderner Sklaverei und die Verletzlichkeit der Menschenwürde. Mit konkreten Schicksalen machte er deutlich, dass moderne Sklaverei keineswegs der Vergangenheit angehört. Sedmak erzählte etwa von einem jungen Mexikaner, der in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft in die USA geschleust wurde und schließlich auf einer kalifornischen Avocadofarm unter sklavenähnlichen Bedingungen arbeitete. Ohne gesicherten Aufenthaltsstatus, ohne Bewegungsfreiheit und mit Schulden belastet, war er seinem Arbeitgeber weitgehend ausgeliefert. Ähnliche Verhältnisse gebe es auch in Europa.

Sedmak stellte auch die Verantwortung der Konsumentinnen und Konsumenten zur Diskussion. Ausbeutung geschehe nicht nur fernab der heimischen Lebenswelt, "sondern kann unmittelbar mit den Produkten zusammenhängen, die wir täglich kaufen".

Menschenhandel und moderne Sklaverei seien ein internationales Geschäft von enormer wirtschaftlicher Dimension. Die Schätzungen zur Zahl der Betroffenen gingen auseinander, doch hinter jeder Zahl stehe ein einzelnes menschliches Schicksal, so Sedmak weiter. An mehreren Verfahren vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte zeigte er auf, wie schwierig der rechtliche Schutz der Betroffenen sei. Sedmak berichtete etwa von einer jungen Frau, die unter falschen Versprechungen nach Zypern gebracht wurde und dort ums Leben kam, sowie von Arbeitsmigranten aus Bosnien und Herzegowina, die in Aserbaidschan massiv ausgebeutet wurden. Die Fälle, die vor Gericht landen, seien nur die Spitze des Eisbergs.

Menschenhandel finde oft auch gerade dort statt, wo man ihn am wenigsten vermute: in Hotels, Privathaushalten, diplomatische Vertretungen oder bei internationalen Großveranstaltungen. Ein Kernproblem sei die Abhängigkeit der Betroffenen von ihren Ausbeutern: Schulden, fehlende Papiere, mangelnde Sprachkenntnisse und Drohungen gegen Angehörige machten es den Betroffenen schwer, sich zu befreien. Wegsehen und Gleichgültigkeit trügen dazu bei, dass Ausbeutung oft lange unentdeckt bleibe, so Sedmak, der zugleich mit einer hoffnungsvollen Perspektive schließen wollte: Menschen seien nicht nur zu Grausamkeit fähig, sondern ebenso zu Mitgefühl, Solidarität und Verantwortung.

"Die Scham muss die Seite wechseln"

Die deutsche Psychotherapeutin und Traumatherapeutin Ingeborg Kraus übte in ihrem Vortrag in Linz scharfe Kritik an der deutschen Prostitutionsgesetzgebung. Sie warnte vor den psychischen Folgen sexueller Ausbeutung und forderte wie die oberösterreichische KA-Präsidentin das nordische Modell, das Sexkäufer bestraft und betroffene Frauen schützt.

Während Schweden 1999 den Kauf sexueller Dienstleistungen unter Strafe stellte, liberalisierte Deutschland 2002 die Prostitution. Kraus zufolge habe sich das Land dadurch zum "Bordell Europas" entwickelt. Menschenhändler, Zuhälter und Bordellbetreiber profitierten von einem System, in dem viele Frauen unter Gewalt, wirtschaftlicher Abhängigkeit und Ausbeutung litten.

Entschieden widersprach Kraus der Darstellung von Prostitution als gewöhnlicher Erwerbsarbeit. Viele der Frauen stammten aus armen Regionen Europas, hätten bereits Gewalt erlebt oder befänden sich in besonders verletzlichen Lebenslagen. Weder das deutsche Recht noch die bestehenden Kontrollen böten ihnen ausreichenden Schutz.

Die gesellschaftliche Normalisierung des Sexkaufs fördere zudem die Vorstellung, sexuelle Verfügbarkeit sei käuflich, argumentierte Kraus. Darunter litten Empathie, Respekt und die Gleichberechtigung der Geschlechter. Die Folgen reichten weit über die Prostitution hinaus und belasteten auch Partnerschaften sowie das gesellschaftliche Verständnis von Sexualität.

Eindringlich erläuterte die Traumatherapeutin auch die psychischen Folgen sexueller Ausbeutung. Viele Frauen hätten schon in ihrer Kindheit Gewalt oder Missbrauch erlebt. Wiederholte ungewollte sexuelle Handlungen könnten zu schweren Traumatisierungen führen. Als zentralen Schutzmechanismus beschrieb Kraus diesbezüglich die Dissoziation: Betroffene spalteten sich innerlich von ihrem Körper und ihren Gefühlen ab, um Unerträgliches auszuhalten. Langfristig könnten daraus posttraumatische Belastungsstörungen, Angstzustände, tiefe Scham und Schwierigkeiten im Umgang mit anderen Menschen entstehen.

Diese Mechanismen erklärten auch, warum Opfer von Menschenhandel oft schwiegen, sich nicht wehrten oder trotz der Ausbeutung in der Prostitution blieben. Kraus warnte davor, fehlenden Widerstand mit freiwilliger Zustimmung zu verwechseln. Angst, Abhängigkeit und Traumatisierung machten es vielen Frauen unmöglich, sich aus eigener Kraft zu befreien. Kraus sprach sich zudem entschieden für einen "politischen Kurswechsel" aus, und auch für einen gesellschaftlichen: "Die Scham muss die Seite wechseln", so ihre Forderung.

In der anschließenden Publikumsdiskussion wurde auch die Verantwortung der Männer zur Sprache gebracht. Mehrere Diskussionsteilnehmende forderten, vor allem junge Männer stärker für Menschenwürde, Gleichberechtigung und die Folgen sexueller Ausbeutung zu sensibilisieren. Zugleich wurde daran erinnert, dass Menschenhandel und Ausbeutung auch in der Landwirtschaft, in Privathaushalten und anderen Arbeitsbereichen vorkommen.

Die Veranstaltung, die von der Initiative "Aktiv gegen Menschenhandel - aktiv für Menschenwürde" gemeinsam mit der KA-OÖ organisiert wurde, fand anlässlich des Europäischen Tages gegen Menschenhandel statt.
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