St. Pölten: Ordensgruft erinnert an Pionierinnen der Mädchenbildung
24.10.202613:09
Österreich/Kirche/Bildung/Geschlecht/Schule/Orden
Früher Einsatz für Mädchenbildung in St. Pölten - Ordensgründerin Mary Ward gründete Schule für Mädchen aus Adel und Bürgertum
St.Pölten, 24.10.2026 (KAP) Eine Ordensfrau, "welche mit Weisheit erfüllet war und ihre weiblichen Gedanken mit männlichem Muthe unterstützte": Mit dieser ungewöhnlichen Würdigung erinnert eine Grabinschrift in St. Pölten an Maria Katharina, Gräfin von Saint-Julien, eine Oberin der "Englischen Fräulein". Die Ordensgemeinschaft habe sich bereits im frühen 18. Jahrhundert für die Bildung von Mädchen eingesetzt und sei deshalb auch auf kirchliche Vorbehalte gestoßen, wie die Österreichische Ordenskonferenz in einer Aussendung informierte. Eine Gruft unter der Schulkirche der Mary-Ward-Schulen bewahrt die Gräber von 26 Ordensfrauen, die dort zwischen 1727 und 1784 bestattet wurden.
Das Wirken der Gemeinschaft, heute Congregatio Jesu, stand in der Tradition der Ordensgründerin Mary Ward (1585-1645), die sich für eine eigenständige Bildung von Mädchen einsetzte. Ward wollte Mädchen nicht nur religiös unterweisen, sondern ihnen auch Lesen, Schreiben und Rechnen vermitteln. Ihr Ansatz ist dabei laut der Österreichischen Ordenskonferenz für das 17. Jahrhundert ungewöhnlich gewesen: Die Schwestern sollten dort wirken können, wo sie gebraucht wurden, statt sich in ein Kloster zurückzuziehen. Bildung, Gemeinschaft und ignatianisches Gebet bildeten zentrale Elemente ihres Selbstverständnisses.
Mit diesem Ansatz stieß Mary Ward bei kirchlichen Autoritäten auf Ablehnung. Zeitweise wurde sie von der Inquisition festgesetzt. Dennoch verbreiteten sich ihre Bildungseinrichtungen, vielfach unterstützt vom Adel. Der Ordensgründerin wurden die Bezeichnungen "Häretikerin, Schismatikerin und Rebellin gegen den hl. Stuhl" zugeschrieben. Auch die Schwestern wurden von Teilen des Klerus kritisch gesehen und als "galloping girls" oder "wandernde Betschwestern" verspottet. Der anglikanische Erzbischof von Canterbury, George Abbott, soll hingegen anerkennend gesagt haben: "Diese Frau schadet dem Protestantismus mehr als sechs Jesuiten."
Schule für Mädchen aus Adel und Bürgertum
Das Institut in St. Pölten wurde 1706 gegründet. 1711 wurde eine Schule für adelige Mädchen eröffnet. Die niederösterreichischen Stände ermöglichten darüber hinaus sechs Mädchen aus verarmten Adelsfamilien den Besuch des Internats. Die Ordensfrauen schufen damit Bildungsangebote für Mädchen, deren Zugang zu Unterricht damals stark von Herkunft und finanziellen Möglichkeiten abhing.
Die Gemeinschaft gewann auch in adeligen Kreisen an Ansehen. In der Gruft liegen unter anderem Isabella, geborene Gräfin von Kolowrat, Katharina, geborene Gräfin von Czernin, Maria Anna, Freiin von Kriechbaum, und Magdalena, Freiin von Kielmansek. Dass Töchter adeliger Familien im Institut unterrichtet wurden und Frauen aus dem Adel selbst dem Orden beitraten, stärkte die gesellschaftliche Stellung der Gemeinschaft.
Eine besondere Verbindung bestand zwischen Maria Katharina, Gräfin von Saint-Julien, und Kaiserin Maria Theresia. Die beiden kannten einander seit ihrer Jugend. Der Eintritt Maria Katharinas in den Orden soll die spätere Kaiserin tief beeindruckt haben, hieß es. Maria Theresia besuchte ihre Freundin im Institut und hielt sich dort mitunter auch auf.
Von der besonderen Beziehung zeugt bis heute der sogenannte Maria-Theresien-Ornat, auch Pfingstornat genannt, das heute im Museum am Dom in St. Pölten ausgestellt ist. Der Überlieferung nach schenkte ihn die Kaiserin den Englischen Fräulein entweder 1740 anlässlich des Ordenseintritts ihrer Freundin oder 1748 nach deren Wahl zur Oberin.
Ende der Bestattungen in der Gruft
Die Gruft diente bis ins späte 18. Jahrhundert als Begräbnisstätte der Schwestern. 1784 untersagte Kaiser Joseph II. aus hygienischen Gründen Bestattungen innerhalb der Städte. Friedhöfe sollten außerhalb der Stadtmauern liegen.
Aktuell ist die Gruft nur im Rahmen von Führungen zugänglich. Die Congregatio Jesu übergab ihre Schulen und Liegenschaften an den Verein der Ordensschulen Österreichs (VOSÖ) und das Institut Österreichischer Orden (IÖO), die sich auch um die Gruft kümmern.