Koordinierungsausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit lud zur 70-Jahr-Feier ins Wiener Rathaus
Wien, 20.10.2026 (KAP) Viel Lob vonseiten der Kirchen, des Judentums und der Politik gab es am Montagabend im Wiener Rathaus für den Koordinierungsausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit (KooA). Der Ausschuss feiert heuer sein 70-Jahr-Jubiläum. Der Festakt war der Höhepunkt der Feierlichkeiten. KooA-Präsidentin Regina Polak konnte dazu neben dem Wiener Bürgermeister Michael Ludwig u. a. den Wiener Erzbischof Josef Grünwidl, den Vorsitzenden des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich, Bischof Tiran Petrosyan, und Gemeinderabbiner Shlomo Hofmeister begrüßen. Bundespräsident Alexander Van der Bellen stellte sich mit einer Videobotschaft ein.
Bürgermeister Ludwig würdigte in seinem Grußwort die Anfänge des KooA in einer Zeit nur wenige Jahre nach dem Ende der Shoah. Das sei damals alles andere als selbstverständlich gewesen, so Ludwig, der u. a. die Verdienste des damaligen Wiener Erzbischofs (und späteren Kardinals) Franz König hervorhob. Und Ludwig hielt fest, dass sich die Stadt Wien von Radikalismus jeglicher Art nicht werde in die Knie zwingen lassen. Es sei ihm wichtig, dass die Religionen in der Stadt gut zusammenarbeiten und das Verhältnis von Respekt und Vertrauen geprägt ist. Bei allen Verdiensten des KooA oder auch des seit einiger Zeit bestehenden Wiener Religionsrates gebe es immer noch viel Luft nach oben. Der Dialog müsse engagiert weitergeführt werden, so der Bürgermeister.
Gegen Hass und Antisemitismus auftreten
Der Vorsitzende des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ), Bischof Tiran Petrosyan, sprach den Wunsch aus, "dass jüdische und christliche Kinder und Jugendliche einander besser kennenlernen, miteinander ins Gespräch kommen und gemeinsam entdecken, wie bereichernd Verschiedenheit sein kann". Vorurteile würden dort an Kraft verlieren, "wo Menschen einander persönlich begegnen und den anderen nicht als Fremden, sondern als Mitmenschen wahrnehmen".
Die Erinnerung an die Shoah dürfe zudem niemals zu einer bloßen Rückschau auf die Vergangenheit werden. Sie müsse vielmehr das Gewissen schärfen und das Handeln in der Gegenwart bestimmen, so Petrosyan: "Ich wünsche mir, dass niemand bei antisemitischen Äußerungen schweigt und Menschen in unseren Schulen, Gemeinden und im öffentlichen Leben dem Hass entschieden entgegentreten." Juden und Christen sollten gemeinsam für Religionsfreiheit, Menschenwürde und Frieden eintreten und dort zusammenstehen, wo Menschen aufgrund ihres Glaubens ausgegrenzt oder bedroht werden. "Jüdisches Leben in Österreich soll frei von Angst und Bedrohung, in Sicherheit und mit selbstverständlicher gesellschaftlicher Anerkennung gelebt werden können", schloss der ÖRKÖ-Vorsitzende sein Grußwort.
Der bisherige Wiener Oberrabbiner Jaron Engelmayer, der nun in Israel lebt und wirkt, sandte seine Glückwünsche per Video. Er wünsche dem KooA u. a. eine große Flächenwirkung und Verbreitung der gemeinsamen Botschaften in weiten Kreisen der Bevölkerung, um damit den toleranten und respektvollen Umgang mit der anderen Religion weiter zu fördern. Zudem möge es dem Ausschuss auch gelingen, Aktualität und gesellschaftliche Relevanz einzubringen, und gleichzeitig verbunden mit akademischer Qualität und religiösem Spirit eine Brücke der verschiedenen Welten schlagen zu können.
Politische Grußbotschaften
Videobotschaften kamen von Bundespräsident Alexander Van der Bellen, Kultusministerin Claudia Bauer und Staatssekretär Alexander Pröll. Van der Bellen würdigte die Arbeit des KooA, der den Boden bereite für ein vielfältiges interreligiöses Miteinander in der Gesellschaft. Pröll und Bauer riefen zum entschiedenen Einsatz gegen Antisemitismus auf. Dies sei eine umfassende Aufgabe für den Staat, die Religionen, den Bildungsbereich bzw. alle Akteure der Zivilgesellschaft.
Für die ältere Generation, die über Jahrzehnte den KooA mitprägte, ergriff die Publizistin Ruth Steiner das Wort. Sie sprach davon, dass es zwar keine kollektive Schuld, sehr wohl aber eine kollektive Verantwortung gebe. Alle nach der Shoah geborenen Christen und Juden müssten gemeinsam sagen: "Nie wieder!", so der Appell Steiners, der mit Standing Ovations bedacht wurde.
Die jüdische Ärztin Hedda Forbathova, die im christlich-jüdischen Dialog in der Slowakei engagiert ist, überbrachte die Glückwünsche ihrer Vereinigung und Annette Adelmann, Generalsekretärin des Internationalen Rates der Christen und Juden (ICCJ), überbrachte die Glückwünsche ihrer Organisation.
Scheuer und Zsifkovics gratulieren
Der Linzer Bischof Manfred Scheuer, der fast 20 Jahre in der Österreichischen Bischofskonferenz für den Dialog mit dem Judentum verantwortlich war, betonte in seinem Grußwort, dass echter interreligiöser Dialog kein rein theoretischer Austausch sei. Vielmehr sei es eine existenzielle Notwendigkeit, bei der die Begegnung mit dem Anderen das eigene Ich aufbrechen und transformieren muss. Dazu brauche es die Erfahrung der Begegnung von Angesicht zu Angesicht.
Scheuers Nachfolger als zuständiger Bischof für den Dialog mit dem Judentum, der Eisenstädter Bischof Ägidius Zsifkovics, übersandte eine Videobotschaft, in der er den christlich-jüdischen Dialog als Dauerauftrag bezeichnete, mit Vorbildwirkung für den Dialog in anderen Bereichen von Religion und Gesellschaft.
Der reformierte Landessuperintendent Ralf Stoffers schließlich sprach von der bestmöglichen Vision, dass es den KooA einmal nicht mehr benötigen wird, da dessen Ziele und Prinzipien vielfach in der Gesellschaft bzw. den Kirchen und Religionen umgesetzt werden. Da es bis dahin wohl noch ein weites Stück Weg ist, wolle er den Verantwortlichen des KooA viel Kraft und Geduld für ihre weitere so dringend nötige Arbeit wünschen.
70 Jahre Dialog
Der Koordinierungsausschuss gilt als ältestes Forum des christlich-jüdischen Dialogs in Österreich und bemüht sich um gute Beziehungen zwischen den beiden Religionen. Kardinal Franz König (1905-2004) initiierte den Ausschuss 1956 auf Anregung von Prof. Kurt Schubert (1923-2007), dem Doyen der österreichischen Judaistik. Der Ausschuss trug nach der Shoah wesentlich dazu bei, dass ein neues Verhältnis zwischen Judentum und Christentum in Österreich möglich wurde. Die Arbeitsbereiche sind Dialog, Bildung, öffentliche Kommunikation und Wissenschaft. Der langjährige Generalsekretär des Ausschusses, Markus Himmelbauer, gab in seinem Vortrag beim Festakt einen Überblick über die 70-jährige Geschichte, mit vielen Meilensteinen, aber auch so manchen Schwierigkeiten.
Der Vorstand muss laut Statut zu je einem Drittel jüdisch, evangelisch und katholisch besetzt sein. Laut KooA-Webseite zählt der Koordinierungsausschuss aktuell mehr als 410 Mitglieder und 28 Partner. Neben KooA-Präsidentin Regina Polak sind Dechant Ferenc Simon und die Direktorin des Katholischen Bibelwerks, Elisabeth Birnbaum, die weiteren katholischen Vertreter im Vorstand. Von jüdischer Seite gehören Vizepräsident Willy Weisz sowie die Historiker Awi Blumenfeld und Mitchell Ash dem Vorstand an. Die evangelischen Vertreter sind Vizepräsidentin Margit Leuthold, der Historiker Leonhard Jungwirth und Pfarrer Stefan Fleischner-Janits. Geschäftsführer des Koordinierungsausschusses ist seit 2020 der jüdische Religionswissenschaftler Yuval Katz-Wilfing.
Fest der Generationen
Beim Festakt im Rathaus kamen auch der frühere KooA-Präsident Martin Jäggle, Vizepräsident Willy Weisz und Vizepräsidentin Margit Leuthold und Gemeinderabbiner Shlomo Hofmeister zu Wort. Dabei betonten alle vier u. a., dass sich durch die vertiefte Begegnung und Kenntnis der jeweils anderen Religion der eigene Glaube vertieft habe.
Für die junge Generation des KooA sprachen der Kirchenhistoriker Leonhard Jungwirth, die Theologin Julia Verbeek und Eidel Malowicki. Dabei ging es auch darum, unterschiedliche Positionen und Perspektiven ernst zu nehmen und trotzdem im Gespräch zu bleiben. Zugleich gelte es, den Dialog auszuweiten, etwa auf den Islam oder die zunehmende Zahl von Menschen ohne religiöses Bekenntnis.
Die musikalische Umrahmung des Festakts übernahmen Mika Ehrlich (Gesang), Bella Schütz (Klavier) und Nikolaus Zierotin (Geige). Auch die Poetry-Slam-Künstlerin Helene Ziegler sorgte mit ihrer Darbietung für großen Beifall.
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