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Parlament und Kossuth-Platz in Budapest
Zeitgeschichte
Bild Copyright: © Paul Wuthe / Kathpress

Historiker mahnt zu Vorsicht bei Öffnung ungarischer Geheimdienstakten

23.10.2026 09:56
Ungarn/Geschichte/Staatssicherheit/Archive/Gesellschaft/Kirche
Experte Soós warnt im Kathpress-Interview vor vorschnellen Schuldzuweisungen - Ab 4. November werden Daten über Zehntausende Informanten der kommunistischen Staatssicherheit öffentlich - Auch Kirchen in Ungarn zwischen Verfolgung und Kollaboration
Budapest, 23.10.2026 (KAP) Der ungarische Historiker Viktor Attila Soos warnt davor, Menschen allein aufgrund ihrer Nennung in Akten der früheren kommunistischen Staatssicherheit zu verurteilen. Die bevorstehende Öffnung der Archive sei ein wichtiger Schritt zur Aufarbeitung der Vergangenheit, sagte Soos im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Kathpress. Namen und persönliche Daten allein reichten jedoch nicht aus, um die Rolle einzelner Personen während der Diktatur zu bewerten. Historiker müssten auch prüfen, unter welchen Umständen die Staatssicherheit Informanten anwarb, ob und welche Berichte sie verfassten und welche Folgen diese hatten.

Es bestehe die Gefahr, dass Personen oder ganze gesellschaftliche Gruppen pauschal verurteilt würden. Dies gelte auch für die Kirchen in Ungarn, die während der kommunistischen Herrschaft nicht nur Opfer von Verfolgung gewesen seien, sondern deren Vertreter teilweise auch mit der Staatssicherheit zusammengearbeitet hätten.

Angaben zu rund 50.000 bis 60.000 Personen

Am 4. November soll in Ungarn die Internetplattform "nyitottaktak. hu" starten. Sie soll einer breiten Öffentlichkeit erstmals Informationen über frühere Informanten und Mitarbeiter der kommunistischen Staatssicherheit zugänglich machen. Nach Angaben des Historischen Archivs der ungarischen Staatssicherheitsdienste (ABTL) enthalten die Bestände Angaben zu rund 50.000 bis 60.000 Personen. Grundlage ist ein im September verabschiedetes Gesetz. Bisher konnten vor allem Wissenschaftler, Betroffene und deren Angehörige die Unterlagen einsehen.

Das Datum ist symbolträchtig: Am 4. November 1956 schlugen sowjetische Truppen den ungarischen Volksaufstand nieder. Die Öffnung der Akten fällt damit auf den 70. Jahrestag der Niederschlagung. Ministerpräsident Péter Magyar hatte die Offenlegung der Unterlagen als Beitrag zur Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit angekündigt. Seit dem Ende der kommunistischen Herrschaft 1989 hatte Ungarn seine Geheimdienstarchive nur eingeschränkt geöffnet.

Überwachung bis ins Privatleben

Das Spitzelnetz der Staatssicherheit reichte tief in die Gesellschaft hinein. Informanten berichteten über Arbeitskollegen, Nachbarn, Freunde und Familienangehörige. Überwacht wurden politische Gegner ebenso wie Künstler, Studenten, Kirchenmitarbeiter und religiöse Gemeinschaften. Die Anwerbung erfolgte unter anderem durch Drohungen, Erpressung oder die Aussicht auf persönliche Vorteile. Berichte konnten Verhöre und Verhaftungen nach sich ziehen. Selbst die alternative Musikszene in Budapest stand in den 1980er-Jahren unter Beobachtung.

Die Veröffentlichung könnte nun neue Erkenntnisse über das Ausmaß der Überwachung und die Verstrickung einzelner Personen ermöglichen. Zugleich wirft sie Fragen nach persönlicher Verantwortung, Datenschutz und dem Umgang mit jahrzehntealten Vorwürfen auf. Sensible Informationen etwa über Gesundheit oder Sexualleben sollen bei der Veröffentlichung unkenntlich gemacht werden. Archivdirektor Bendeguz Gergö Cseh bezeichnete die Öffnung gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters als historischen Schritt, warnte aber ebenfalls davor, allein aufgrund der Akten vorschnell Urteile zu fällen.

Kirchen zwischen Verfolgung und Kollaboration

Im Zuge der historischen Aufarbeitung nach 1989 wurde zunehmend auch das Verhältnis der Kirchen zum kommunistischen Staat untersucht. Dabei zeigte sich einerseits, wie vielfältig das kirchliche Leben trotz staatlicher Repressionen aufrechterhalten werden konnte. Andererseits wurde deutlich, wie stark kirchliche Strukturen von Informanten durchsetzt waren und wie weit die Zusammenarbeit einzelner Kirchenvertreter mit dem Regime unter äußerem Druck ging.

Mehrere ungarische Historiker veröffentlichten dazu Studien und Dokumentationen, insbesondere über die Verbindungen zwischen der katholischen Kirche und der Staatssicherheit. Ihre Ergebnisse blieben allerdings nicht unumstritten; zahlreiche Betroffene widersprachen den Darstellungen. Auch mehrere Bischöfe sollen während der jahrzehntelangen Ära des kommunistischen Parteiführers János Kádár ab 1956 als Informanten tätig gewesen sein. In vielen Fällen ist jedoch ungeklärt, wie umfangreich diese Tätigkeit tatsächlich war und ob die Betroffenen etwa lediglich Informationen weitergaben, die den Sicherheitsorganen ohnehin bereits bekannt waren.

Für Soos, Mitglied des ungarischen Komitees des Nationalen Gedenkens, ist deshalb die Erforschung der individuellen Lebensgeschichten entscheidend. Man müsse untersuchen, unter welchen Umständen jemand angeworben worden sei, ob die betreffende Person tatsächlich Berichte verfasst habe und welchen Inhalt diese gehabt hätten. Manche hätten durch ihre Zusammenarbeit Führungspositionen erlangt, andere seien unter Druck gesetzt und zur Mitarbeit gezwungen worden. Eine einfache Einteilung in Helden, Opfer und Kollaborateure werde der historischen Wirklichkeit nicht gerecht.

"Ich denke, dass es für die heutige Kirchenleitung wichtig ist, sich der Vergangenheit zu stellen und um Vergebung zu bitten", sagte Soos. Die Kirchen müssten sich sowohl mit dem erlittenen Unrecht als auch mit der eigenen Verstrickung in die Diktatur auseinandersetzen. Dabei dürfe weder behauptet werden, die Kirche sei fehlerlos gewesen, noch, sie habe insgesamt versagt. Bis heute sei nicht einmal genau bekannt, wie viele Menschen wegen ihrer kirchlichen Bindungen in Gefängnisse oder Internierungslager gekommen seien.

Aufarbeitung statt pauschaler Verurteilung

Die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der kommunistischen Vergangenheit ist in Ungarn auch bald vier Jahrzehnte nach dem Systemwechsel nicht abgeschlossen. Die Frage der Aktenöffnung war über Jahre politisch umstritten, nicht zuletzt wegen möglicher Verbindungen ehemaliger Informanten zu späteren politischen Funktionsträgern. Die neue Datenbank soll nun eine breitere öffentliche Auseinandersetzung mit diesem Teil der ungarischen Geschichte ermöglichen.

Soos erwartet von der Öffnung zusätzliche Erkenntnisse für die historische Forschung. Allerdings blieben weiterführende Untersuchungen unverzichtbar. Agentenberichte, Ermittlungsakten und andere Dokumente müssten herangezogen werden, um die tatsächliche Rolle einzelner Personen zu rekonstruieren.

Die Aufarbeitung dürfe sich nicht darauf beschränken, frühere Informanten zu identifizieren. Sie müsse auch erklären, wie das autoritäre System funktionierte und unter welchen Bedingungen Menschen Entscheidungen trafen. Die Vergangenheit zeige, welche Fehlentwicklungen entstünden, wenn Macht, Karrierechancen oder materielle Vorteile über moralische Grundsätze gestellt würden, so der Historiker.

Die Auseinandersetzung sei auch für die Gegenwart wichtig: Strukturen und Verhaltensmuster aus der Zeit der Diktatur wirkten bis heute nach. Ziel müsse deshalb sein, aus der Geschichte zu lernen, statt Menschen allein aufgrund ihres Auftauchens in den Geheimdienstakten zu verurteilen.
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