"Die Entschlüsselung des Tassilo-Codes" am Dienstagabend in der ORF-Doku-Reihe "kreuz & quer" zu sehen - Im Stift Kremsmünster aufbewahrtes liturgisches Gefäße aus dem frühen Mittelalter zählt zu den bedeutendsten Kunstschätzen Österreichs
Wien, 26.10.2026 (KAP) War der seit Jahrhunderten im Stift Kremsmünster aufbewahrte Tassilokelch ursprünglich für Salzburg bestimmt? Dieser Frage geht eine neue Ausgabe der ORF-Doku-Reihe "kreuz & quer" nach. Pater Altman Pötsch, Kustos des Stifts Kremsmünster, hat sich zehn Jahre lang mit den Inschriften und Bildmotiven des frühmittelalterlichen Kelchs beschäftigt. Seine Entdeckungen legen eine neue Deutung nahe. Die Dokumentation "Die Entschlüsselung des Tassilo-Codes" ist am Dienstag um 22.35 Uhr in ORF 2 und auf ORF ON zu sehen.
Der Tassilokelch gilt als eines der kostbarsten liturgischen Gefäße des frühen Mittelalters und zählt zu den bedeutendsten Kunstschätzen Österreichs. Gestiftet hat den Kelch im 8. Jahrhundert der bayerische Herzog Tassilo III. und seine Frau Liutpirc. Beide sind in einer lateinischen Inschrift auf dem Kelchfuß verewigt: "Tassilo dux fortis, Liutpirc virga regalis" (Tassilo, starker Fürst - Liutpirc, aus königlichem Geschlecht).
Laut Pötsch enthält die Inschrift ein Anagramm mit den beiden Namen Virgilius und Rodpergto. Es deutet darauf hin, dass der Kelch für den später heiliggesprochenen Salzburger Bischof Virgil bestimmt gewesen sein könnte. Dieser ließ damals einen Dom zu Ehren des heiligen Rupert errichten. Der Tassilokelch könnte als Messkelch für für den 774 neu geweihten Dom gedacht gewesen sein. Auch spricht ein Chronogramm nach Deutung von Stiftskustos Pötsch dafür, dass der Kelch nicht 777, sondern erst 781 gefertigt wurde.
Einflüsse von Italien über Byzanz bis Irland
Die Inschriften, Verzierungen und 42 Darstellungen von Fabeltieren auf dem Kelch verweisen auf unterschiedliche kulturelle Einflüsse, die von Byzanz bis Irland reichen. "Der Tassilokelch symbolisiert und fasst in sich eine ganze Epoche", erklärt der Kirchenhistoriker Thomas Prügl in der TV-Doku. Die Byzantinistin Claudia Rapp erkennt Einflüsse aus Byzanz, unter anderem in der Darstellung Christi als Pantokrator.
Die 42 Fabeltiere weisen laut der Dokumentation auf den anglo-irischen Raum hin. Der Historiker John Blair von der Universität Oxford hält es deshalb für möglich, dass Handwerker von den Britischen Inseln an der Herstellung beteiligt waren. Die Bildmedaillons wiederum zeigen die vier Evangelisten, die Muttergottes und Johannes den Täufer. Sie stehen in italienischer Kunsttradition.
Nach Tassilos Absetzung durch den Frankenkönig Karl den Großen im Jahr 788 wurden seine Schätze verstreut. Vermutlich wurde der Kelch nach Kremsmünster gerettet, da das Kloster eine Gründung des Herrschers war.
Im Zweiten Weltkrieg erneut in Gefahr
Im Zweiten Weltkrieg geriet der Tassilokelch erneut in Gefahr. Das NS-Regime nutzte das Stift Kremsmünster als Lagerstätte für Kunstwerke, die für das geplante "Führermuseum" vorgesehen waren. Gegen Kriegsende wurde der Kelch zunächst ins Salzbergwerk Altaussee und später in einen Stollen in Lauffen bei Bad Ischl gebracht. Im April 1945 gelangte er bei einer privaten Geheimaktion, versteckt in einem Rucksack zwischen Kartoffeln, zurück nach Kremsmünster.
Seit den 1960er Jahren wird der Tassilokelch im Stift Kremsmünster ausschließlich liturgisch in der Eucharistiefeier am Gründonnerstag, am Stiftertag am 11. Dezember sowie als Wahlurne bei einer Abtwahl verwendet. Als Messkelch diente er zudem bei mehreren Papstmessen in Österreich, darunter etwa 1983 im Wiener Donaupark mit Johannes Paul II. und 2007 in Mariazell mit Benedikt XVI. Besucher des Stiftes Kremsmünster bekommen hingegen meist nur eine Kopie des wertvollen Stücks in der Panzerglasvitrine zu sehen.